Das Stadt-Land-Gefälle ist keine Rutschbahn. Es ist ein komplexes Geflecht, in dem sich Menschen, Dinge, Ideen und vor allem Infrastruktur verwickeln, verknoten, auflösen und ausfransen. Vielleicht gibt es in einer Stadt mit 5.000 Einwohner*innen kein gutes koreanisches Restaurant. In Basel gibt es allerdings auch keines (das mir bekannt wäre). Vielleicht gibt es in einem Dorf, wo selbst der Volg schliessen musste, nicht die von Kindern auf TikTok gesehenen und heiss begehrten Sammelkarten. In Zürich sind sie dafür aber ohnehin schon ausverkauft. Es ist nicht so, als gäbe es in der Stadt immer alles und es ist auch nicht so, als gäbe es auf dem Land nichts. So einfach schwarz und weiss ist es eben mal wieder nicht. Fast wie Gender scheint das Stadt-Land-Gefälle fluid zu sein. Im Zweifelsfall sogar bi-curious.
Manches schafft es aber schlicht und ergreifend nicht bis in die ländlichen Regionen: eine weniger heimisch verankerte Kulinarik oder eine bestimmte Musikrichtung mit entsprechenden Veranstaltungsorten zum Beispiel. Gerade auch Dinge, die vielleicht eine gewisse kritische Masse haben müssen, um wahrgenommen zu werden, bleiben oft den Städter*innen vorbehalten. Selbst in den Städten sind sie dann häufig nur kleineren Gruppen innerhalb einer grösseren Bevölkerung zugänglich.
Queerness ist so ein Phänomen. Man kann als Kind in einem Dorf aufwachsen, ohne je mit jemandem konfrontiert zu sein, der offen queer lebt. Diese Behauptung wage ich jetzt mal so in den Raum zu stellen, weil es mir selbst so erging. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in einem 800-Seelen Dorf an einem Nordhang, wegen dem wir immer ab spätestens 17 Uhr auch im Sommer keine Sonne mehr hatten.
Gewisse Dinge gab es dort einfach nicht. Keinen Supermarkt zum Beispiel, weshalb man auf jeden Fall ein Auto brauchte. Aber ein Auto brauchte man ohnehin für alles. Und wenn man unter 18 war und deshalb kein Auto fahren durfte, brauchte man eben jemanden mit Zeit und Auto, der einen durch die Gegend fahren konnte. Auf erste Dates zum Beispiel mit einem Mädchen aus dem Nachbardorf. Solche Dates fanden somit ganz zwangsläufig unter der Beobachtung und Wertung der Eltern statt. Hätte man sich heimlich mit wem treffen wollen – etwa weil die jugendliche Liebe nicht den gelebten Normen entsprochen hätte – wären bereits komplexere Lügengebilde nötig gewesen.
Aber wie hätte ich als Kind überhaupt auf die Idee kommen können, dass ich mich in unüblicher Weise verlieben könnte? Was hätte das denn bedeutet? Etwa, dass man schwul ist? Ein Homosexualisierter? Sowas haben wir hier eigentlich nicht. Sowas haben wir nur als Schimpfwort. Der exzentrische Lehrer mit dem Schlauchboot im Auto für den Fall, dass die Sintflut kommt, zum Beispiel, der ist schwul. Schwul im Sinne von ‘scheisse’ zumindest, denn dass er vom weiblichen Geschlecht äusserst fasziniert war, wurde in den Blicken, mit denen er den Mädchen folgte, nur allzu deutlich. Aber der war eben schwul. Im Sinne von eklig. Im Sinne von dubios. Im Sinne von: lieber nicht zu Nahe kommen.
Und so war alles, was man irgendwie nicht mochte, einfach ‘voll schwul’. Bis zu dem Punkt, wo man auch gefragt wurde: “Wie findest du das? Ist das cool oder schwul?”
Ich weiss nicht… beides?
Deshalb gab es dann als Dreizehnjähriger für mich Dates mit Mädchen aus Nachbardörfern, denn nur das war denkbar. Nur das war sagbar. Nur dafür gab es Referenzen. Als ich älter wurde, gab es dann noch eine andere Art von Schwulen. Das waren die, die an Aids starben. Aber das musste ja so kommen. Du weisst ja…
Mit dem Internet hatte sich das geändert. Das war zumindest meine feste Überzeugung. Das Internet hat für alle Regionen neue Welten erschlossen, auch wenn vielleicht der Glasfaserausbau unterschiedlich schnell voranging. Vor dem Siegeszug des Web 2.0 war ich allerdings schon aus besagtem Dorf weggezogen und konnte so nicht an den Früchten des neuen, digital ermöglichten Facettenreichtums naschen.
Mit dem Internet musste sich aber die Möglichkeiten zur queeren Identitätsbildung auf dem Land geändert haben. Da war ich mir sicher.
In meiner Vorstellung gab es dann ja so viel mehr Repräsentation. So viel mehr Begriffe, von so trennscharf definierten Identitäten, die nachlesbar waren, die vorgelebt wurden, die sich gar nicht mehr verstecken mussten. Diese Überzeugung machte sehr viel Sinn für mich.
Umso überraschter war ich dann, als meine Mutter mir einen Artikel über meinen etwa 15 Jahre jüngeren Gross-Gross-Cousin schickte, den ich persönlich gar nicht kannte. Die Überschrift des Artikels war: “Wie ein ‘Junge vom Dorf’ beim CSD eine Familie fand”. Über meinen Gross-Gross-Cousin war in diesem Artikel in der Lokalzeitung zu lesen: “Auf dem Dorf habe er in der Kindheit und Jugend keine queeren Vorbilder gehabt. Als er irgendwann merkte, dass er sich weniger für Mädchen interessierte als die anderen Jungs in der Mittelstufe, habe er zunächst nicht einmal gewusst, was der Begriff ‘schwul’ bedeutet. Lange habe er sich allein gefühlt und Angst gehabt, jemand würde ‘das grosse Geheimnis’ erfahren.”
