Die kuratorische Praxis des europäischen Museumswesens ist im 21. Jahrhundert sehr häufig und zurecht damit beschäftigt, vergangene Fehlstellen zu korrigieren und grauenvolle Mechanismen der Ausgrenzung, Unterdrückung und Tilgung aus der öffentlichen Wahrnehmung sukzessive zu überwinden. Dementgegen macht der schreibende Laie der Museologie und Rezeptionsästhetik immer wieder die erstaunliche Beobachtung, dass die meisten Ausstellungsbesuchenden, die nicht einer “déformation professionelle” unterlagen, lieber werkimmanent als kontextuell vorgehen. Die in der phänomenalen Jeff Wall-Ausstellung in der Fondation Beyeler sowohl beiläufig mitgehörten als auch selbst geführten Diskussionen kreisten mehrheitlich um Bildmotive der Darstellungsebene, um optische Eindrücke, um Komposition, Gesichtsausdrücke, Farben und Helligkeiten, und nicht um koloniale Kritik, medientheoretische Hintergründe oder kulturhistorische Referenzen.
Beinahe schade ist es deshalb, wenn Marketing, Kommunikation und Ausstellungstexte spannender Ausstellungen es de facto verweigern, auf konkrete Werke an sich einzugehen und nahezu ausschliesslich den historischen Kontext fokussieren. Marketingabteilungen haben verständlicherweise nichts von Kunst zu verstehen; wahrscheinlich erfüllten sie ihre Aufgaben tatsächlich schlechter, müssten sie sich wirklich um Inhalte kümmern. Für Kuratorinnen und Kuratoren gerade staatlicher Museen ist der Drahtseilakt anspruchsvoller: Was möchte ich dem Publikum vermitteln, was MUSS ich ihm vermitteln aufgrund meines Auftrages und meiner der öffentlichen Hand zu verdankenden Finanzierung? Wie schaffe ich es, dass die dringlichen Themen hinter den Werken genug Aufmerksamkeit erhalten, ohne dass die Exponate beliebig und austauschbar werden?
Diese Gedanken schossen mir alle in den Kopf, als ich einen Teil der Ausstellung “Geniale Frauen” gesehen habe. In den düsteren und meist ignorierten Grafikkabinetten des ersten Stockes des Hauptbaus sind einige Werke auf Papier von Künstlerinnen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts zu sehen. Darunter auch Christus und die Ehebrecherin, ein Kupferstich von Diana Scultori, gen. Mantovana, aus dem Jahr 1575. Der sorgfältig recherchierte Werktext auf den Tafeln nebenan fasst die Biografie der Künstlerin aufs Essentielle zusammen und erwähnt die beiden Inschriften auf dem Blatt. Dies ist einerseits die Widmung an Eleonora von Österreich, Herzogin von Mantua und andererseits das päpstliche Druckprivileg, was wohl für eine Frau jener Zeit außerordentlich gewesen sein muss.
Was ist nun aber auf dem Stich eigentlich zu sehen? Die wohl ursprünglich vom Architekten und Maler Giulio Romano (14499 bis 1546) entworfene Komposition zeigt Christus und die junge Frau im Säulenumgang eines sakralen Zentralbaus. Dessen gewundene Säulen zeichnen ihn vielleicht als Tempel des Salomon aus, womit indirekt auf Christus weise Gerechtigkeit hingewiesen wird. Zahlreiche Männern, teils davoneilend, teils verärgert zurückblickend, flankieren die beiden Hauptfiguren vor den zentralen Portal des Tempels. Ihre bewusst fremdartige Kleidung vermittelt sie als Antagonisten, in casu sind es die Pharisäer. Die gesamte Anlage des Stiches erinnert wie viele Werke Giulio Romanos an Arbeiten von dessen Lehrer Raffael. Der Übervater der harmonischen Komposition und seine Werkstatt hatten 50 Jahre vor Diana Mantovanas Kupferstich für die Sixtinische Kapelle Wandteppiche entworfen. Die Szene der Heilung des Lahmen spielt sich in der Mitte von nahezu identischen Säulen ab: Giulio Romano und später Diana Mantovana haben das Motiv offensichtlich für Christus und die Ehebrecherin wiederverwendet. Dennoch zeichnet sich dieses Blatt durch eine ganz eigene, vollkommen überzeugende Balance aus. Die handlungstragenden Gestalten der Mitte bezaubern: Der kluge, vergebende, nicht moralistisch übereifrige Jesus ist hier nicht nur durch seine Postur und Ebenmässigkeit tatsächlich so etwas wie ein Idealbild des Menschen. Ach, wie viele seiner heutigen selbsterklärten Anhänger zögern keinen Moment, den ersten Stein auf angebliche Sünder*innen zu werfen! Seien es Abtreibungsverbote, Kopftuchzwänge oder Kinderkrankenhausbombardierungen: Jesus sowohl als kompositorischer Höhepunkt der linken Bildhälfte, die Kulmination der piktorialen Menschenpyramide und der ideologischen Menschenliebe, er wäre wohl entsetzt!
Absoluter Blickfang des Werkes ist aber selbstverständlich die Dame, die zuoberst auf dem Stylobat steht und in die rechte Bildhälfte überleitet. Gleich gross wie Christus (!!!!), senkt sie den Blick in einem dankbaren Demutsgestus, ohne jedoch unterwürfig, hilflos oder würdelos zu wirken. Die Falten ihres antikisierenden Kleides sind Prachtexemplare von Aby Warburgs “Bewegtem Beiwerk” – die geflochtenen Haare hätten schöner vielleicht nur Leonardo oder später Élisabeth Vigée-Le Brun hingekriegt. Ihr Körper schmiegt sich perfekt den eleganten Säulen an – sie selber wird sozusagen zur nobilitierenden Auszeichnung des Salomontempels. Die Ehebrecherin ist hier keineswegs eine gefallene Eva – eher ist sie eine bescheidene Göttin.
All dies passt natürlich nicht auf ein Wandtäfelchen – aber hilft uns besser zu verstehen, warum gerade dieses Werk den Gassenhauern der “Geniale Frauen”-Ausstellung im Erdgeschoss kein bisschen nachsteht.
