Du holst mich ab mit dem roten Auto. Wir finden es beide das Schönste deiner Sammlung. Du fährst oft damit, wenn wir zusammen unterwegs sind, ich glaube, weil deine Partnerin es unpraktisch findet. Uns gibt der Oldtimer ein Gefühl von Abenteuer.
Auf dem Weg zum Treffpunkt laufe ich an dem küssenden jungen Pärchen vorbei, das ich bereits vor zwei Tagen am selben Ort sah. Sie scheinen sich wohl immer zu dieser Zeit hier zu treffen, bevor sie zur Schule oder in die Lehre gehen. Eng umschlungen stehen sie an der Ecke, und die passierenden Leute stören sie nicht.
Du kommst an, ich steige ein und rede nicht aus. Du erzählst und erwähnst und ereiferst und entfernst dich, während wir durch die Dörfer kurven. Karge Äcker ziehen vorbei und der dünne Wind pfeift durch unsere Locken. Unsere atmungsaktiven Wanderjacken wärmen uns gegen die Zugluft. Die Strasse windet sich durch Hügel, die zu Bergen werden. Mir wird ein bisschen übel.
Wir kommen an und straucheln durch die kühle Schlucht. Wir reden über meine Stellensuche und du malst meine Zukunft dunkel auf den blauen Himmel. Du isst ein Stück verschimmeltes Brot und harte Haselnüsse beim Wasserfall, meine nackten Füsse flüchten vor Ameisen in den klaren Bach. Weiter geht der Weg, vorbei am rauschenden Fluss und in die Weide zu einem Fohlen. Die grossen Ponys fressen Gras unter den Nadelbäumen. Ich versuche das Kleine mit klickenden Lauten anzulocken, und es kommt zu meiner Überraschung postwendend angaloppiert und verlangt nach Streicheleinheiten. Du stehst daneben, bis es auch bei dir den Kopf an deiner Schulter reibt und nach Nähe und Aufmerksamkeit verlangt. Als wir die Weide verlassen, läuft es mit uns bis zum Gatter und schaut uns noch lange nach.
Die Route führt uns auf eine geteerte Strasse, ich weiss, dass du das nicht so gerne magst, du hast lieber Naturpfade. Ich schätze den zur Abwechslung ebenmässigen Weg. Ich muss noch etwas loswerden, sagst du, wegen deiner Pläne, im Sommer zu heiraten. Okay, sage ich. Ich bin mir unsicher, ob es die richtige Person für dich ist. Wie kommst du darauf, frage ich. Ich denke, du machst das nur, weil es mit deinen politischen Idealen übereinstimmt, eine Frau zu heiraten. Und auch gleich die erste Frau, die du datest. Ich denke, ich habe schon einige Frauen gedatet, und selbst wenn nicht, was spielt das für eine Rolle. Ich bleibe ruhig und erkläre und beschwichtige und hole aus und argumentiere für meine Liebe und meine Partnerin und auch für mich. Damit du mich siehst und unterstützt. Zum Schluss lenkst du ein. Ja, so würde das auch Sinn machen für dich. Aber ich werde sicher verstehen, dass du das einfach noch loswerden musstest, bevor es zu spät ist.
Die Sonne steht hoch, wir kehren ein. Eine Pizza Funghi, einmal Lasagne und zum Dessert Stracciatella Glacé für uns beide. Du bezahlst und gibst kein Trinkgeld. Die Kellnerin im grün gemusterten Kleid verabschiedet sich freundlich und wir kraxeln den Berg hoch zum Bahnhof. Er ist menschenleer und eine Sackgasse, was uns fasziniert. Endzeitstimmung, finden wir beide, mit diesen Gleisen, die beim Wald einfach aufhören. Ich denke an meine Lieblingsserie mit der Zombieapokalypse. Überleben in einer Mischung aus unübersichtlicher Natur und verlassener Zivilisation – irgendwie beruhigt mich diese Vorstellung. Die Zugfahrt zu deinem Auto und unserem Ausgangspunkt verbringen wir schweigend.
Wir fahren vors Haus, die Begrüssung ist herzlich und frisch, inklusive Aperitif. Wir schauen Grissini knabbernd vom Balkon übers Dorf und in den stoischen Wald dahinter. Zähneputzen steht an, aber die Zahnpasta ist uns beiden vergessen gegangen. Putzen wir doch ohne, schlägst du vor. Mein Mund fühlt sich danach pelzig und schal an. Du liegst schon im Bett, als ich die knarzende Treppe runterlaufe und zu später Stunde bei der Gastgeberin klingle. Etwas beschämt berichte ich von unserer misslichen Zahnhygiene-Situation. Sie eilt sofort ins Hinterzimmer und kommt mit einer kleinen Tube Zahnpasta für entzündete Zähne zurück. Ich bedanke mich überschwänglich und laufe durch die nächtliche Stille zur Treppe. Oben angekommen, gucke ich von der Galerie in den dunklen Waldrand in der Hoffnung, einen Fuchs oder Dachs zu erspähen. Du schnarchst schon, als ich zurück bin.
Ich falle in den Schlaf und träume, dass ich auf einem Festival bin mit viel zu vielen Menschen. Ich fühle mich ängstlich und beklemmt, bis ich die Katze sehe. Es ist unsere Katze, die als Kind bei uns lebte, jetzt arbeitet sie hier als Sanitätskatze. Sie spürt Verletzte und Betrunkene auf, führt das Sanitätsteam zu ihnen. Dann läuft sie zu verschiedenen Pflanzen, vor denen sie Männchen macht, um zu signalisieren, dass es Heilpflanzen sind, die den Betroffenen helfen könnten. Als ich aufwache, habe ich ein bisschen Heimweh. Du bist schon länger wach und trinkst auf der Terrasse deinen Kaffee.
Im grossen Aufenthaltsraum frühstücken wir mit anderen Wandervögeln, die lebhaft über ihren nächsten geplanten Ausflug diskutieren. Wir gucken über unsere Cappuccini hinweg in den gelb-rosa Frühlingsgarten, während du von deinem depressiven Arbeitskollegen erzählst. Eine kurze Autofahrt später stehen wir vor dem kleinen See, den wir noch umrunden wollen. Eine langsame Dame mit wuscheligem Hund kommt uns entgegen, es wird gegrüsst und aneinander vorbei gestakst. Der Hund bellt mich ein bisschen an, ich habe ihn wohl erschrocken, und er mich.
Die Wolken spiegeln sich auf der klaren Seeoberfläche, auf der Wasserläufer Kreise zeichnen. Du sitzt auf einem gefällten Baum, während ich meine Knieübungen mache gegen die Schmerzen vom Wandern. Ich stehe auf einem Bein und du schaust den Enten zu, die nach Essbarem tauchen. War wohl doch zu steil und steinig gestern. Der Nebel lichtet sich gemächlich und wir sind auch schon beim Parkplatz, wo ein campierendes Ehepaar mittleren Alters deinen Alfa Romeo bestaunt. Du unterhältst dich mit der Frau über Oldtimer, während ich die Sonne auf meiner Haut geniesse. Danach machen wir kurz ein lachendes Selfie vor dem Auto, das karminrot im Licht glänzt.
Wir fahren zurück, meine Ohren sind etwas kalt. Ich hänge auf dem Beifahrerinnensitz in meinen Sorgen und Gefühlen. Du hältst dich raus und regst dich auf. Du rufst aus. Du rufst mich fast nie an, denke ich. Du bringst mich heim und fährst davon.
