Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Die METAebenen des Albtraums Realität

Liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie das? Sie kommen aus einem Museum, steigen in die Tram und zücken ihr mobiles Telefon, wollen schnell einige Schnappschüsse auf Instagram teilen, um der Welt mitzuteilen, dass Sie als kulturell aktives und interessiertes Mitglied der Gesellschaft durch das Wochenende fallen, aber dann erscheint auf dem Bildschirm eine ablenkende Nachricht und Sie vergessen den Post und dann hält die Tram schon am Ziel und dann sind da Menschen und Sie stecken das mobile Telefon ein, die Schnappschüsse noch im Bearbeitungsmodus des Instagram-Story-Post-Tools, und dann haben Sie eine gute Zeit und unterhalten sich und sind vielleicht in einer Bar und dann ist es schon spät und Sie merken, dass die Blase drückt und Sie gehen auf Toilette und setzen sich und nehmen das Telefon hervor, auch wenn das sehr unhygienisch ist, und dann öffnen Sie beinahe automatisch und ohne nachzudenken die Instagram App und dort ist dieser Museumsschappschuss, den sie eigentlich hatten posten wollen und dann posten sie ihn schnell noch auf der Toilette sitzend und dann stecken Sie das Telefon wieder ein und stehen auf und während Sie Hände waschen macht es ‘wwwp-wwwp’ in der Hose und Sie schauen wieder auf das gerade erst verräumte Telefon und sehen, dass das Museum, welches Sie natürlich verlinkt hatten, ihren Post gelikt und gerebloggt hat und Sie denken sich einfach nur: Warum arbeitet die arme Museumsvolontärin, die vermutlich diesen Instagram Account betreut, um diese Uhrzeit und noch dazu an einem Samstag? DAS GEHT DOCH NICHT!

Die meisten von uns, liebe Leserin, lieber Leser, sind wohl Teil des ungezahlten Regiments an Arbeiter*innen, die tags und nachts ‘content’ in die aufmerksamkeits spannend bekämpfende Zerkleinerungsmaschine von Social Media werfen. Gerade Instagram ist aus dem Kunstbetrieb nicht mehr wegzudenken. Liebe Leserin, lieber Leser, sind Sie vielleicht alt genug, um sich zu erinnern, dass früher recht häufig am Eingang eines Museums ein Schild stand, welches das Fotografieren verbot? Diese Schilder waren häufig an der gleichen Stelle, an denen heute die Hashtags kleben, die man verwenden soll, wenn man die im Museum gemachten Fotos auf Social Media postet. Missverstehen Sie diese Beobachtung nicht als boomer-eskes Klagen. Museen verändern sich, Kulturkonsum verändert sich, Sprache verändert sich. Das ist so, das ist gut so, das darf einfach so sein. Es geht mir hier, glauben Sie mir, liebe Leserin, lieber Leser, nicht um die Entleerung von Inhalten bei der Verwandlung in ‘content’, über die man sicher ausgiebig philosophieren und/oder schwadronieren könnte. Mir geht es um die Kontinuität, mit der sich dieses Mühlrad der Endlessscrollbefüllung dreht. 

Das permanente (passive) Zur-Verfügung-Stehen, das die aus den Wänden und von den Eichenfunierkonsolen gerissenen Telefone, welche in unsere Taschen krochen mit sich brachten, ist überlagert worden von der Anforderung einer permanenten (aktiven) Ausbreitung des eigenen Daseins auf Plattformen. Dabei nehmen wir alle kollektiv in Kauf, dass die Inhalte so irrelevant sind, dass es kein Verlust ist, wenn sie sich nach 24 Stunden bereits selbst wieder löschen. Nichtsdestotrotz, die Mühle mahlt, die Uploadbalken kriechen ruckhaft gen rechten Bildschirmrand, alles fliesst zusammen in dieses digitale Netz, in der Hoffnung, dass es dort verknüpft und sich mit sich selbst befruchtet.