Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Ein Text in einer Stunde oder Kreative Massnahmen gegen die Erschöpfung

Seit gut einem Jahr ist der Dauer- und Freizeitstress, wie wir ihn vor Corona kannten, in mein Umfeld zurückgekehrt. Wenn man sich mit Freund:innen treffen möchte, muss man weit im Voraus planen. Natürlich können nie alle am abgemachten Datum, da der eigene Kalender aus allen Nähten platzt – man hält mittlerweile Jobs inne, die viel Verantwortung mit sich bringen, man hat Kinder, die die grösste Verantwortung überhaupt sind, und/ oder man hat viele, ausgiebige Hobbys, die man sich zur Verantwortung macht.  

Auch dieser Text hätte viel früher entstehen sollen, doch naja, ich hatte viel um die Ohren und bin immer wieder auch erschöpft. Darum habe ich mich entschlossen, Fragmente aus Sagenswertem zu sammeln und dies hier zusammenzufassen. Fragmente scheinen mir einfacher, schneller zu ver – und bearbeiten, besser zu handhaben, als gut durchdachte, durch konzipierte Texte. Ich bin gespannt, welches Eigenleben das annehmen wird. 

Apropos Erschöpfung – es hat System. Dies wird mir wieder mal klar, als ich an einem kalten, verschneiten Donnerstagabend nach Sissach (!) zu einer Gesprächsreihe von Ueli Mäder pendle. Im lichtdurchfluteten Restaurant, Cheemeyer begleitet von Klaviermusik (fast ein bisschen cheesy, aber dennoch schön) bespricht der emeritierte Soziologieprofessor, der bis 2016 an der Universität Basel lehrte, wie man besser mit (Lebens)Krisen umgeht. Dazu hat er Franziska Schutzbach, Geschlechterforscherin und Soziologin, und Cornelia Kazis, ehemalige Journalistin und Autorin, eingeladen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Abend: In einer leistungs- und gewinnorientierten Gesellschaft hat es System, dass man sich nie gut genug fühlt. Nur so wird sich das Individuum immer mehr anstrengen, immer mehr geben, um Ziele zu erreichen, immer weiter gelangen wollen. Wenn wir uns gut genug fühlen würden, hätten wir wohl kaum die gleichen getriebenen Individuen, die sich ständig in allen Lebensbereichen optimieren müssten. Die Frage ist also: Wie schaffen wir es als Individuen und als Gesellschaft, von diesem Optimierungszwang etwas wegzukommen? Dazu gibt es keine einfache Antwort. An dieser Stelle würde ich jedoch gerne auf Franziska Schutzbachs Sachbuch “Die Erschöpfung der Frauen” verweisen, die einige Lösungsansätze vorschlägt. 

Und was macht eigentlich eine queere Person in der sogenannten “Cuffing Season”, die sich jedoch dem Online-Dating momentan abgeschworen hat, da erschöpft? Cuffing Season ist eine Zeit, in der man sich an die erstbeste Person bindet, um den kalten Winter nicht alleine überstehen zu müssen. Man könnte versuchen, über analoge Formen jemanden kennenzulernen, wie beispielsweise an LGBTQ+ Partys oder über das eigene Umfeld. Ich habe mich momentan dazu entschlossen, Caroline Emckes “Streitraum” durchzusuchten und mir vorzustellen, mit dieser beeindruckenden Frau an einem Date zu sein. Das macht den kalten, nassen Winter viel angenehmer und der Impuls, mich doch auf einer Dating App anzumelden, schwindet für eine Weile. 

Nun gehe ich an die Lesung von Daniel Schreiber, der in seinem neuen Essay “Die Zeit der Verluste” über Verluste, Krisen und Erschöpfung schreibt. Das Thema Erschöpfung scheint also nicht nur bei mir sehr präsent. Ich bin gespannt auf Daniels Einordnung und Auslegung mit hoffentlich einigen hilfreichen Erkenntnissen.