Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Der sprudelnde Hexer*innenkessel

– On “how to queer writing?” as a queer writing collective

Cadavre exquis – exquisite cadavre

Der Text entstand in einem kollektiven Schreibprozess nach dem Schema des “Cadavre Exquis”: Einer im Surrealismus entwickelten Methode, die dem Zufall im Schreibprozess Raum geben soll. Jeder Absatz wurde als Reaktion auf den letzten Satz des vorherigen Absatzes geschrieben – erst im Nachhinein offenbarten wir einander die ganzen Absätze. 

“How to queer writing?”: Eine Frage, über die bereits viel Tinte verschüttet worden ist. Weil sich unsere aktuelle Recherchemotivation diesbezüglich in Grenzen hält oder wir nicht die Notwendigkeit verspüren, verschiedene wissenschaftliche? – poetische? – kritische? Positionen zu vergleichen und vielleicht sogar gegeneinander auszuspielen, haben wir uns entschieden, auf einen bereits erprobten quichesken Trick zurückzugreifen. Lass uns unsere persönlichen Erfahrungen als Ausgangsmaterial nehmen. Von dort lassen wir es zunächst möglichst unzensiert und ohne sich selbst zu be- und verurteilen schreibend sprudeln.

Am besten trete ich also an die Frage heran, wie es für Q.U.I.C.H.E.-Texte üblich ist: unzensiert und aus persönlicher Erfahrung – in der Hoffnung, anzudocken. Die Frage lautet demnach eher „how do I–as part of Q.U.I.C.H.E.–queer writing?” Meine Bewusstseinsströme kommen aus meinem Kopf aufs Papier – unverpackt, hin- und herspringend, ambivalent, intim, in Frage stellend und vor allem unangepasst. Diese Unmittelbarkeit ist, wofür Q.U.I.C.H.E. steht. Auf eine Skulpturenanalyse folgt ein Gedankensprung zu meiner letzten Nacht, um mich daraufhin über das Problem lesbischer Unsichtbarkeit zu ergehen. Für mich bedeutet aus queerer Perspektive zu schreiben, dass ich mich nicht hinter einer Pseudo-Normativität verstecken muss. 

Ich empfinde es als befreiend und lustvoll, mich auszuprobieren und zu veröffentlichen, was ich zuvor für nicht veröffentlichungswürdig gehalten habe. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diese Offenheit meiner eigenen Intuition gegenüber nicht nur impulsgesteuertes Schreiben produziert, sondern im Gegenteil: Meine Texte profitieren davon, dass ich es schaffe, über meinen eigenen analytischen Safe-Space hinauszugehen. Ich denke nämlich, dass dieser Raum, den ich mir über die Jahre hinweg einigermassen gemütlich eingerichtet habe, hauptsächlich dazu dient, mir ein Gefühl von Legitimation zu verschaffen. Das verspüre ich manchmal in meiner Empfindens- und Erfahrungswelt nicht so leicht. Diese Spontanität und vielleicht auch Spekulation des Schreibens wird für mich dadurch möglich, dass wir ein semi-anonymes Schreibkollektiv sind. Dementsprechend fühle ich mich (auch von aussen) weniger direkt als Person beurteilt, eingeschätzt oder eingestuft. Das daraus entstehende Vertrauen ermöglicht es, aus meiner persönlichen Perspektive heraus über, mit und durch bestimmte (Kultur-)Phänomene zu schreiben und zu versuchen, (m)eine analytische Stimme in diese miteinzubinden.

Vertrauen zueinander ist die Basis meiner Erfahrung mit dem Schreiben für Q.U.I.C.H.E.. Das Kollektiv wurde von miteinander befreundeten Personen gegründet, aber noch wichtiger ist das Miteinander-Verbunden-Sein in unserer Queerness. Die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Personengruppe bedeutet, dass wir Erfahrungen teilen und die meist früher oder später durcheinander gerüttelten Biografien der anderen nachempfinden können. Wenn ich dann subtil, gar nicht oder auch auffällig persönliche Erfahrungen, die mit meinem Queer-Sein in Verbindung stehen, in die Texte einfliessen lasse, zweifle ich keine Sekunde am Verständnis und an der Unterstützung der anderen Kollektivmitglieder. Wir stehen in dem Sinne füreinander ein – wahrscheinlich spielt unsere (Semi-)Anonymität hierbei eine Rolle: Wir publizieren als Q.U.I.C.H.E., unkenntlich wer genau hinter den jeweiligen Texten steht. Die queere Verbundenheit stärkt das Kollektiv oder wie eins jemand sagte: „Teamwork makes the dream work.“

Und dies nicht nur im Sinne von traumhaft ‘guter’ Arbeit, sondern vielleicht auch Traumarbeit in einem eher utopischen Sinne. Denn für mich geht es in kollektiver Praxis nicht nur um das bereichernde Miteinander und den inhaltlichen und sozialen Austausch, sondern effektiv auch darum, wie wir – gerade als queeres Kollektiv – zwischen und miteinander nachhaltige sowie sozialverträgliche (Arbeits-)Beziehungen aufbauen. In einer sehr individualistisch-funktionalen Gesellschaft erlaubt uns die von uns entwickelte, gepflegte und verwaltete Struktur nicht nur unsere individuellen sowie gemeinsamen Errungenschaften und erreichten Schritte nach vorne zu zelebrieren, sondern auch gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Oder geht es nicht sogar viel eher noch um Vertrauen, statt um Verantwortung? Jenes Vertrauen nämlich, dass wir uns nicht einen ständigen Konkurrenzkampf liefern müssen, dass wir auch während der Arbeit wir selbst sein dürfen und unsere Erfahrungen, Zustände und Emotionen Platz haben.

