Nachdem sich im Laufe der Moderne und all dem Chaos danach mit seinen bis dato ungezählten Präfixen die Kunst das Recht zu jeder Form von Ausdruck in jedem Medium erkämpft hat, kann heute eine einzelne “Arbeit” in ihrer inhaltlichen, medialen und ästhetischen Komplexität schnell ihre Betrachterin vom faltbaren Museumshocker hauen. Vielleicht ist es gerade deshalb die richtige Zeit, um zu fragen, wie viel es eigentlich braucht, um etwas in einem Werk auszusagen. Welche Materialschlachten und High-tech Feuerwerke stehen im angemessenen Verhältnis zu dem was uns Künstler*innen mitgeben möchten?
Die Immendorffsche Gretchenfrage “Wo stehst du mit deiner Kunst, Genosse?” könnte heute vielleicht ergänzt werden mit: “Brauchte dieses Video wirklich noch ein skulpturales Setting?” oder auch “Wozu klebt hier ein QR Code?” wenn nicht gar direkt “Und warum liegt hier eigentlich Stroh?”
Ein perfektes Beispiel, das beschreibt, wie auf dem Punkt ein Werk sein kann, das sich nicht in facettenreichen Eskapaden verliert, ist Johanna Mangolds Arbeit “Palm and Cheek”. Nach knapp zwei Millionen Memes und Artikeln über die Unfähigkeit von AI, vernünftige Hände zu erzeugen (beim Erstellen von Q.U.I.C.H.E. Grafiken stellte sich übrigens heraus, dass das Gleiche für Gabeln gilt. Gabeln sind quasi die Hände des Bestecks. Don’t tell anyone high on mushrooms…) schafft Mangold es in einer ultimativ ästhetischen Präzision die Uncanniness von AI Inhalten auf eine sinnliche Art spürbar zu machen. In ihrem Video berühren, verknoten, verschmelzen, verzerren, bekämpfen und liebkosen sich Hände aus der Black Box der neuronalen Netzwerke in einem kosmischen Tanz. Zu hart abgezeichnete Adern auf den Handrücken geben diesen generierten Körperfetzen eine fast schmeckbare Präsenz. Man steht halb angewidert und halb fasziniert da und versinkt in das projizierte Hände-Mandala während in einem gleichsam das Bedürfnis erwächst aus dem Museum zu rennen um Sam Altmann mit Händen aus Fleisch und Blut zu erwürgen, als auch irgendwie Teil zu werden von diesem Verschmelzen digitaler Zuneigung.
Nimm und umarme mich jetzt, unheimliche Cyber-Hand! Lass mich eins werden mit dir in diesen Wogen aus Werden und Vergehen! Berühre mich überall gleichzeitig mit deiner ständig wechselnden Anzahl an erkennbaren Fingern! Und sag meiner Mutter nichts davon!
