Am Ende bewegten sich alle Performerinnen von ARCHIVES & BEYOND #2 mit einer Performerin mit, deren Mund die Worte des Textes von Ewiges Haus formte: «und wenn du mich fragst, wie ich leben will, sag ich nichts mehr… das ist mein ewiges Haus.» Die dunkle Stimme von ‘Friends of Gas’ wird dabei von einem post-punk Beat und Baseline begleitet. Aus welchem Material kann ein ewiges Haus erbaut werden? Wem gehört es und was ist damit überhaupt gemeint? Welchen Platz darf es beanspruchen? Im Video-Clip des Songs spielt dann ein Gebäude die Hauptrolle, das sich im Zerfall befindet und dessen ursprüngliche Funktion aus der übriggebliebenen Architektur schwer ablesbar ist. Ist es einmal ein Bürogebäude gewesen? Ein Wohnhaus? Ein Hotel oder ein Spa? In einem der Räume ist mit dunkelrotem Spray «Willkommen im Leben» an die Wand getaggt.
Während ich die dystopische Grundstimmung noch einzuordnen versuche, schiebt sich eine Assoziation in mein auditives Bewusstsein: in Le Feu besingt die post-pop Band ‘Hyperculte’ mit freudig überbordendem Enthusiasmus die Vergänglichkeit unserer menschlichen Errungenschaften. In der minimalistischen Ästhetik beider Bands klingt für mich ein Anarchismus an, der sich Ottonormalverbraucher:innen wohl am ehesten in mit grossen Stoffbannern gekennzeichneten Hausbesetzungen offenbart.
Auf dem Weg zur Performance sah ich schon von aussen, dass schwarze Stoffbahnen die riesige Fensterfront des Ausstellungsraums im Erdgeschoss des Museum Tinguely verschlossen. Der Innenraum war bühnenartig hergerichtet: durch eine Trennwand verkleinert, bot er dahinter wahrscheinlich einen Back-Stage Bereich für die Performerinnen. Vor der Wand, im mit Scheinwerfern ausgeleuchteten Bühnenraum, standen adrett aufgereiht Requisiten. Technisches Equipment war funktional im Publikumsraum verteilt.
Dann betrat der Direktor des Museum Tinguely die Bühne und sprach in seiner offiziellen Einleitung zwei Schlagwörter aus, die meine Betrachtung der Performance beeinflussten: Architektur und Macht – eingebunden ins ‘Jetzt’ unseres lokalen Kontexts.
In der vierten Szene sah ich nach einem auf Papier ausgedruckten Bild der Elbphilharmonie – ein Bauwerk, das von dem unweit von uns auf der anderen Rheinseite ansässigen Stararchitekturbüro Herzog & de Meuron entworfen worden war – ein ausgedrucktes Bild der zwei Roche-Türme, die auf dem Papier der Vorstellungskraft derselben zwei Köpfe entsprangen, an die Wand projiziert. Die Performerin teilte mir singend mit, dass Architektur Geld kostet, wer Geld auch Macht hat und daher Architektur ein Ausdruck von Macht sei. So wurde die Elbphilharmonie in eine Art Perlenkette für die Blicke der Tourist:innen eingereiht, die von auf der Elbe vorbeidampfenden Kreuzfahrtburgen aus bestaunt werden kann. Dahinter seien dann weniger wohlhabende Stadtviertel versteckt worden. Die Roche-Türme hingegen tun in meiner Wahrnehmung hauptsächlich eines: Zeigen. So verankert der milliardenschwere Pharmagigant seine Dominanz visuell und metaphorisch im Stadtbild von Basel. Und doch: Als diese ausgedruckten Türme vor laufender Kamera unter die Schere der Performerin kamen und von einer Art ermahnenden Singsang als ‘Bubenstreiche’ bezeichnet in zickzackförmigen Linien zerschnitten wurden, war mir unangenehm zu Mute. Trotz meiner institutionskritischen Affinität – oder vielleicht gerade deswegen.
Blitzschnell kam der Gedanke: Das Museum Tinguely – vom Tessiner Architekten Mario Botta entworfen – gehört ebenfalls (vielleicht über den Umweg einer Stiftung?) der F. Hoffmann-La Roche AG und der Direktor des Museums, der die erklärende Einleitung gesprochen hatte, sitzt hier mit uns im Saal und sieht sich diese Performance an. Wie viel wusste er über die (natürlich poetische) Kritik, die während der Performance an seinem Lohnzahler geübt werden würde? Hatte er – falls er darüber informiert gewesen war – diese Kritik möglicherweise als ‘ungefährlich’ eingestuft? Hätte sie sonst nicht ausgesprochen werden können? Oder war das Künstlerinnenkollektiv genauso schnell vom ‘External Community Partnering’ der F. Hoffmann-La Roche AG kontaktiert und in einem sehr interessierten Ton um ein Gespräch gebeten worden? So wie wir damals, als wir es wagten, in den öffentlichen Medien eine Informationskampagne von Basel-Stadt zu kritisieren, weil diese den Standortleiter von Roche Basel/Kaiseraugst und so die von ihm geleitete Firma als besonders fortschrittlich im Bereich Nachhaltigkeit portraitiert hatte?
