Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Trojanisches Pferd oder Zirkuspferd?

Freitagmittag, 13.38 Uhr. Ich sitze im Zug und überlege, was genau mir an der Ausstellung so gut gefallen hat: Ist es vor allem die Szenografie, die augenzwinkernden Konstellationen der Werke untereinander oder der Fakt, dass sich die thematisierten queeren Aspekte nicht in your face präsentieren, sondern manchmal scheinbar zufällig daherkommen? Es fühlte sich gut an, ich fühlte mich irgendwie repräsentiert – es scheint so, als würde die Ausstellung Realität abbilden: Queere Menschen und Themen sind überall zu finden, ja wirklich überall.

Queerness ist nichts Besonderes oder Unheimliches oder Komisches oder *insert abschätziges Wort, das zur Abgrenzung zum Normalen dient, here*. Übrigens ist queer sein auch nicht das einzige Identitätsmerkmal, mit dem sich queere Menschen identifizieren. Ich identifiziere mich zum Beispiel auch mit meiner Klassenherkunft und -zugehörigkeit, meinen akademischen Errungenschaften, der Art wie ich Freundschaftsbeziehungen und meine Liebesbeziehung leben kann, meinem Frau-Sein und vielen weiteren Dingen. Manchmal fühlt es sich so an, als würden cis-heterosexuelle Menschen, die sich als Allies für queere Menschen einsetzen, davon ausgehen, dass der Fakt des Queer-Seins darüber entscheidet, wer wir sind. Mit grosser Sicherheit spielt er eine nicht zu leugnende Rolle, aber ich als Mensch bin so viel mehr als queer. Manchmal wünschte ich mir, die Gesellschaft würde mich einfach in Ruhe lassen und mich meine Liebe leben lassen. Lasst mich doch einfach sein, Herrgott. An anderen Tagen wiederum ist mir nichts wichtiger, als für die Sichtbarkeit von Queerness zu kämpfen – denn längst nicht alle queeren Menschen haben die Freiheit, einfach sein zu können. All die aufgeführten Identitätsmerkmale, mit denen ich mich identifiziere, lassen sich schlussendlich auch nicht losgelöst von meiner Queerness betrachten. Wie dem auch sei – ja, queere Menschen sind auch einfach ganz normale Menschen. Was auch immer normal bedeutet, aber so weit so gut.

Oft bin ich genervt, weil gerade eine Vielzahl von Ausstellungen aus dem Hut gezaubert werden, die sich in irgendeiner Form mit Queerness beschäftigen. «Warum genervt?», fragen sich sicher einige. Schlicht und ergreifend deshalb, weil die woke, coole und linke Bubble, die sich zu guter Recht gegen viel zu laute rechte Stimmen stellt, queer sein zu einer Art Auszeichnung gemacht hat. «Herzlichen Glückwunsch, Sie sind queer!» Händeschütteln. «Sie gehören nun zu der Minderheitsgruppe, die gerade besonders viel Aufmerksamkeit bekommt» – solange, wie sie sich politisch ausschlachten lässt und die ihr zugehörigen Menschen als Zitat Zirkuspferde Zitat Ende herhalten können. Selbstverständlich habe ich nichts gegen Repräsentation und Sichtbarkeit. Ich bin nur kein Fan von dem Phänomen des Tokenism oder zu deutsch dem Phänomen des Aushängeschild-Seins. Kämpfen die Institutionen für echte Gleichberechtigung oder tut es dem Image gut, eine Ausstellung zum Thema Queerness in all den Facetten zu machen, die der Regenbogen hergibt? Einfach, um zu zeigen, dass sie auf der richtigen Seite stehen? Nochmal: Mein Problem ist nicht die Sichtbarkeit, sondern die in your face-Message und die unweigerlich daraus resultierende Doppelmoral der Kunstinstitutionen. Gegen aussen kann vieles proklamiert werden, aber wie flexibel sieht es innerhalb der Institutionen wirklich aus, wenn es ungemütlich wird? Beispielsweise wenn nicht-binäre Mitarbeiter*innen im Intranet genderneutral aufgeführt werden möchten? Uh, schaurig! Nicht nur, aber auch die Doppelmoral war es, die mich zu der Entscheidung getrieben hat, nicht mehr Teil des institutionellen Kontexts sein zu wollen. Lasst mich in Ruhe queer sein und forschen! Und dennoch: Ich bin offen für Korrektiverfahrungen.

Zweifelsohne bin ich jedenfalls sehr froh über Erfahrungen, wie diejenige, die ich bei meinem Besuch in der Ausstellung Disobedient Constellations machen durfte. Zugegeben – im ersten Moment war ich ein bisschen kritisch und habe mich gefragt, inwiefern die Einladung von Q.U.I.C.H.E. eine Aufforderung à la «Erklärt mal Laufenburg, dass queere Menschen ganz normal sind» ist. Aber ich wurde eines Besseren belehrt. In der Ausstellung geht es um viele verschiedene Themen, nirgends steht explizit «Hallo, sehen Sie nur her, was wir Ihnen alles über Queerness lehren, denn wir stehen auf der richtigen Seite, ätschibätsch.» Diese Ausstellung ist mehr wie ein trojanisches Pferd, das 2025 in Laufenburg platziert wurde, als der Vengabus mit Discokugel. Die Rampe öffnet sich und statt der griechischen Soldaten springen heraus: Monica Bonvicinis mundgeblasenen schlaffen Glaspenisse, die über eine Replika des Ready-made Flaschentrockner vom gross gelobten Meister Marcel Duchamp hängen oder Nina Wakefords Plakate mit der Aufschrift «We Will Replace All Men with Machines». Ausserdem spazieren einige Werke aus der Sammlung Thomas Fuchs aus dem trojanischen Pferd, deren ausgesprochener Fokus die Repräsentation des queeren männlichen Körpers in der Kunst ist – gleich hinter Olivia Etters Gottesanbeterin, mit deren Sockelplatzierung im Skulpturengarten Kurator*innen auch ein bisschen des grossen Rehmanns Nerven kitzeln möchten. Lara Kaisers Portraits sollten auch nicht unerwähnt bleiben: Die Fotografin knipste während der Kulturnacht Laufenburg Besucher*innenportraits und – nachdem die Porträtierten sich eine Hintergrundfarbe aussuchen und ihren Konsens zum Ausstellen ihres Fotos geben konnten – landete die Serie in der Ausstellung. Sehe ich da etwa viele verschiedene Menschen als Teil einer regenbogenfarbigen Fotoanordnung? Incroyable! Es gibt also eine gewisse Message, und zwar ohne, dass sie unbedingt das Aushängeschild der Ausstellung ist. Nun gut, schlussendlich habe ich herausgefunden, warum mir die Ausstellung gefallen hat, und zwar einfach, weil sie zeigt, dass Queerness nicht vermeidbar ist: Sie ist überall! Sichtbar, versteckt, laut, leise, schillernd, grau, gross, klein, mutig, schüchtern und so vieles mehr…