Es hat sich also wohl weniger in meinem Heimatdorf (und daher vielleicht auch in anderen ländlichen Regionen) geändert als ich gedacht hatte. Die bunt lebenden Menschen hinter dem Bildschirm der Smartphones haben vielleicht nicht die gleiche Strahlkraft für die eigene Identitätsbildung wie reale Vorbilder. Gleichzeitig impliziert dieser Mangel an sichtbar queeren Figuren in der Region für die Generationen nach mir auch, dass ich keine Pionierarbeit geleistet hatte. Ich war keine Referenz für diesen Jungen, der eigentlich nur fünf Strassen weiter aufwuchs – wenn auch zeitlich versetzt.
Genau wie ich hatte er mit seinem offen schwulen Leben erst begonnen, als er nach der Schule in die Stadt gezogen war. Besagter Artikel erschien in der Lokalzeitung der Stadt. So machte der Artikel zum Erscheinungszeitpunkt zwar im Dorf die Runde, bis zu dem Punkt, an dem meine Mutter ihn mir schickte. Aber wird davon ein anderes queeres Kind, das gerade vielleicht noch im Kindergarten spielt und von den Fragen, die sich anbahnen, kaum etwas ahnt, profitieren? Wahrscheinlich nicht.
Müssen wir also hinaus aufs Land? Müssen queere Menschen in ländlichen Regionen präsenter werden? Nicht nur über Internet und Fernsehen, sondern ganz irl und in the flesh?
So ähnlich ist die Prämisse der RuPaul Show “We’re here”. Diese Sendung ist laut eigener Aussage: “a reality television show that follows former RuPaul’s Drag Race contestants on a mission to spread love and connection in small-town America.” Wie viel Love und Connection dabei entsteht, mag ich nicht beurteilen. Aber vielleicht braucht es etwas dieser Art?
Mehr einen gutgelaunten Konvoi von queeren Menschen, die den Dialog mit Menschen suchen, die wenig mit Queerness konfrontiert sind. Quasi ein Vengabus statt Postauto, der mit Discokugel durch den Aargau und allem, was noch dahinter liegt, tuckert und verkündet, wie schön bunt die Welt und das Leben sein können?
Das wirft dann wieder ganz andere Fragen auf. Warum, zum Beispiel, müssen queere Menschen diese Arbeit machen? Arbeit, die ja letzten Endes darauf hinausläuft, dass man* Grundlagen schaffen möchte, die es weniger wahrscheinlich machen, dass man* selbst, oder andere queere Menschen dann doch eines Tages mit Fackeln und Mistgabeln aus den Dörfern (und auch Städten) gejagt werden. Wie schnell sich hart erkämpfte Fortschritte in Toleranz und Gleichberechtigung zurückschrauben lassen, zeigt das Jahr 2025 nur allzu deutlich.
Ein anderes Problem mit einem solchen Bus wäre wohl, dass die immer wieder geäusserte (wenngleich auch fadenscheinige) Kritik an queerer Sichtbarkeit ist, dass ‘man’ (also Cis Hetereo Menschen, am besten mit Kernfamilie) sexuelle Andersartigkeit ‘aufgezwängt’ bekäme. Eigentlich sei ‘einem’ ja ‘egal’ was die Leute so ‘machen’, aber man wolle es halt nicht ‘unter die Nase gerieben haben’. Der glitzernde Bus würde wohl den einen oder die andere ganz schön unter der Nase jucken, befürchte ich. Wären denn die Busfahrenden mit Kylie Minogue Playlist und Nebelmaschine eigentlich überhaupt sicher, wenn sie sich so exponieren? Wer garantiert das?
Also bleibt der Bus lieber in der Garage und stattdessen muss die Queerness auf Schleichwegen aufs Land. Sie muss im Geheimagententrenchcoat in die Agglomeration geschmuggelt werden. Sie muss in einem trojanisches Pferd aus Landjägern, aus denen dann pinker Rauch aufsteigt, wenn man hineinbeisst, über die Autobahnen jenseits der Ballungszentren. Am Besten muss dies in einem Rahmen passieren, in dem eine Institution zumindest ein Grundmass an Schutz bietet.
Kulturinstitutionen können genau solche trojanischen Pferde sein. Oder solche Pferde beherbergen. Pferde, in denen Ideen und generell verschiedene Formen von Neuem eingebettet an ein Publikum gebracht werden. Denn Queerness schlummert eigentlich überall. Man muss nur ein wenig in die Ritzen schauen. Das ist nicht zweideutig gemeint. Also, gut, vielleicht ein bisschen.
Aber in den Zwischenräumen versteckt sich häufig das Andere, das einen bezaubern kann, wenn man sich ihm nur ein wenig aussetzt. Ein anderes, das bereichernd ist, wenn man eine kurze, erste Irritation aushält. Kultur ist immer auch ein Ort der Zwischenräume. Musik entsteht in den Abständen zwischen den Noten. Der doppelte Absatz gibt dem Text Gewicht. Der leere Raum des Gemäldes ist Teil der Komposition.
Vielleicht kann Q.U.I.C.H.E. sich als harmlose Bistro-Vereinigung tarnen und sich hinter dampfenden Auflaufformen versteckt in neue regionale Gefilde pirschen.
Denn, so neu sind diese für uns gar nicht.
Wir kommen da her.
Wir sind von da.
Wir waren schon immer hier.
