Schlechter als das von David Chipperfield verhunzte Kunsthaus Zürich, kann man wohl kaum ein Museum bauen. Die brutale Fassade des störrischen Kastens erinnert zum einen an eine Festung, zum anderen tatsächlich an einen Käfig, in dem das champagnerschlürfende Kunstpublikum weggesperrt wird – unklar ist, ob es sich selbst zum Schutz dort einschliessen möchte, oder ob man die Bevölkerung von ihm schützen will. Verzweifelt proklamiert ein kleines “OPEN” Schild neben dem Shop, dass entgegen aller Eindrücke das Gebäude offen sei und man, nachdem man mehrere schwere Türen und einen Security Guard passiert hat, dort zu Genüsse kommen kann. Also… sofern man 31 CHF Eintritt zahlt.
Umso tragischer fand ich es neulich, im graukalten Foyer des Hauses sitzend, mit halbem Ohr eine Architekturführung zuhören zu können, in welcher die referierende Person mit Mühe und Not enthusiastisch und glaubhaft zu verkünden versuchte, dass der Architekt das Museum einladend habe gestalten wollen, indem er den Marmorboden des Foyers bis auf den Vorplatz hinauszieht. Diese Geste, die sowohl kaum wahrnehmbar ist und gleichzeitig sicherlich abstrus teuer war, zeigt einmal mehr, dass sich in Architekturbüros noch nicht herumgesprochen hat, was Museen eigentlich sein sollten: Orte der Vermittlung und Erfahrung, die offen sind für ein diverses Publikum, um Dialoge und Bildung zu ermöglichen. Sie sind eben nicht freilagerähnliche Keller, in denen Kunst vor der Welt weggesperrt wird. Denn Kunst, die nicht gesehen wird, hört auf Kunst zu sein. Sie wird hohles Totem ihrer eigentlichen Idee.
Man fragt sich unweigerlich, warum gerade die Schweiz jetzt einen potthässlichen Kunstbunker nach dem nächsten baut. Der Neubau des Kunstmuseums Basel war nur der Auftakt. Zürich folgte und jetzt möchte auch das Kunstmuseum Bern einen seelenlosen, aber im Kriegsfall wehrhaften Klotz bauen lassen. Das Museum selbst nennt das auf seiner Website “markant” und wirbt für den Bau mit einem sterilen Architektur-Rendering. In dieser Grafik wurde vor den seelenlosen Bau von den “Kunstexperten” der Schmidlin Architekten eine Maman von Louise Bourgeois gesetzt. Ob Bern diese Arbeit im Rahmen des Neubaus anschaffen wird…? Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich waren einfach die Stock-Footage-3D Modelle von Jeff Koons Ballonhunden schon ausverkauft.
Dabei war man doch schon mal weiter. Oder tat zumindest ein wenig so. Als Rem Koolhaas’ Büro OMA 1992 die Kunsthal in Rotterdam eröffnete, wurde betont, dass ein Fußgängerweg durch das Gebäude führte, um dem nur “vorbei”-eilenden Publikum das Gefühl zu geben, bereits im Museum zu sein. Die Architekturhülle sollte mehr Membran werden, die Durchlässigkeit erlaubt. Ob das ein erfolgreiches Konzept war, kann ich nicht sagen. Gelernt hat man in Rotterdam daraus zumindest nichts und das letzte Museumsgebäude, das man dort baute, in Form des Depot für das Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam von MVRDV, ist ein spiegelndes UFO, von dem man gar nicht glaubt, dass es einen Eingang haben könnte und man nur durch Scottys Beampower in die Ausstellung gelangen könnte.
Wie ist es denn dann um die anderen Museen der Kunst- und Architekturstadt Basel bestellt? Neben dem katastrophalen Chris und Gantenbein Neubau (über den ich mal eine Daig-Dame auf einer Galerievernissage habe sagen hören: “Naja, die nächste Generation will auch was, das sie abreissen kann”) des Kunstmuseums hat diese traditionsreiche Institution ja gleich noch zwei andere Gebäude. Zum einen ist da der 1930er Jahre Hauptbau, in welchen das Museum zog, weil der vorige Standort (das heutige Naturhistorische Museum, welches ja auch schon auf gepackten Koffern sitzt, um in seinen ganz eigenen Betonbunkerbau umzuziehen) zu brandgefährdet war.
Dieser Hauptbau nach italienischem Vorbild war mit voller Absicht uneinladend geplant. An der harten Stirnfront ist geschickt ein kleiner Balkon platziert, der dazu ermuntert, von ihm auf den Pöbel hinabzuschauen. ‘Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Grättimänner essen.’ Hat man es durch den Säulengang und vorbei an den hinter Panzerglas sitzenden Ticketschaltersphinxen geschafft, ist man hoffentlich nicht ganz so ausgemergelt wie die im Innenhof in Ewigkeit klagenden Bürger von Calais, auch wenn man im Licht der Flavin Arbeit vom Hautton her so aussieht. Der Vorhof des Museums dient als eine Art Kunst-Limbo: ein Ort zwischen den Welten, nicht draussen, nicht drinnen, nicht kostenpflichtig, nicht ohne seine Mühen.
