Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Was wir sonst noch tun können: City SALTS – What are we doing?

Der strömende Regen begleitete uns auf dem Weg zum SALTS nach Birsfelden. Nass und mit erdigen Schuhen betraten wir den Ausstellungsraum von «What are we doing?». Am Abend zuvor hatte ich vor dem Einschlafen noch mit meinen Mitmenschen das Unbehagen geteilt, das mich heimsucht, wenn ich mal wieder physisch zu spüren glaube, dass die Welt am Sterben sei. Manchmal weiss ich mit diesem überwältigenden, dumpfen und grauen Gefühl nicht umzugehen – ein Gefühl, das vielleicht verschiedene Klimaaktivist*innen in irgendeiner Form kennen. Es fühlt sich wie ein zusätzliches Hormon in meinem Körper an, das zyklisch zu starken Stimmungsschwankungen führt, die auch mal depressive Züge annehmen können – ähnlich wie bei prämenstrueller Dysphorie. An anderen Tagen kann dasselbe Hormon zu einem frenetischen Aktivitäts-, Kommunikations- und politischen Organisationsdrang führen. Und dazwischen rappeln wir uns auf und suchen gemeinsam die Hoffnung, zelebrieren und teilen sie, bis wir uns wieder in unseren Körpern wohlfühlen und die gemeinsame Wärme spüren.

Wie gesagt, den Ausstellungsraum des SALTS betrat ich mit einem schon eher ungemütlichen Energielevel, das auf die zweite Hälfte des Zyklus hindeutet und dessen Effekt aus diesem Text auszublenden unmöglich war – ich hoffe auf euer Verständnis.

Rechts an der Wand auf Augenhöhe: Sorgfältig aus zwei verschiedenen Büchern getrennte Seiten – Seite 101 und Seite 38. Auf Seite 38 lasen wir von einer ausgeprägten, fast erotischen Faszination für Maiglöckchen. Die schreibende Person fragt sich – und uns – was wohl wäre, wenn wir uns mit Pflanzen fortpflanzen könnten. Sicher ist, dass wir in diesem Fall sehr schnell viel klimaverträglicher wären, denn unsere Mobilität würde auf einen kleinstmöglichen Perimeter reduziert und konsumieren müssten wir nichts mehr als Wasser und Photosynthese. Im Maiglöckchen-Dasein würden die sonst so grellen Ungleichheiten von Einkommen, Reichtum und Umweltbelastung wie von selbst verschwinden. Toll, eine Welt, in der etwas mehr als 8 Milliarden Maiglöcken bei Sonne friedlich im Wind schaukeln und ihren süsslichen Duft verströmen! Natürlich, damit Maiglöcken gedeihen, braucht es das richtige angenehme Klima unserer gemässigten Zone, daher würden wir uns wohl alle auf einer eher engen Erdoberfläche drängeln – irgendwie würden wir das schon schaffen… Die beiden Buchausschnitte wurden als der Ausstellung hinzugefügte additional texts bezeichnet. Wir begegneten ihnen als fast Ready-Mades – ein etwas überraschendes Element, das es uns Besucher*innen ermöglichte, Fragmente von Geschichten, Erzähler*innen, Personen und Ideen zu verbinden. Von wem stammt die Auswahl der Texte? Und ist diese Frage von Bedeutung?

An der hinteren Wand waren zwei sich mit langen Zeigefingern ständig gegenseitig die Schuld zuweisenden cartooneske Hände montiert. Sie können als eine an Ironie grenzende Antwort-Geste auf die Titelfrage gelesen werden. Tatsächlich sind wir wohl besonders geübt darin, zu wissen, was andere tun sollten und wer genau die Schuldigen oder die Gegner*innen sind. Solche Zuweisungen sind einfach und schnell passiert. Ausserdem können sie entmächtigend wirken, entweder weil unsere Gegner*innen zu stark sind, oder weil wir uns in der Konfrontation und Beschuldigung verfangen, anstatt ein gemeinsames Ziel anzustreben.

Weiter nun zum quasi Herzstück der Ausstellung, welches sich räumlich fast ein bisschen hinter dem hängenden, leuchtenden Keramik-Herz-Kunstwerk verbarg. Im Zentrum des Films standen wir – und unsere Institutionen. Das heisst: wir als Kunstschaffende, repräsentiert durch Dorian Sari, wir als Klimaaktivist*innen, repräsentiert durch Anatol Bosshard, Helma Pöppel (ehemals: Klimastreik, heute: Junge Grüne) und Benjamin Rytz (ehemals und heute am Rande: Klimastreik, Basel2030). Auf der anderen Seite des Filmbildes waren die Institutionen positioniert: Museumsdirektor*innen repräsentiert durch Elena Filipovic (ehemals: Kunsthalle Basel, heute: Kunstmuseum Basel) und Josef Helfenstein (ehemals: Kunstmuseum Basel), Kurator*innen repräsentiert durch Théo-Mario Coppola und die Politiker*innen, repräsentiert durch Beat Jans (ehemals: Regierungspräsident Basel, heute: Bundesrat, SP) und Helma Pöppel (Junge Grüne). 

