Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Das Q.U.I.C.H.E. Kollektiv wurde von der Mental Load Agency eingeladen, am 17. November 2024 ein Gespräch mit der französischen Autorin Fanny Chiarello im WURM zu gestalten. Fanny Chiarello ist unter anderem bekannt für ihr Buch ‘Basta Now. Women, Trans & Non-binary in Experimental Music’, in dem sie eine Übersicht von Musiker*innen präsentiert, die sie mag und die sie inspirieren. Das Buch bezeichnet sie als “non-academic essay”, in dem es mehr um ihre persönlichen Eindrücke dieser Musik geht, denn um akribisch genaues Beschreiben von Genre oder Stilmitteln. 

Im Rahmen dieses Gesprächs im WURM mit anschliessendem Konzert haben Teile des Q.U.I.C.H.E. Kollektivs auch eigene Texte gelesen. Einer dieser  Texte schlug Brücken zwischen Matisse, Masturbation und eben BASTA NOW.

Dienstagabend, 21.54 Uhr. Gerade schoss mir der Gedanke einer scharfzüngigen Humoristin durch den Kopf, den sie in einem ihrer Bücher ausformuliert: Haben traurige Menschen mehr Sex? Die Theorie dahinter ist das Lechzen nach IRGENDEINER Form von Dopamin. Ich bin ein eher trauriger Mensch und ja – meine Masturbationsachse steigt im Verhältnis zum Schweregrad meiner depressiven Episoden exponentiell an. Zugegebenermaßen genieße ich die paar Minuten Auszeit von dem nimmer müde werdenden Hamsterrad in meinem Kopf. Das mit dem Sex kann ich so nicht bestätigen. Dazu bräuchte ich in meinem Fall einen Gegenpart, der die magische Dreimonatsgrenze überdauert. Erst dann gibt es mich auch depressiv und horny zugleich. Neulich sah ich ein Meme. Es ging so: Januar, kurz blinzeln, ein paar gescheiterte Situationships, Dezember. Das bin quasi ich. Spätestens jetzt kommt der Moment mit dem Fragezeichen. Beschäftigt Q.U.I.C.H.E. sich nicht mit gegenwärtigen Kulturphänomenen?

Aufgepasst! Wie es der Basler Kunst- und Kulturanstand will, führten mich auch meine Wege nach Riehen in die Fondation Beyeler. Beim Googlen des Sprichworts „alle Wege führen nach Rom“ habe ich eben herausgefunden, dass eine mögliche Interpretation dessen ist, dass alle Wege in die katholische Kirche führen. Nein, nein – die wollen uns Queers nicht. Also, lieber los nach Riehen. Henri Matisse. Als in einem deutschsprachigen Unisystem großgezogene Kunsthistorikerin, das die europäische Avantgarde auf Gedeih und Verderb seziert, natürlich ein Klassiker. Ach, was studierten wir den frühen Pointillismus des Künstlers, seine Wege zum Fauvismus bis hin zu den berühmten Scherenschnitten. So weit, so gut.

Die Ausstellung ist ein Genuss, eine reine Freude, eine Augenweide. Trotz des stilistisch eingesetzten, ironischen Untertons meinerseits: Die chronologisch gebaute Ausstellung macht wirklich Spaß. Die Entwicklung von Matisses Oeuvre nachzuverfolgen, ließ mein Kunsthistorikerinnenherz pochen. Da wandle ich also mit zufälligerweise post-koitalen Glücksgefühlen durch die Räume der Fondation, als mir eine Bronzeskulptur ins Auge springt: Zwei weibliche Figuren. Arm in Arm. Sich tief in die Augen blickend. „Lesben!“, denke ich sofort. Im Saaltext gibt es außer dem üblichen Werklabel keinerlei weiterführende Informationen. Matisse schuf die Arbeit um 1908 und nannte sie „Zwei Frauen“. Die weiteren von mir angezapften Quellen – some call it research – ergaben, dass der ursprüngliche Titel weitaus diffamierender war. Ich verzichte auf Reproduktion.

Die Sachlage besagt außerdem, dass die Skulptur auf einer Fotografie basiert. Matisse ließ die zwei sich einander anblicken, um die Übersetzung des Zweidimensionalen in die Dreidimensionalität hervorzuheben und eine Frontalansicht der Skulptur möglichst zu vermeiden. Abgesehen davon interessierte sich der Künstler innerhalb seines plastischen Werks sowieso oft vor allem für den formalen Prozess. Offen gestanden ist es auch sehr weit hergeholt, dass Matisse im Jahre 1908 zwei sich liebende Frauen porträtiert. Schon klar. Aber man wird ja wohl noch von Repräsentation träumen dürfen. Vor allem nach besagter Dopaminausschüttung.

Umso besser, dass es im Jahr 2024 Bücher wie „BASTA NOW“ gibt. Gut – der Vergleich hinkt. Es liegen 116 Jahre zwischen Matisse und Chiarello. Trotzdem: Die Autorin Fanny Chiarello leistet mit ihrem Buch einen aktiven Beitrag zu der Sichtbarkeit experimenteller Musik, die abseits von Cis-Heteronormativität produziert wird. Die Lektüre besagten Buches ist auch eine empfehlenswerte Möglichkeit das eben erwähnte Hamsterrad zu durchbrechen. Inzwischen ist es Dienstagabend, 23.25 Uhr, und ich träume jetzt von Matisses tanzenden Lesben oder TINFA*-Musiker*innen – wer weiss.