Das zeitnah zu der Kunsthal Rotterdam eröffnete Kunstmuseum Gegenwart versprüht eine spröde Form der 1990er architektonischen Institutionsoffenheit. Zwar darf man durch diese Dependance des Kunstmuseums nicht durchschlendern, aber immerhin darf ein Bach sich in die Museumsarchitektur einschreiben. Man ist beinahe dankbar, dass das Gebäude ein wenig auf seine Umgebung reagiert und man dadurch nicht einmal mehr das Gefühl hat, als hätte man einen von einem lieblos erzogenen Achtjährigen in Minecraft gestalteten Zementklotz in die Landschaft gestellt. Das Scheitern der Zugänglichkeit des Kunstmuseums Gegenwart offenbart sich dann erst, wenn man versucht die vier Meter hohe Glastür alleine zu öffnen, ohne die Muskelmasse eines Schweizer Schwingmeisters auf den Knochen zu haben.
Ganz geschickt hingegen verschluckt einen die Architektur des HeKs in Münchenstein. Als Café getarnt, vermag es Besucher*innen mit Kaffeeduft bis zu seinem Museumsfrontdesk zu locken. Das Museum agiert quasi wie ein Anglerfisch mit Paninis als Leuchtmittel. Wer sich vielleicht nur schnell aus der bäumevernichtenden Windschneise des Freilagers auf ein Heissgetränk in die jetzt neu benannte “ela eatery” auf der Betonempore retten will, kann dann gleich noch die virtual reality Brille aufziehen.
Wenn der oder die Besucher*in so schon geangelt wurde, dann kann er oder sie fast auch schon weiter ins neue Kunsthaus Baselland, welches geschickt standortnah eröffnet wurde und den neuen “Basler” Kulturcampus aus HGK, HeK und Kunsthaus ergänzt. Um sich besser einzugliedern, sollte es vielleicht (k)HBL genannt werden. Durch ein lichtes Birkenwäldchen, an dem Gustav Klimt sicher seine Freude gehabt hätte, kann man vom HeK Vorplatz direkt ins neue Kunsthaus, das sich durch die grosse Glasfassade schön Richtung Freilager öffnet. Schwierig wird es nur, wenn das Publikum explizit ins (k)HBL möchte und den Fehler macht, einen Eingang auf der Helsinki-Strasse zu finden. Dort geschieht architektonisch mit Treppen und Fassaden zwar viel, aber um den Eingang zu finden, muss man schon ein wenig Gespür und Kaltblütigkeit haben. Eigentlich schön, dass das (k)HBL damit so demonstrativ auf gute Nachbarschaft setzt: Wer zu uns will, der muss auch zu euch.
Ziemlich offen hingegen wirkt auf eine überraschende Art das Museum Tinguely, von dem sonst ja eigentlich auch eher Abwehrfassaden (wenngleich auch in rund) bauenden Mario Botta. Der Autobahnauffahrt zeigt das Gebäude seine kalte Schulter – inklusive Gefechtsturm – aber wer sich vom Solitudepark aus Richtung Museum nähert, mag sich auf einmal schon in seinen Fängen wähnen, wenn er oder sie noch vor der Türe steht. Da fünf Stockwerke unter dem Tinguely eine Wasseraufbereitungsanlage der Roche ist, muss das Gewicht des Hauses auf gigantösen Aussensäulen lagern. Dadurch entsteht ein recht offener Vorraum, in dessen Schatten man durch riesigen Fenster bereits mitten in Tinguelys grössten Arbeiten zu stehen scheint. Hinter einem plätschert dann der Brunnen des Parks und ohne dass man wollte, ist man schon mitten in der Kunst. Man dachte, man sei sicher vor dem, was hinter diesen roten Sandsteintürmen lauert, was da ächzt und krächzt und schleift und knirscht, aber wagt man sich nur ein wenig zu nah heran, ist es um einen geschehen.
Man könnte dieses Spiel endlos weitertreiben. Man könnte es durch andere Kriterien ergänzen, die Hosting-Qualität und Vermittlungsangebot in die architektonische Starre hineindenken. Ob dies aber wirklich ergiebig ist, sei dahingestellt. Ein Basler Museum scheint mir aber noch wichtig zu sein in dieser Überlegung. Die Spielzeugwelten am Barfüsserplatz sind bekannt für ihre enorm aufwendigen, liebevollen und lebhaften Schaufenstergestaltungen. Häufig stehen diese Panoramawelten, in die jede und jeder Einblick haben kann, im Dialog mit den im Museum präsentierten Ausstellungen. Das “drinnen/draussen” Momentum wird hier ganz kindlich-spielerisch umgedreht. Wer ist drinnen? Wer ist draussen? Wer schaut rein und wer schaut raus? Wenn ich schon Dinge durchs Fenster bestaunen kann, ist dann die Steinenvorstadt schon ein Museumsflur? Sind dann ästhetische Erfahrung und vermittelnde Präsentationen gebunden an einen Ort, eine Institution oder eine Uhrzeit? Gewinnt nicht dasjenige Museum, dass auch nachts um 3 Uhr die Betrunkenen zu verzaubern weiss?
