Über den Workshop im Ausstellungsraum Klingental im Rahmen der Ausstellung “Now, wouldn’t that be iconic”.
Obwohl ich mich selbst nicht als Frau verstehe – oder vielleicht gerade deshalb – bin ich eine Expert:in für weiblich kodierte Kulturtechniken geworden. In meiner Jugend habe ich mein mir zugeschriebenes Geschlecht sorgfältig kuratiert und meinen Mangel an Fraulichkeit durch extravagante Darstellungen von Weiblichkeit kompensiert. Diese Fassade loszulassen, war geradezu befreiend. Obwohl die meisten Menschen meinen Körper immer noch als weiblich lesen, habe ich begonnen, alles zu vermeiden, was zu “femme” ist, und tendiere stattdessen zu einer Mischung aus Androgynität, Gender-Fuckery und allem, was nicht so recht zum Label passt, das mir bei der Geburt zugewiesen wurde. Man kann sich also vorstellen, mit welch komplizierten Emotionen ich zum Workshop mit dem Titel “How to be Iconic: Hairflips and Other Femme-inine Coded Cultural Techniques” von Anina Müller, Ramona Kortyka und Jennifer Merlyn Scherler kam. Will ich diese Techniken wirklich neu erlernen?
Eine kleine Gruppe von Menschen unterschiedlichen Geschlechts hat sich im Ausstellungsraum Klingental um einen Tisch versammelt, an dem Tee gekocht wird und Snacks bereitstehen. Neben uns ein Berg von Bastelmaterial. Es erwarteten uns zwei aufschlussreiche Vorträge, eingebettet zwischen Bastelstunden, in denen wir unsere eigenen “gesture enhancement props” herstellten, die wir dann beim grossen Finale des “Walk of Fame” zur Schau stellen konnten. In den nächsten fünf Stunden bastelten wir künstliche Fingernägel, eine Handtasche mit einem Geheimfach für Notfallzigaretten, eine bunte Perücke, einen von Ice Age inspirierten Schal sowie einen Blumenstrauss. Aber es ging nicht nur um Accessoires, sondern auch darum, unsere Gesten zu erweitern und darüber nachzudenken, welche Gesten uns wirklich ausmachen und wie wir sie verstärken können. Stammen unsere alltäglichen Gesten von uns oder sind sie von äusseren Einflüssen entlehnt? Können wir uns angeeignete Gesten wirklich zu eigen machen, oder behalten sie eine Spur ihrer Herkunft?
Im ersten Vortrag beleuchtete Ramona Kortyka die Bedeutung von Crafting (Kunsthandwerk oder Basteln). Sie zog Parallelen zwischen der Unterbewertung von Reproduktions- oder Pflegearbeit und Crafting im Vergleich zu Lohnarbeit und bildender Kunst. Während die Unterbewertung weiblich kodierter Techniken in der Kunstwelt an sich nicht überraschend ist, war ich schockiert zu hören, dass eine junge Künstlerin heute dafür kritisiert wird, dass sie handwerkliche Techniken in ihre Kunst einbezieht. Für mich sind diese Techniken ganz in der bildenden Kunst angekommen, der Weg geebnet von Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel. Trockels Einbeziehung von maschinell gestrickten Bildern verwies nicht nur auf die patriarchale Hierarchie von Handarbeit und bildender Kunst, sondern machte auch deutlich, wie eng die Ausbreitung der Lohnarbeit während der Industrialisierung mit unserem heutigen Verständnis von Stricken als Freizeitbeschäftigung verbunden ist. In dieser Hinsicht kann Crafting auch als eine Strategie betrachtet werden, mit der man lernt, etwas selbst zu machen und so die Kontrolle über seine Produktion zu erlangen, vergleichbar mit Zine-, Hacker- und DIY-Kulturen.
Als Nächstes nahmen uns Anina Müller und Jennifer Merlyn Scherler mit auf eine Tour durch “Performing Girlhood” in all seinen glorreichen Formen – von Dragqueens über das berüchtigte Crying Selfie bis hin zum Aufstieg des Bimbo-Feminismus. Es stellte sich heraus, dass ich mit meiner sorgfältigen Konstruktion von Weiblichkeit nicht allein war. Anina und Jennifer argumentierten mit einem kurzen Abstecher in die Theorie von Camp, dass die derzeitige Tendenz, offenkundige Künstlichkeit als Unaufrichtigkeit zu verstehen, nicht hilfreich (oder interessant) sei. Wenn Ihr die Ausstellung gesehen habt, erinnert Ihr Euch vielleicht an die Diskussion über Bodybuilding und Weiblichkeit. Während des Workshops schlugen Jennifer und Anina die Brücke vom Bodybuilding zum Bimbo-Feminismus: “The overt parallel among the two examples given is that they deliberately aim to be objectified” (Stan van Rompaey, Notes on Bimbos and Bodybuilders. A heteropic* enquiry into „Camp“, Brüssel 2022, S. 7). Indem sie die Extreme der stereotypen männlichen und weiblichen Präsentation von Geschlecht ausleben und die gesellschaftlichen Schönheitsideale ad absurdum führen, könnte die Künstlichkeit dieser Ideale sichtbarer werden – oder aber das Erreichen dieser Ideale normalisiert und allgemein erwartet werden.
Nachdem wir unsere Bastelei beendet hatten und zu Musik und lautem Jubel über den improvisierten Laufsteg getanzt waren, war es Zeit, zusammenzupacken. Es war aufschlussreich, das Gefühl der Befreiung zu beobachten, das mit der Erkundung von weiblich konnotierten Gesten und Props einhergehen kann. Zu spüren, wie fremd sich falsche Nägel auf meinen Händen anfühlen, war aber ebenfalls aufschlussreich. Und lasst mich festhalten: Hair Flips sind mit kurzen Haaren bestenfalls meh. Es wurde deutlich, dass eine Rückkehr zur hyper-feministischen Ästhetik meiner Vergangenheit nicht in Sicht ist. Aber der Besuch hat sich auf jeden Fall gelohnt.
