In der Kunstgeschichte wird im Versuch, überzeitliche Wahrheiten herauszukristallisieren, sehr gerne auf uralte Quellen zurückgegriffen. Eine der Favoritinnen ist seit Beginn der Disziplin unter Jacob Burckhardt und seinen Kumpanen die Anekdote von Gregor dem Grossen. Der soll um 600 im Streit dem Bischof von Marseille an den Kopf geworfen haben, Bilder seien die Bücher derer, die nicht lesen können. Dieser Satz diente über Jahrtausende hinweg als Rechtfertigung öffentlicher Bildprogramme. Dies gilt neben Denkmälern (von denen ja Walter Benjamin berühmterweise sagte, sie würden eh von niemandem angeschaut), vor allem auch für Wappen an Stadttoren oder zentralen Plätzen.
Diese Wappen und all die komplizierten Elemente der Heraldik waren und sind Träger identitärer Botschaften: Siehe her, wer du als Bürger*in dieser Stadt bist! Gerade in der Schweiz führt das neben sehr einfach zu dechiffrierenden Personifikationen (wie im Kanton Glarus) oder Leitsprüchen (wie im Kanton Waadt) aus irgendeinem Grund zu überraschend vielen Tieren mit exponierten Geschlechtsteilen. Es ist anzunehmen, die edlen Adels- und Sagenviecher sollten für Potenz und Nobilität stehen. Neben den beeindruckenden wortwörtlichen Schafseckeln vom Munot, den Bockshoden aus dem Bündnerland und den Berner-Appenzeller Bärenständern (Bear fetish, anyone?) darf der Thurgau den Preis für die meisten Sexualorgane für sich beanspruchen. Zwischen den Beinen beider heraldischer Löwen prangt schwer zu übersehen ein rotes Zipfelchen. Wie erfreulich, endlich mal die Nummer 1 in irgendwas, und dann auch noch bei Sexpositivität! Dies zumindest scheint die offizielle Lesart der kantonalen Obrigkeit zu sein, schreibt das Staatsarchiv doch auf seiner Webseite:
“Details des Wappens sind übrigens nicht festgelegt – weder die rote Zunge noch die Zeichnung der Löwen. Und wenn die Geschlechtsteile seit einigen Jahren ebenfalls rot hervorgehoben sind, so nicht, weil solches biologischen Realitäten entspräche, sondern eher, weil es dem Zeitgeist nach 1968 zu entsprechen scheint.”
Ich würde sagen, diesem wunderschönen Glanzstück an hochaktueller Referenz und Diskurskenntnis ist nichts mehr hinzuzufügen. Hopp Schwiiz!