Manchmal frage ich mich, ob diese Ausgangslage bei den Lesenden der Texte ebenfalls wahrgenommen wird? Was ich zumindest mit Sicherheit schon mal sagen kann, ist, dass unser Kollektiv neugierig macht. Ich glaube, unser Stammpublikum findet es unter anderem aufregend, dass sie nicht wissen, von wem welcher Text stammt – und seien wir ehrlich: am häufigsten werden unsere Texte ohnehin innerhalb der (queeren) Kunstbubble gelesen. Manchmal erinnert mich Q.U.I.C.H.E. an Gossip Girl. Ich stelle mir vor, wie die Bubble stets auf der Hut ist, weil plötzlich ein scharfzüngiger Kommentar über dieses oder jenes Event auftauchen könnte. Oder ein himmelhohes Lob. Wir lieben Intrigen, Erlebnisse und Skandale! Xoxo, Q.U.I.C.H.E.. Wie passend, dass ich mich jedes Mal fühle, wie Serena van der Woodsen in der Grand Central Station in NYC, wenn ich die Treppen am Basel SBB hinunterschreite. Jedenfalls gibt uns die (Semi-)Anonymität Freiheit, unsere Gedanken ungefilterter aufs Papier zu bringen – Ehrlichkeit und Authentizität währt am längsten. 

Ehrlich und authentisch sein zu können setzt voraus zu wissen, was, wer und wie wir sind – sowohl als Individuen als auch als Gemeinschaft. Es setzt voraus, uns selbst gut zu kennen und ausserdem uns selbst formulieren zu können. Ich bin immer noch im Prozess des Lernens – vielleicht auch deshalb, weil ich als queere Person weniger Beispiele habe, die mir zeigen, was, wer und wie ich sein könnte. Daher geht es für mich zuerst darum auszuprobieren, wie sich mein Körper anfühlen kann, wie sich dieser zusammen mit anderen Körpern anfühlen kann, wie sich Beziehung(en) anfühlen können: Schlussendlich möchte ich herausfinden, was die Begriffe ‘Lust’, ‘Bindung’ und ‘Selbst’ heissen. Eigentlich macht dieses Ausprobieren viel Spass, es benötigt jedoch eine Offenheit für psychische Vorgänge, Ressourcen, eine emotionale Intelligenz sowie eine gewisse Frusttoleranz. Hätte ich mich besser dem Schema «Hund, Auto, Haus, Kind» angepasst – und ehrlich sagen können, dass mein Leben so Spass macht – wären mir vielleicht einige emotionale und psychische Achterbahnfahrten erspart geblieben und gleichzeitig sicherlich viel von mir selbst und den Möglichkeiten unserer Gesellschaft entgangen. Doch was hat das mit Schreiben zu tun? Sprache ist voll mit Begriffen, die wir ständig mit antrainierten Bedeutungen füllen, von Formen, die so gebaut sind, dass sie der dominanten Beziehungsordnung entsprechen und von angeblich validen Stimmen, die gehört werden. Wenn wir zusammen ausprobieren, Bedeutungen neu verhandeln, Formen umbauen und neue Stimmen hören wollen, hilft es, selbst bereits entdeckt zu haben, wie sich was und wann für uns gut anfühlt.

Ich bin von mehreren Unterdrückungsverhältnissen betroffen. Mit den Erwartungen einer Gesellschaft, deren neoliberales Arbeitsethos auf einem internalisierten kapitalistischen Produktivitätszwang basiert, kann ich nicht mithalten. Trotz Bemühungen der Kunst- und Kulturinstitutionen inklusiv und divers anzustellen, sieht die Realität oft anders aus. Nichts mit „queeren“ im Sinne von “wir denken über die Heteronormativität hinaus” aka „auch, wenn du nicht der Norm entsprichst, bist du wertvoll“. Dieses Mindset muss ich mir selbst erarbeiten. Oft tagträume ich von Arbeitsverhältnissen, die so funktionieren wie Q.U.I.C.H.E. – also solchen, in denen ich im „Anders“-Sein unterstützt werde und Bedeutungen und Strukturen tatsächlich neu verhandelt werden können. Solange das nur Träume sind, bin ich froh, Teil des queeren Schreibkollektivs zu sein, das mich ermutigt, bestärkt und wertschätzt und meinen Gedanken eine Plattform gibt.

Auch ich bin froh, Teil des queeren Schreibkollektivs zu sein, denn ich fühle mich dort unterstützt, verstanden und angefeuert, meine (schreibende) Stimme weiterzuentwickeln. Gleichzeitig fühlt sich diese Erfahrung auf persönlicher Ebene genauso wichtig an: mein Körper und meine Person fühlt sich mit den anderen Kollektivmitgliedern als ob er ‘sein dürfe’ – um nicht zu sagen wohl, verstanden und warm. Da das kritische Beäugen, das ‘sich selbst abgrenzen’, welches ich in anderen Arbeitsumfeldern erfahren habe, ausbleibt, fühle ich mich in diesem Kollektiv wie in einem sprudelnden Hexer*innentopf: Wir kochen und werden gekocht, er blubbert und schäumt über, ihm entsteigen lila und türkis Dämpfe und manchmal stinkt er für Leute von aussen ein bisschen. Für uns riecht er ganz wohlig süsslich pink – und zieht dann schlussendlich doch einige in seinen Bann. Um nicht zu sagen: Eigentlich verzaubert er alle.