Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

“… durch die Augen von Q.U.I.C.H.E.”: Transkript eines Dialogs nach einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch am 24. Juni 2025

V: Also, wie wollen wir das jetzt machen? Überlegen wir uns zuerst, worüber wir genau sprechen wollen? Oder lassen wir einfach drauf los? One go, one shot? 

L: Ich finde, wir können das so machen. Wir haben uns gerade die Ausstellung angeschaut und Gedanken gesammelt. Sprechen wir einfach darüber, was uns im Kopf geblieben ist. Worüber denkst du aus deinen queeren Blick von 2025 nach? 

[lachen] 

V: Der erste Ansatz ist nicht unbedingt dieser queere Blick von 2025, sondern eigentlich schon im Ausstellungstext und im Diskurs rund um die Ausstellung ziemlich präsent. Es geht um die Darstellung von weiblich gelesenen Körpern. Obwohl sie schon immer Subjekt von Malerei und Kunst waren, verändert sich hier etwas mit dem Blick aus der Perspektive einer Künstlerin. Vor allem, wie die Körper repräsentiert werden. Sie erhalten eine Form aktiver Teilnahme. 

L: Das ist mir auch im Text aufgefallen. Es geht viel um die Welt mit all ihren Facetten. Da steht zum Beispiel:  «Zurkinden [schuf] einen Blick, der radikal inklusiv und verbindend ist und das eben einfängt, was oft übersehen wird.» Das finde ich im Kontext der Aktualität ihrer Sujets spannend. Das erinnert mich an einen queerfeministischen Blick, der Normen dekonstruiert und den Fokus darauf legt, dass es ganz viele verschiedene Körper und Identitäten gibt. Da wirken die Zeichnungen – ich finde vor allem die Skizzen und Zeichnungen – aktuell und können gut aus dem heutigen Blick in unsere Diskurse aufgenommen werden. 

V: Ja, und die Zugänge zu diesen Körpern sind verschiedenartig. Es gibt nicht nur den begehrenden oder ästhetisierenden Blick. Für mich hat Zurkindens Blick mit Verspieltheit und auch Zärtlichkeit zu tun. Beispiele sind die zwei Zeichnungen mit den liegenden, lesenden Frauen, die schon lasziv liegen, aber eigentlich sind sie einfach nur am Bücherlesen.  

L: Vor allem Darstellungen von Frauenkörpern auf eine eher sexualisierende Art – gemalt von männlichen Künstlern aus der Zeit um 1900 und der Avantgarde – sind bekannt. Aus männlichem Blick stand die Erotik von Frauenkörpern im Fokus aber umgekehrt gibt es kaum Künstlerinnen, die einen sexualisierten Blick auf männliche Körper darstellen. 

V: Es gibt einfach nicht so viele Künstlerinnen zu dieser Zeit, oder? 

L: Die gesehen wurden, ja. Ich stimme dir zu in ihrem – wie du sagst – liebevollen Blick. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es um eine erotische Darstellung geht.

V: Oder nicht nur. Für mich ist es wie eine Auffächerung: Es gibt all diese verschiedenen Zugänge und es gibt all diese verschiedenen Verbindungen und gewissermassen Beziehungen. 

L: Vor allem bei den Gemälden finde ich – weil du meintest, es gibt nicht so viele Künstlerinnen, die zu der Zeit gesehen wurden – die Kontraste in den Malstilen oder den Sujets, die Zurkinden abbildet, spannend. Im Text wurde beschrieben, dass sie auch viele Auftragsmalereien annimmt, um Geld zu verdienen. Ihre Bandbreite an Stilen ist in der Ausstellung präsent. Ich frage mich, was davon entsprach ihrem Interesse und was sind reine Auftragsarbeiten?

V: Total! Wo konnte sie sich ausleben und was waren Arbeiten, die nach einem gewissen Standard gut sein mussten, um zu gefallen und sich verkaufen zu lassen? 

In diesem Zusammenhang ist auch spannend, dass sie darauf angewiesen war, ihre Arbeiten zu verkaufen, weil sie Geld nach Hause bringen musste: Sie stand wohl gewissermassen in einer ökonomischen Abhängigkeit. Zurkinden kam nicht aus einer wohlhabenden Familie, sondern eher aus einem Arbeiter*innenkontext. Auch ihr Partner hat als Musiker nicht viel Geld verdient und sie hatten zwei Kinder. 

