Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Es beginnt mit einer lebhaften Erinnerung an einen Donnerstagabend, 19h30, umringt von unaufhörlichen überkörpergrossen Spiegelwänden, in unseren engen schwarzen Trikots und weissen Ballettstrümpfen, vor Kälte noch leicht zitternd, als meine Ballettfreundinnen mich als «Vogelscheuche» bezeichneten. Das ist mir eingefahren, hat aber das Problem nicht gelöst. Das, was richtig geholfen hat, war meine Mutter, die gleiche, die mich als 8-Jährige zum klassischen Ballettunterricht angemeldet hatte, und die mir damals, als ich zur Vogelscheuche wurde, jeden Tag ein 250g Pack selbstgemachte Nussmischung mit Cranberrys bereitstellte. Nüsse liebte ich heiss und irgendwie konnte ich mir einreden, dass sie gesund seien und mir nicht schaden würden. So habe ich tatsächlich jeden Tag das ganze Pack leer gegessen, bis mein Körper sich entgegen meinem Willen wieder zu verändern begann.

So viel zu meiner persönlichen, pathologischen Erfahrung mit gesellschaftlich konstruierten und medial omnipräsenten, in diesem Fall weiblich gelesenen Körperbildern. Viele Jahre später haben mein kletterangefressener Mitbewohner und ich, während er friedlich einen grossen Kübel Magerjoghurt auslöffelte, über Körperbilder, Kontrolle und Konsum geredet: Was sie für uns bedeuten, wie wir ihnen begegnen, was Pflege und Selbstfürsorge für uns heisst. In der Zwischenzeit hat mein Körper die Form, die er halt gerade hat und die sich immer irgendwie verändert – dabei ist (so meinen meine Psychotherapeutin und ich) aktuell wenig Psychopathologisches an diesen Veränderungen. 

Was sich seit jenem jungen Erwachsenenalter erstaunlich weiterentwickelt hat, ist mein Körpergefühl. Und damit verbunden die Frage, wie mein Körper überhaupt gelesen werden soll und was es für mich bedeuten kann, diesen tatsächlich fühlen zu wollen und zu spüren. Zum einen, wenn er sich sportlich betätigt, stark ist und an seine physischen Grenzen geht – aber auch wenn er sich entspannt, mich trotz rotierenden Gedanken einschlafen lässt oder in der Sauna alle Trauer ausschwitzt. 

Ich finde es spannend in einem Kraftraum über starke Körper zu hören, wahrscheinlich auch, weil Stärke so viele verschiedene Formen haben kann. Einerseits geht es sicher um Muskelkraft und das Aufbrechen von bereits nicht mehr so stereotypen Vorstellungen von: männlich gleich muskulös, weiblich gleich zierlich. Hier hat nicht nur die Fitness-Industrie in den letzten paar Jahren ganze Arbeit geleistet und es geschafft, dass muskulöse, oder zumindest trainierte, weibliche Körper, immer mit einer starken Betonung auf den Gesässbereich, attraktiv geworden sind. Auch gibt es aktuell gerade in queeren Kreisen einen regelrechten Workout-Hype, der nicht nur daher kommt, dass biologisch weibliche Körper eine andere Geschlechtserfahrung machen. Einigen meiner Freund*innen geht es hauptsächlich darum, sich stark zu fühlen, auch wenn sie vorher eher der Entspannungs-Yoga-Typ waren. 

Damit kann ich mich identifizieren. Als meine Psychotherapeutin mich gefragt hatte, wie ich denn von meinem Anspannungslevel 9 von 10 wieder heruntergekommen sei, oder was mich denn hier festgehalten habe, war meine Antwort, dass ich meinen starken Körper nicht verschwenden wollte. Allgemein spielten dann vor allem körperliche Erfahrungen eine wichtige Rolle: Wärme, Hitze, Kälte, Wasser – eisige Luft ein- und ausatmen. Schlottern und entspannen.

Das Gefühl von körperlicher Stärke ist ambivalent. Einerseits geht es tatsächlich um physisch antrainierte, möglicherweise im Kraftraum gework-outete Stärke. Ja, diese Stärke ist hilfreich, wenn ich Einkaufstaschen tragen, einen Tag zur Erholung wandern oder die nächste Ausstellung aufbauen soll. Aus purer Nützlichkeits-Perspektive bleibt sie jedoch in unserer hoch technologisierten Gesellschaft für die meisten Berufsrichtungen vernachlässigbar. Andererseits geht es bei dieser Stärke wohl eher um sein selbstbewusstes Auftreten, wenn mensch sich stark fühlt. Weil Stärke in unserer Gesellschaft traditionell eher noch mit Männlichkeit, Dominanz und Macht assoziiert wird, wollen wir uns möglicherweise jetzt stark fühlen, um diesem System etwas entgegensetzen zu können. 

Geht es vielleicht darum zu merken, was ein Körper alles (bein)halten kann? 

Vor kurzer Zeit habe ich unter ein Bild in einer comic-artigen A3 Zeichnung geschrieben: «Quand je fais du sport dans la nature, j’ai l’impression d’être assez fortx pour contenir un océan.» (Wenn ich Sport in der Natur mache, habe ich das Gefühl, stark genug zu sein, um einen Ozean in mir zu halten.) Für mich ging es in diesem Satz um den Flow, darum, durch die physische Aktivität zu mir zu finden, zu atmen, (Achtung Kitsch:) die Natur und mich in der Natur zu spüren und aus dieser in mir vorhandenen Lebenskraft Optimismus zu schöpfen. Das hat dem manchmal sehr erdrückenden Gefühl von Machtlosigkeit entgegengewirkt. Somit sind wir schon wieder zurück zur Verbindung von Macht und physischer Stärke gespült worden – diesmal auf eine etwas andere Art. Gerne würde ich der wirtschaftspolitischen Brute-Force-Attacke, bei der anstatt alle möglichen (falschen) Zahlenkombinationen und Algorithmen alle möglichen, auf militärischer und tödlicher Stärke basierenden Kombinationen von Machtstreben, Ideologien und Weltansichten blitzschnell durchprobiert werden, um das verhockte Wirtschaftssystem zu knacken, etwas entgegensetzten. Könnten wir stattdessen üben, darauf zu zählen, dass es besser funktioniert, wenn wir trotz physischer Stärke weich bleiben? Denn möglicherweise würde uns das erlauben, dank geteilter Intelligenz, gezielt die richtigen Algorithmen zu finden, bevor wir alle falschen in Windeseile durchprobiert haben.