Irène Zurkinden hat ein vielseitiges und dichtes Werk geschaffen: von Stadtansichten in Paris über Zirkusszenen und erotischen Traumdarstellungen bis zu bürgerlichen Porträts. Mit gleichermassen starken Einflüssen von Post-Impressionismus und Surrealismus lässt sie sich keiner Strömung eindeutig zuordnen. Trotz Zurkindens Vielfalt stehen im Kern ihrer künstlerischen Praxis immer Körper, wie die umfassende Ausstellung in der Kulturstiftung Basel H. Geiger und Quinn Latimer im begleitenden Katalog deutlich machen. Besonders die Skizzenbücher geben Einblick in eine privat wirkende Welt voller Intimität. Zurkindens Körper sind fluide, ihr Strich in Bewegung, eine stetige Transformation der Linie von Körper zu Umgebung, von Frau zu Frau oder von Frau zu Mann oder – in heutiger Sprache – zum non-binären Wesen ‘Won-Non’. Ihr künstlerischer Blick ist direkt, aber stets wohlwollend und oft sinnlich. Tiere, Freund:innen und Liebhaber:innen werden dabei dem gleichen prüfenden Blick unterworfen. Und sie alle scheinen diesen Blick zu erwidern. Bei Zurkinden gibt es keine passiven Musen.
Es ist verführerisch, über all diese Körper zu schreiben, über die durch die Landschaft spazierenden Genitalien zu sinnieren oder über die Beziehungen zwischen den dargestellten und darstellenden Künstlerinnen zu fantasieren. Dennoch möchte ich hier einen anderen Körper in den Fokus rücken – den der Katze. Katzen bevölkern Zurkindens Werk, vom gemalten Porträt Le Dimanche du Matou (1980) bis zu vielen Zeichnungen in den Skizzenbüchern. Auffällig ist auch, dass in der Rezeption ihres Werkes Katzen häufig auftauchen. Im ebenfalls in der Ausstellung gezeigten Video von Ariane Koch und Garrick Lauterbach wird Zurkindens Katze Matou sogar zum sprechenden Führer durch ihr Leben und Werk.
Matous Präsenz hat mich nicht überrascht, denn das Klischee der queeren Frau mit ihrer Katze ist bei mir ebenso fest verankert wie Paris bei Irène Zurkinden. Katzen werden mehr als vielleicht alle anderen Tiere von Menschen als Projektionsfläche genutzt. Sie sind ägyptische Gottheiten, Symbol für Anarchismus, Superheldinnen und spielen die Hauptrolle in vielen Memes von Grumpy Cat zu Nyan (ich weiss, dass ich mich mit diesen Referenzen als Millennial oute). Gefilmte oder KI-generierte Katzen in umfassenden Mengen helfen Menschen zudem täglich, die immer düsterer werdende Realität des Spätkapitalismus erfolgreicher zu verdrängen.
Immer wieder werden Katzen eng mit weiblicher Sexualität verbunden. Schon in der ägyptischen Mythologie steht die Katzengöttin Bastet für Fruchtbarkeit. Diese Verbindung wird in der griechischen und römischen Mythologie mit Artemis und Diana in abgeschwächter Form fortgeführt. Die enge Verbindung der Katze zu nichtchristlichen Mythologien wird ihr im Mittelalter zum Verhängnis: “Effectively women and cats in unison were associated with pre-Christian goddesses,” sagt Alice Maddicott, Autorin von Cat Women: An Exploration of Feline Friendships and Lingering Superstitions, und ergänzt, “[which] the church would have frowned upon and [could] be the root of some of the suspicion that later exploded with the witch trials.” (1)
Diese Assoziation zeigt sich bis heute im (englischen) Sprachgebrauch. Es ist auffällig, wie die Katze sowohl für eine Hyper- als auch für eine Desexualisierung der Frau herhalten muss. Entweder spricht man von Sex Kitten, Cougar und Pussy oder von catty oder Cat Lady. Während die ersten drei Begriffe für eine offen gelebte, aber deutlich cis-heteronormativ ausgerichtete weibliche Sexualität stehen, könnte die Idee der Cat Lady erklären, warum Katzen so eng mit queerer – spezifisch lesbischer – Sexualität verbunden werden. Obwohl dies heute primär als humorvolle Selbstbeschreibung verwendet wird, war es besonders in den 1970er Jahren eine verbreitete Beleidigung für Lesben. (2)
Cat ladies sind dem Klischee nach kinderlose, unattraktive und sexuell inaktive Frauen, die am Rande der Gesellschaft leben. Katzen gelten in diesem Bild als bemitleidenswerter Ersatz für den nicht vorhandenen Ehemann. Wie Dundee Courier schon 1880, tief in in der viktorianischen Zeit, erklärte:
“But we are not going to write a dissertation on cats and old maids. It is a universal belief that the one cannot exist without the other; that in short, the old maid would not be typical of her class without the cat, though the cat is able to exist without such a protector.” (3)