L: Wahrscheinlich hat sie als Künstlerin Anfang des 20. Jahrhunderts dadurch auch erst eine Form von Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit bekommen. Vor allem dadurch, dass sie bedient hat, was gefragt war. Durch die Sichtbarkeit, die Zurkinden dafür bekommen hat, wurden auch andere Arbeiten gesehen: Zum Beispiel ihre Darstellungen von Diversität, ihre Porträts und die Darstellungen von weiblichen Körpern aus ihrem weiblichen Blick. Das zeigt eine Balance an verschiedenen Arbeiten, die vielleicht auch in gewisser Weise notwendig war, um überhaupt gesehen zu werden. Das erinnert mich an gegenwärtige Diskurse in queer-feministischen politischen Kontexten. Wann wird man gesehen, wie wird man anschlussfähig, wie geht man an herrschende Diskurse ran, um sie zu zerschlagen? 

[lachen]

V: …und wer kann sich das erlauben? Zurkinden war mit Meret Oppenheim befreundet – zu einem gewissen Grad waren sie Komplizinnen. Als die zwei in Paris waren, hat sich Zurkinden – aus welchen Gründen auch immer – viel weniger den surrealistischen Tendenzen verschrieben oder konnte sich vielleicht weniger damit identifizieren. Vielleicht wollte sie sich in ihrem weiblichen Selbstbewusstsein auch nicht diesen Herren und ihren Ideen unterwerfen, sondern ihren eigenen Stil darin entwickeln.

L: Mir gefällt deine Formulierung der Komplizinnenschaft zwischen den Künstlerinnen – oder generell  zwischen Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, oder nicht im Mittelpunkt stehen. Das finde ich schön. Das erinnert mich an den Slogan “Flinta* support Flinta*”. 


V: Lass uns mehr über Komplizinnenschaft reden. Ich finde das wichtig – ich glaube, das erzeugt Kraft, wenn man mit einer verbündeten Person zusammen in einem Raum sein kann, in dem man nicht repräsentiert ist oder sich nicht angenommen fühlt.

L: Ja! Zurück zu dem sehr aktuellen Thema “Selbstbewusstsein”. Ich stehe mir oft selbst im Weg, wenn es um den Glauben an meine eigene Arbeit geht oder um das, was ich kann oder weiss. Manchmal wünsche ich mir das Selbstbewusstsein eines cis-heterosexuellen weissen Mannes über 60.

[lachen]

L: Wie du sagst: In Zurkindens Arbeiten zeigt sich eine gewisse Sicherheit bezogen auf das, was sie darstellen und zeigen möchte. Das berührt mich. 

V: Total! Ich fühle eine Verbundenheit mit dem, was sie zeichnet oder den Menschen, die sie porträtiert. Gerade bei den Porträts von Meret Oppenheim nehme ich eine starke Freundschaft wahr, die mitschwingt. Ein Zusammensein an Orten, an denen das nicht unbedingt erwartbar wäre. Das Ungewohnte im Gewohnten.

L: Das erinnert mich an ein Zitat von Jeanette Winterson. Sie schreibt in einem ihrer Bücher darüber, wie sich der eigene Blick und Aufmerksamkeit verändern, wenn man das Gewohnte in einem ungewohnten Ort sieht oder etwas Ungewohntes an einem gewohnten Ort. Das finde ich schön. Ich denke auch an Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst: Ich nehme aktuell viele Malerei und Fotografie wahr, die den Fokus auf die Repräsentation von unterrepräsentierten Menschen legen. Es geht gerade darum, selbstbewusste Porträts von Menschen zu schaffen, die immer noch um ihre Sichtbarkeit kämpfen. Das ist eine Parallele zu Zurkindens künstlerischer Arbeit.

V: Es gibt in der Ausstellung auch viele Arbeiten, die Gemeinschaften dokumentieren. Mir kommen verschiedene Gemeinschaften in den Sinn, wie zum beispiel Wagenplätze oder Strukturen, in denen Menschen versuchen, ‘andere’ Modelle zu leben oder eine neue Form von Zusammenleben zu finden.

L: Zurkinden stellt zum Beispiel Zirkusgemeinschaften dar. 

V: Ja, es geht sehr viel um Repräsentation, oder? Auch ein bisschen um das Rollenspielen – müssen. Oder nicht, manchmal.   

L: Aber dann gibt es noch etwas, das erwähnenswert oder auch noch lustig sein könnte in diesem Zusammenhang, wenn man über andere Blicke auf Sexualität redet. 

V: Genau, andere Blicke. Ja, also ich finde diese eine Malerei Erotische Szene super! Dort liegen zwei Frauenkörper und der Kopf des einen Frauenkörpers verwandelt sich in einen Phallus, den die andere masturbiert. Ich finde das erfrischend und spielerisch, wie Zurkinden männliche Geschlechtsorgane in verschiedenen Formen darstellt. Das hat einen gewissen Witz und ein bisschen ein ‘Detournement’.

L: Sie hat vielleicht eben nicht diesen sexualisierten Blick auf einen erotischen Phallus, sondern eher etwas nicht ganz ernstzunehmendes.