Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

It’s Not Me, It’s You: Eine Abrechnung

„I was looking for a job and then I found a job. And heaven knows I’m miserable now.“ Gerne würde ich mich mit den Worten der Smiths identifizieren können. Gerne wäre ich miserable now weil ich einen Job gefunden habe. Ich bin zwar miserable, aber ohne Job – den suche ich nämlich immer noch. Das Phänomen ist wohl für viele Menschen, die im Kulturbereich arbeiten, kein unbekanntes.

„Hauptsache du studierst“, haben sie gesagt, „dann findest du auf jeden Fall einen Job, verwirkliche dich selbst, folge deinen Träumen.“ Nun, zehn Jahre später landen meine Träume und ich im Hier und Jetzt. Der Jobmarkt hat sich aufgrund verschiedener Umstände drastisch geändert und die Arbeitslosigkeit unter Akademiker*innen ist so hoch wie nie. Da bringen mir mein Bachelor- und Masterabschluss, die unzähligen schlecht bezahlten Praktika, verschiedene Auslandsaufenthalte und ehrenamtliche Engagements wirklich überhaupt gar nichts – meine Arbeitstüchtigkeit wird konsequent verschmäht. Stattdessen liebäugele ich nun ganz aufgeregt mit einer Umschulung, einem Quereinstieg, neue Branche, ein Neuanfang. Mein Leben mit 30 habe ich mir zwar anders vorgestellt, aber meine Mutter hat schon immer gesagt: „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“ Mit einer gesunden Portion Galgenhumor akzeptiere ich mein Schicksal, für das ich inzwischen die Schuld nicht mehr bei mir suche.

Am meisten kotzt mich inzwischen das sisiphusartige Ritual des Bewerbungen-Schreibens an. Wie haben die Smiths weiter gesungen? – „In my life, why do I smile at people who I’d much rather kick in the eye?“ Natürlich smile ich weiter und kicke niemandem in the eye, aber heute, ja heute, kitzelt es mir in den Fingerspitzen. Ich beschwöre all meinen Frust und Selbstironie herauf und nehme mir die Freiheit dieser wundervollen Residency im Thurgau, um endlich mal ein Motivationsschreiben nach meinem Gusto zu formulieren – man könnte sagen: Liebesgrüsse der etwas anderen Art, vielleicht sogar ein Trennungsbrief.

Sehr geehrte*r xy

Mit langsam gediehener Gleichgültigkeit, Resignation, Frust und mittlerweile recht geknicktem Selbstvertrauen bewerbe ich mich auf die ausgeschriebene Stelle, die wahrscheinlich sowieso schon intern vergeben oder per Vitamin B verschachert ist. Ich bin erst seit drei Jahren in der Schweiz, war 1,5 davon krankgeschrieben und habe kein einziges Familienmitglied, das auch nur im entferntesten in der Kunst- und Kulturbranche arbeitet – dementsprechend verfüge ich über kein brauchbares Netzwerk, das mir zu einem Job verhelfen könnte. Dafür aber über jede Menge Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem, anders gesagt: Ich bringe sowohl vielseitige Erfahrungen mit als auch die Fähigkeit, mich flexibel an verschiedenste Situationen anzupassen.

Ich sende Ihnen also meine Bewerbungsunterlagen, die unter den 300 anderen Bewerbungen ziemlich sicher sowieso untergehen werden. Falls dann doch mal ein Augenpaar länger als drei Sekunden an meinem Lebenslauf hängen bleibt, dann wird er wahrscheinlich aufgrund der vielen selbstständigen Tätigkeiten aussortiert. „Diese Freelancer – die sind doch unzuverlässig und können sich nicht in bestehende Team- und Bürostrukturen integrieren“, denken Sie, der Mensch hinter dem Augenpaar, dann. Allerspätestens wird meine Bewerbung dann aber aussortiert, wenn es keine auf den ersten Blick logische Erklärung für die 1,5 Jahre lange Lücke gibt, habe ich Recht? Ich habe in Ihrer Stellenausschreibung zwar gelesen, dass Sie Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, neurodivergente Menschen, Frauen, Menschen verschiedener sexueller Orientierungen usw. usw. explizit einladen, sich zu bewerben. Aber seien wir ehrlich: Dieser Disclaimer ist über alle Masse performativ und entlockt mir höchstens noch ein müdes Lachen. Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass ich nie wieder den grob fahrlässigen Fehler begehen werde, mich auch nur ansatzweise offen zu jeglichen Erkrankungen, Einschränkungen oder speziellen Bedürfnissen zu bekennen. Prove me wrong, aber ich habe bisher noch keine guten Erfahrungen gemacht. Egal wie artsy fartsy fancy pancy – am Ende sind auch Sie auf Effizienz angewiesen und kämpfen wahrscheinlich wie alle anderen Kunst- und Kulturinstitutionen um jeden müden Rappen, clever versteckt hinter Jobprofilbeschreibungen wie: flexible Arbeitszeiten, Bereitschaft auch am Wochenende zu arbeiten, unkonventionelle Ideen, Hands-On Mentalität, Loyalität. Übersetzt bedeutet das: „Wir bieten dir einen prekären Job in einem unterbesetzten Team an, für den du 24/7 alles geben musst, und bezahlen dich dann auch noch miserabel dafür. Wenn du nicht topfit bist, dann wirst du ziemlich sicher nach ca 6 Monaten mit einem Burn Out ausfallen und somit stellen wir dich gar nicht erst ein. Damit wollen wir nichts zu tun haben.“

Ich habe noch nicht herausgefunden, welche HR-Bullshit-Bingo-Buzzwords ich nennen muss, damit ich eine interessante Arbeitnehmer*in für Sie bin, aber ich versuche es mal mit: Ich mache gerne die Arbeit von drei Personen, werde mich nie darüber beschweren und immer lächeln, ich kann zum Scheitern verurteilte Projekte retten, unter Dauerstress stets fehlerfrei arbeiten, jede Anspruchsgruppe des Universums individuell abholen, selbstverständlich immer mit Höchstleistung performen und auf Knopfdruck kreativ sein. Zur Not lecke ich auch die Stiefel meiner Vorgesetzten oder krieche ihnen in den Arsch. Auf einen fairen Lohn verzichte ich dabei gerne.

Über eine positive Rückmeldung würde ich mich sehr freuen, naja zumindest werde ich so tun, als würde ich mich freuen und gottfroh sein, überhaupt einen – wenn auch mittelmässigen – Job zu ergattern. Traumjob, dream on – die Zeiten von „Traumjobs“ sind vorbei. Der Job bei Ihnen wäre aber natürlich mein Traumjob, verstehen Sie mich nicht falsch! 

Mit halbherzigen Grüssen und zu fast allem bereit, 

xx 

P.S.: Wenn in einer Stellenausschreibung „Französisch von Vorteil“ steht und du kaum französisch sprichst – versuch es gar nicht erst. „Von Vorteil“ heisst soviel wie „fliessend, fast muttersprachliches Niveau vorausgesetzt“.

P.P.S.: Wenn ich jemals einen Job finden sollte – I swear to God, Heaven will not know that I might be miserable. Die Farce der erfüllten und glücklichen Arbeitnehmerin wird niemals bröckeln. Ich werde den Job für immer behalten. Zumindest so lange, bis der ziemlich sicher befristete Arbeitsvertrag abgelaufen ist oder eine KI mich ersetzt oder ich mich endlich zu einer Trennung durchringen kann.