Obwohl Frauen und andere FLINTA* heute häufiger die Freiheit haben, Lebensentwürfe jenseits der klassischen Kernfamilie zu wählen, wird die Beleidigung der Cat Lady weiterhin verwendet. Das zeigte sich in der letzten US-Präsidentschaftswahl, als JD Vance Demokrat:innen (ja alle zusammen, unabhängig von Geschlecht) als kinderlose Katzenfrauen bezeichnete. (4) In Reaktion darauf griff Taylor Swift den Begriff als Selbstbezeichnung in ihrer Unterstützung von Kamala Harris auf. Lesbische Paare mussten sich historisch häufig als Spinsters und Cat ladies tarnen, um ein Leben ausserhalb der gesellschaftlichen Normen führen zu können. Das bewusste oder unbewusste Missverständnis von Historiker:innen über ‘beste Freundinnen’, die zusammenlebten und nie heirateten, ist genauso Teil der queeren Popkultur wie die Katzen, die die Hinge-Profile von queeren FLINTA* bevölkern:
“Cats are connected with deviant forms of femininity like witches, spinsters, and lesbians. So when you see cats come up, the pejorative assumptions are kind of reclaimed in a way, like in the way that ‘dyke’ is reclaimed from being a slur against lesbians. Cats kind of recirculate specifically because they have all of these associations.” (5)
Auch wenn Zurkinden nicht lesbisch war, sondern mit Männern und Frauen schlief, auch wenn sie eine Familie hatte, auch wenn sie kein Spinster-Dasein führte, fällt sie durch die Freiheit, mit der sie ihr Leben gestaltete, am ehesten in diese Kategorie der “deviant forms of feminity”. Zusammen mit der Sichtbarkeit von Matou in ihrem Werk wird sie damit, zumindest für mich, zu einer Katzenfrau. Und damit ist sie in grossartiger Gesellschaft: Denkt an Virginia Woolf und ihre Katze Sappho – wie könnte es anders sein – oder Claude Cahun in unterschiedlichsten Fotografien mit Kid und Nike. Und bei den Suffragetten Alice Burke und Nell Richardson wird die Katze Saxon sogar zum feministischen Maskottchen.
Bei Zurkinden ist die Liebe zur Katze jedoch weniger politisch oder strategisch. Sie ist auch weniger eindeutig an weibliche und/oder queere Sexualität gekoppelt. In ihren Zeichnungen räkeln sich aber durchaus nackte Frauen auf derselben Seite wie Katzen; in diesen Positionen suggeriert die physische Nähe auf dem Papier vor allem eine Ähnlichkeit. Die Körper sind verdreht, beide am Kopf dunkler gezeichnet, mit dichtem Strich. Auch dadurch entsteht Verwandtschaft. Katzen erscheinen bei Zurkinden als hybride Wesen. Es finden sich Katzen mit menschlich wirkenden Frisuren oder Menschen mit Katzengesicht im Haar, zwei Porträts verschmelzen zu einem. Aber es gibt nicht nur hybride Katzen: Frauen transformieren sich auch zu Hunden. Donna Haraway wäre stolz auf Zurkindens Cyborgs, ihre Auflösung der Grenzen zwischen den Spezies.
Es verhält sich hier also genauso wie überall im Werk von Irène Zurkinden. Sie experimentiert frei, lässt sich nicht eingrenzen, ist nicht eindeutig zuzuordnen. Die Katze fungiert bei ihr nicht als Symbol. Im Zentrum stehen vielmehr ihr Blick, ihre Feinfühligkeit in der Darstellung verschiedener Körper, ihr Überschreiten von gängigen Grenzen im Verständnis von Geschlecht oder Spezies. Sie scheint ihre Katze, genauso wie ihre liebsten Menschen, wirklich zu sehen. Am deutlichsten wird dies in jenen Gemälden und Zeichnungen, in denen Katzen einfach Katzen sein dürfen.
(1) Akanksha Singh, Ancient Egypt to Taylor Swift: The historic roots of the ‘cat lady’, in: BBC (01.08.2024), “https://www.bbc.co.uk/culture/article/20220225-the-batman-the-ancient-roots-of-catwoman” (17.08.2024)
(2) Madison Guetzkow, Cats and Feminity, in: Sartorial Magazine (15.04.2024), “https://sartorialmagazine.com/opinion/2024/4/15/cats-and-femininity” (17.08.2025).
(3) o.A., Walter Betty and her Cats. A Montrose Monomaniac, in: Dundee Courier (05.10.1880), zit. nach The British Newspaper Archive, “https://www.britishnewspaperarchive.co.uk/viewer/bl/0000269/18801005/129/0007” (17.08.2025)
(4) https://www.bbc.com/news/articles/crg50ven1qeo
(5) Megan Wallace, Why cat imagery is so significant in lesbian pop culture, in: DAZED (05.08.2019), ” https://www.dazeddigital.com/art-photography/article/45498/1/this-show-traces-the-significance-of-cat-images-in-lesbian-communities” (17.08.2025).