Wer repräsentierte im Film die Gegner*innen und wer die Geldgeber*innen? Zweitere sind besonders interessant: Finanziell immer schwerere private Akteur*innen wie ‘gemeinnützige’ Fonds, philanthropische Stiftungen, Donatoren, Galerien und Auktionshäuser – und deren politische und ökonomische Interessen, Prioritäten und Agenden? 

Im Film ging es um Sichtbarmachen, um Transparenz und Bewusstsein rund um die Klimakrise und dadurch mögliche Verbesserungen. Ist die Klimakrise nicht bereits mehr als sicht- und spürbar und ins Bewusstsein der meisten Institutionen aufgenommen? So sagte Elena Filipovic sinngemäss, dass die konkrete Idee, die CO2-Bilanz ihrer Institution via Newsletter zu kommunizieren, gut sei, da sie leicht umgesetzt werden könnte. Sie war nur noch nicht realisiert worden, da eine solche Kommunikation als Greenwashing hätte wahrgenommen werden können. Die Institutionen müssen die Problematik der Klimakrise schon bloss daher ernst nehmen, da keine von ihnen den aktuell abhebenden, image-orientierten «sustainability politics» Flug verpassen will. Daher bleibt die Frage unbeantwortet: Was machen wir?

Einerseits könnten wir versuchen, der Klimakrise das nötige Geld zu beschaffen, damit sie ihre Lobbyarbeit dort so erfolgreich erledigen kann, wo das Geldbesitzende seit jeher, aktuell aber besonders bravourös, betreiben. Wieso will Basel-Stadt mit ihrer fortschrittlichen Klimagesetzgebung genau diese 2.6 Milliarden Franken und mehrere Hunderttausend Tonnen beim Bau freigesetztes CO2 akzeptieren, um einen neuen Autobahntunnel unter dem Rhein hindurch zu bohren? Ach ja, wir brauchen Verkehrsentlastung (eigentlich wissen alle, dass Autobahnausbau zu mehr Verkehr führt) und natürlich ist es ein nationales Projekt, da können wir nicht einfach so autonom entscheiden… Sorry für die Abschweifung zu diesem etwas beliebig gewählten Beispiel… Es ist nur, dass sich manchmal die Wut anstaut, und dann, jeweils kurz vor Zyklusende, überflutet der Damm. Mein eigentlicher Punkt ist, dass es sehr viel Geld brauchen würde, um auf Gleichstand mit den aktuell agierenden Lobbys zu kommen.

Anderseits könnten wir unsere neoliberale Struktur und Infrastruktur einfach ein bisschen kitzeln und destabilisieren. Denn wir tun in unserem kulturellen Labor des hyperflexiblen Kleinunternehmertums viel mehr als nur Kunstwerke, Künstler*innen und Publikum ein- und auszufliegen. Weil Spezialisten noch immer vorbeten, dass Konkurrenz gut für uns sei – hauptsächlich weil wir dadurch produktiver, die Produktion effizienter und der Profit der Besitzenden grösser wird – finden wir uns in Strukturen wieder, in denen wir selbst mit unseren guten Freunden und geliebten Mitmenschen in einem konstantem Konkurrenzkampf stehen. Als angenehm oder gut empfindet das eigentlich kein*e Arbeiter*in. Glaube ich. Und um dieser internationalen Konkurrenz gerecht zu werden, betreiben wir vielleicht weniger direkt eine Ausbeutung der Natur als andere Industriezweige das tun (ausser Olafur Eliasson, wenn er Antarktis-Eisblöcke durch die Welt fliegt), dafür sind wir geradezu ein Paradebeispiel für Selbstausbeutung. Diese produziert schlussendlich im Sekundärmarkt mehr Reichtum für Geldbesitzende als die meisten Künstler*innen je zum Überleben brauchen werden.

Anstatt diese Ausbeutungs- und Besitzlogik undiskutiert fortzusetzen, versuchen einige im Kunstumfeld wieder im grossen Ganzen denken zu lernen und aktiv das Teilen zu üben. Nicht in einem abstrakten, diskursiven Sinn, sondern ganz konkret. Dies ist eigentlich naheliegend, denn wir wissen, dass ein Kunstwerk nie in einem Vakuum entsteht.

Um, wie die Ausstellung dies dem strömenden Regen zum Trotz für uns tat, auf einer utopischen Note zu enden: Lass uns in diesem Schlamm das Fundament für eine neue Struktur befestigen, bei der das Miteinander funktioniert, das sich Unterstützen und Teilen die Grundwerte sind. Gerne würde ich der Ausstellung antworten: Wir probieren Gemeineigentum und geteilte Verantwortung aus, richten eine nachhaltige Arbeitsstruktur ein und leben einen Werte- und so hoffentlich möglichst bald einen Systemwandel vor. Sollte sich eine solche Antwort über meine Lippen schleichen können, würde mein Körper wahrscheinlich die Produktion des zusätzlichen Hormons wieder einstellen.