Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Das Hotel als Traumwelt

Dienstagvormittag, 9.49 Uhr, Nomad Design & Lifestyle Hotel in Basel. Ich liege mit Kaffee sowie Orangensaft im riesigen Bett des Zimmers 10 und fühle mich wie ein Popstar. Mein Date putzt gerade Zähne, um dann die Hotel-Dream-Date-Parallelwelt zu verlassen – natürlich nicht ohne ein letztes wildes Knutschen. Erst überlege ich, über das Phänomen der Hotel-Hook-Ups zu schreiben und was sie so aufregend macht. Aber die letzte Nacht behalte ich lieber für mich, sie passt auch nicht richtig in die Kategorie “Hotel-Hook-Up”. Für die Trennung von persönlicher Erfahrung und inhaltlicher Überlegung ist Q.U.I.C.H.E. ja besonders bekannt. Also lasse ich meinen Blick aus dem Fenster schweifen und meine Gedanken ebenso. Ich denke über die letzten 16 Stunden nach, die ich hier im Hotel verbracht habe.

Da fällt mir ein Satz aus dem Begleittext zu Eva Kot’atkovas Ausstellung „The Dream Machine is Asleep“ ein: „Starting from a vision of the human body as a machine, a great organism of which the functioning requires checking, regeneration and rest, and from the idea of sleep as a moment in which, through our dreams, we come up with new visions and enter parallel worlds.“ Das temporäre Einrichten in einem Hotelzimmer kommt mir vor wie eine parallele Welt, in der unser Körper, die Maschine, regenerieren kann. Mit 15 machte ich ein Schulpraktikum im Grandhotel Le Meridien in Nürnberg. Unter anderem räumte ich äusserst stolz diejenige Suite auf, in der Udo Lindenberg die vorherige Nacht verbracht hatte – der nebenbei bemerkt seit 1995 im Hotel Atlantic Hamburg residiert. Dass ich diese Story knappe 15 Jahre später nochmal verwerten würde, konnte niemand ahnen. Jedenfalls waren Udos und meine Popstar-Gefühle nicht zu vergleichen. Ich verlasse Hotels immer sehr ordentlich – Udo Lindenberg hingegen völlig unhinged. Was hat es nur mit diesem Mythos des Hotelzimmers als Parallelwelt auf sich?

Das Schlafzimmer ist ein intimer Raum. Was dort passiert, muss nicht unbedingt an die Öffentlichkeit – oder aber genau diese Form des Voyeurismus macht es so spannend. Als Q.U.I.C.H.E. den Montagabend im Nomad Hotel verbracht hat, dachte ich an das berühmt-berüchtigte Chelsea Hotel in Manhattan. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es mit der sogenannten Bohème assoziiert – intellektuelle, verruchte Kunstschaffende, die aus Geldnot in dem damals bankrotten Hotel abstiegen. In den 1960ern wurde es dann von den Jünger*innen Andy Warhols frequentiert – und war immerhin der Drehort von Warhols Film „Chelsea Girls“. Das Chelsea Hotel war bis zu den 1990ern der „Hot Shit“, die Coolsten unter den Coolen produzierten dort ihre Kunst. Unter ihnen Robert Mapplethorpe, Patti Smith, Bob Dylan und Janis Joplin. Heute ist es immer noch beliebt – vor allem bei Touris, die auf den Spuren der grossen Stars wandeln wollen. Während ich diesen Text im Hotelbett liegend schreibe, kommt mir ausserdem die Künstlerin Sophie Calle in den Sinn, die den Topos „Hotel als Parallelwelt“ in ihrem Buch „L’Hôtel“ sezierte und präsentierte. 1981 war sie für einige Wochen in einem venezianischen Hotel als Zimmermädchen angestellt und fotografierte die Schlafräume, nachdem die Gäste sie verlassen hatten. So wie ich und Udo Lindenberg – nur dass Sophie Calle natürlich nicht wusste, wer sich in den Zimmern aufgehalten hatte und ihre Fantasie völlig frei war. Sophie Calle veröffentlichte mit den Fotos ebenso ihre Beobachtungen in schriftlicher Form. Die Betrachter*innen werden zu Kompliz*innen im Voyeurismus der Künstlerin – ich vorneweg, denn ich bin grosser Fan des Buchs.

Zum 30. Geburtstag schenkte ich meiner architekturbegeisterten besten Freundin eine Hotelübernachtung im Hotel Le Corbusier in Marseille. Ist Le Corbusier umstritten? Ja. Ist das Hotel, das sich in der ersten „Unité d’habitation“ befindet, trotzdem ein beliebtes Ziel unter Architekturfans? Auch ja. Die Nacht in besagtem Hotel fühlte sich nach Reinschnuppern in Corbusiers Visionen an. Nur eben aus einem überteuerten Hotelzimmer heraus und nicht als Bewohner*in der eigentlichen „Wohnmaschine“, die als Vorläuferin des Plattenbaus gilt und schnell viel Wohnraum ermöglichen sollte. Wenn ich darüber nachdenke, ist das auch eine Form von Voyeurismus. Es gab mal eine Gruppenausstellung von Studierenden und Alumnae der Städelschule namens „Grand Nizza Show“. Sie fand im Hotel Nizza in Frankfurt am Main statt. Das charmante Hotel ist eine Art Chelsea Hotel 2.0. In Frankfurt ist es berüchtigt dafür, dass dort Kunstschaffende unterkommen, die die Stadt besuchen. Was soll ich sagen – ich habe dort auch schon genächtigt. In der „Grand Nizza Show“ jedenfalls präsentierten die Kunstschaffenden Interventionen, Performances und Kunstwerke sowohl in den Hotelzimmern als auch im Aufzug, auf der Dachterrasse oder im Treppenhaus. Das Thema des Beobachtens der Kommenden und Gehenden im Hotel wurde auch dort nicht nur einmal aufgegriffen – genauso wie das Imaginieren von Szenen, die sich in Hotelzimmern abspielen könnten.

All diese Erinnerungen, die sich mir während meiner 16 Stunden im Nomad Hotel ergossen haben, lassen mich zu einem vorläufigen Schluss kommen: Der künstlerische Topos „Hotel als Traumwelt“ und der damit einhergehende Voyeurismus haben etwas mit realer oder gefühlter Klassenzugehörigkeit zu tun. Wenige würden leugnen, dass sich die Kunst- und Kulturbubble von der Bourgeoisie und somit dem Gegenspieler zur Bohème abgrenzt. Auf der anderen Seite wird die Bourgeoisie eher mit einer gewissen Form von materiellem Luxus und somit dem regelmässigen Übernachten in Hotels assoziiert als das Proletariat oder die Bohème. Ich erinnere mich an meine marxistische Exfreundin, die bei von Museen für mich bezahlten Hotelübernachtungen in Solidarität mit den Zimmermädchen die Betten abzog. Als kunstschaffende Person ist das Gefühl des Eindringling-Seins in gehobene Hotels nicht weit weg – wir sind ja schliesslich keine Sammler*innen oder Messedirektor*innen oder gar Direktor*innen von Kunstmuseen. Das „So-Tun-Als-Ob“ beim Champagnerempfang im Margiela-Shirt, obwohl das Kunst- und Kulturschaffen eigentlich prekär ist, können wir alle gut. Kein Wunder also, dass das künstlerische Arbeiten im Hotel oder allein mein Aufenthalt im Nomad Hotel wahnsinnig viel Spielraum für wilde Träume und Imaginationen ermöglicht – und vor allem für das Beobachten der „Anderen“.