Nachdem wir damals die Badge-gesicherte Schleuse passiert hatten, wurde ich zusammen mit einem Mitaktivisten in einem ultraschnellen Lift in den vermutlich 17 Stock des ersten Monsterturms transportiert. In einem wunderschönen lichtdurchfluteten Sitzungszimmer mit Glaswänden und Kunst liessen wir uns von der guten Absicht und der Fortschrittlichkeit der F. Hoffmann-La Roche AG überzeugen. Uns wurde nahegelegt, dass die beste Wirtschaftsform nur dann auch am besten funktioniere, wenn sie sich selbst reguliere. Dabei hätte ich mich trauen sollen, den einige Jahre älteren Herren, der auch ‘für die Roche’ im Regierungsrat sitzt, zu korrigieren. Ich hätte ihm die Fehlaussage erklären sollen, dass der Neoliberalismus einen schwachen Staat brauche – ganz im Gegenteil: dieser brauche einen starken Staat, der künstlich und mit allen Mitteln die in seinem Modell so zentrale Konkurrenz (nicht nur zwischen Arbeitnehmenden) aufrechterhalte. Die Frage sei nur, in welchen Bereichen der Staat gestärkt werde und in welchen er die Privaten ihre Macht ungezügelt ausleben liesse – dass der Staat also auch in seinem Modell ganz basic soziale Entscheidungen treffe.
So konkret hatte ich das alles im Moment der Performance nicht erfasst, aber irgendein schwammiges Gefühl hinterliess die Roche-Turm-Schnipselei. Vielleicht einfach, weil ich mir persönlich wieder einmal gedacht habe, wie ungefährlich Kunstdiskurs offensichtlich für Machterhalt ist. Oder scheint. Oder ihn sogar noch begünstigt.
Aber zurück zu Architektur und Macht. Ja, pompöse Architektur ist sicher eine Art Inszenierung von Privatbesitz und eine Möglichkeit, der ganzen Stadt – manchmal auch der ganzen Welt – diesen Besitz und die damit einhergehende Macht vorzuführen. Aber Architektur kann auch das Gegenteil: wie zum Beispiel Lina Bò Bardis ‘schwebendes Museum’ in São Paulo. Die Architektin, die von einigen jungen Architekten in ihrer ideologischen Ausrichtung auch heute noch als eine Möglichkeit wahrgenommen wird, schaffte es, durch dieses ‘Abheben’ des Gebäudes der Allgemeinheit wieder einen Raum zurückzugeben, der ihr zuvor entzogen wurde. Denn die Umwandlung von gemeinem zu privatem Bodenbesitz ist natürlich ein Machtakt par excellence und ein zentraler Aspekt der historischen Entwicklung des kapitalistischen Systems. Meiner Meinung nach wäre die Wiedereinrichtung von Commons (zu deutsch Allmenden oder Gemeinbesitz) einer der Eckpfeiler, wenn wir aktuelle Machtkonzentrationen durchbrechen wollten. Nur müssten wir für eine nachhaltige Nutzung von Gemeinbesitz das sorgfältige gemeinsame Besitzen und Vertrauen trainieren. In diesem Sinne soll dem Re-Performance-Kollektiv von ARCHIVES & BEYOND #2 ein Kompliment ausgesprochen sein, denn ich verstehe kollektive Arbeitsweisen als einen Schritt in diese Richtung.
Ausserdem nehme ich von dieser Performance die inszenierten hübschen, hellgrauen Schaumstoff-Häuser und die noch kleineren weissen Schaumstoff-Häuschen mit. Diese illustrieren in meinen Augen die aktuelle neoliberale Anpassung von Firmenmodellen durch ‘downsize and distribute’, was vielleicht mit ‘Verschlankung der Firma zugunsten von Kapitalausschüttung an Aktionär:innen’ übersetzt werden könnte und so zu noch mehr Macht- und Privatbesitzkonzentration führt. Da die Kultur von Basel-Stadt der Roche-Besitzer:innen-Familie glücklicherweise noch am Herzen liegt – solange sie das selbst regulieren kann – fliesst ein Teil des Geldes wieder an den kulturinteressierten Teil der Allgemeinheit zurück. Strategisch wohl mit einer gehörigen Schicht Image-Entwicklung überzogen.
Um nicht auf diesem leicht hässigen Ton zu enden, füge ich gleich noch den Umkehrschluss hinzu. ‘Downsize and distribute’ könnte nämlich auch heissen: Im Kleinen liegt das Potenzial doch irgendwie gefährlich zu sein, besonders wenn uns Technologien wie Hellraumprojektoren, Beamer und Mikrophone zur Verfügung stehen. So kann jedem Objekt, jeder Beziehung, jedem Satz, jedem Geräusch und jeder Stimme die Grösse, Wichtigkeit und Lautstärke gegeben werden, die wir wollen. Hauptsache, wir entscheiden. Deshalb lade ich ein, die Parole von ‘Friends of Gas’ nicht ganz wortgetreu wiederzuverwenden und eher in diese Richtung zu übersetzen: «und wenn du mich fragst, wie ich leben will, sag ich ganz viel… das ist mein mögliches Haus.»
