Es gibt nicht viele Orte in Basel, an denen ich nackt sein darf. Einer ist am Rhein, an meinem geheimen Strändli. Ein bestimmter Fleck am Kleinbasler Rheinufer zwischen Tinguely-Museum und Wettsteinbrücke. Wo alle anderen Fischerhäuschen sich mit Zäunen umzingeln, ist dieses frei zugänglich. Den gesamten Strandabschnitt nennt man FKK-Ufer. Meist fühle ich mich wohl an meinem geheimen Strändli, auch wenn ausser mir fast nur nackte Männer dort sind. Einer liest Zeitung und informiert ungefragt über das Wetter, ein anderer macht Yoga.
Das Sunnebeedli auf dem Margarethenhügel ist ein zweiter Ort, wo Nacktsein erlaubt ist. Allerdings nur in geschlechtergetrennten Bereichen und nur zum Sonnen – nackt schwimmen ist verboten. Ausserdem herrscht ein Fussballverbot und ein Verbot, zu «lärmen». Im Fraueli dagegen, dem Frauenbereich des Eglisees, ist oben ohne sein ausdrücklich erlaubt. Ganz blutt dafür untersagt. Genauso wie Kinder unter 16 Jahren (bis auf Säuglinge). Sind Orte, die etwas allgemein Verbotenes erlauben, wiederum besonders anfällig, das Alltägliche zu verbieten?
Gesetzlich erlaubt heisst aber noch lange nicht, dass es auch gestattet, geschweige denn praktiziert wird. Ich lese auf «badi-info.ch» nach, dass Nacktsein grundsätzlich am gesamten Rheinufer erlaubt sei. Zudem gibt es in der Schweiz keine gesetzliche Grundlage, gewissen Menschen das Oben-Ohne-Sein zu verbieten. Oft tun es die Badeanstalten aber trotzdem, indem sie sich auf «ordnungsgemässe Badebekleidung» berufen. Solange sich niemand beschwert, werden blutte weiblich gelesene Brüste meist toleriert. Aber manchmal beschweren sich Menschen. Etwa darüber, dass (gewisse) nackte Brüste eine Gefahr für Kinder darstellten.
Gleichzeitig gibt es nicht viele Orte in Basel, an denen ich nackt sein will. Auch dort, wo ich nackt sein darf, kann ich mich unwohl fühlen. Auch dort, wo ich nackt sein darf, fühle ich mich nicht automatisch sicher. Weiter spielt nicht nur eine Rolle, wo ich nackt bin, sondern auch, was ich dabei tue. Natürlich will ich nackt sein in der Sauna und schwimmen tue ich nackt am liebsten. Aber was ist mit Vernissagen, Wandern oder Tanzen?
Ich war neugierig, als mir meine Freundin das erste Mal von einem «Naked Rave» erzählte. Sie würde mit ihrem Kollektiv Avalon dort auflegen, sagte sie, auf dem Naked Floor des Am Bach Festivals in Luzern. Zuerst dachten sie, dass bloss die Tanzenden nackt sein würden. Aber nein, alle müssten nackt sein.
Nicht mal ein Höschen? Nicht mal ein Höschen.
Eine andere Freundin erzählt mir vom Berliner Club Ficken 3000. Dort seien nur die DJs nackt. Hierzulande sind Naked Raves eher die Ausnahme. Es scheint nicht so sehr in unserer (Nacht)Kultur verankert zu sein. Selbst Schweizer Rapper singen höchstens davon, «ohni Tiechli an Rhy z go», aber doch nicht blutt. Ausser vielleicht Faber, zusammen mit Dino Brandão und Sophie Hunger: Als es «warm im Huus» wird, der «Sauna für Armi», postuliert er: «Chum nimm di zrugg, i bi scho blutt.»
Ich habe vor einem Jahr begonnen, zu tanzen. Es war mein Versuch, eine Sportart zu finden, die um ihrer selbst Willen Freude bereitet. Meine Freundin erklärte mir damals, dass luftige Kleider sich tanzend viel besser anfühlten als eng anliegende. Die Kleider bewegen sich mit dir, sie berühren dich. Warum also nackt tanzen?
Das Kollektiv Avalon denkt seit einem Jahr darüber nach, wie Nacht- und Tanzkultur anders gestaltet werden könnten. Eine Idee sind sogenannte «Tender Raves». Diese finden in einem Apartment in der Clarastrasse statt, ausgekleidet mit weissem, flauschigem Teppichboden. Getanzt wird darin mit blutten Füssen oder in Socken, getrunken wird Crémant oder Blöterliwasser. Beginn ist meist um 18 Uhr und um 22 Uhr ist das Ganze vorbei. So können auch Menschen teilnehmen, die lieber am Abend tanzen als in der Nacht. Dafür gibt es viele Gründe, Sorgeverpflichtungen sind nur einer davon.
Mitte August holt das Kollektiv den ersten Naked Rave nach Basel: «Let’s try something new», schreiben sie in der Ankündigung. Eingeladen sind bei diesem ersten Versuch nur FINTA Personen. Es ist ein Klischee, das sich bewahrheitet: Keine anarchischen Schuhhaufen wie sonst, die Schuhe sind fein säuberlich aufgereiht. Begrüssen tut mich eine Person, die nackt – ausser einem offenen Schübeli – mit überkreuzten Beinen auf einem Hocker thront und die Regeln erklärt: Ich kriege eine Papiertüte mit meinem Namen drauf für meine Habseligkeiten. Es gibt eine Dusche mit kleinen Handtüchern. Das Awarenessteam erkenne ich an den temporären Herz-Tattoos.
Ist es eine Sexparty? Fragen mich einige Menschen im Voraus. Eben nicht, sage ich bestimmt. Bei einem Naked Rave geht es nicht darum, einen Raum für sexuelle Begegnungen zu schaffen. Es geht einzig darum, nackt zu tanzen. Eine berechtigte Frage bleibt aber, wie mit konsensuellen, sexuellen Begegnungen an einem Naked Rave umgegangen wird. Ist knutschen erlaubt? Ist Fummeln ok? Und was ist mit dem Teppichboden, der für gewöhnlich zum Aufeinanderliegen einlädt: Tut er das auch diesmal? Ich wehre mich dagegen, Nacktsein automatisch zu sexualisieren. Geht es nicht genau darum? Uns unsere Nacktheit, unsere Körperlichkeit zurückzuerobern, in anderen Kontexten.
Bei diesem Naked Rave sind weniger Menschen als sonst im Avalon-Apartment. Es gibt eine Personenbeschränkung. So ist genug Platz zum Tanzen und wir müssen uns nicht berühren. Die Menschen sind tendenziell umsichtiger. Wir sind uns bewusst, wie verletzlich wir sind. Ich überlege zwei Mal, bevor ich eine Person zur Begrüssung umarme. Und ich merke, wie ich diese Vorsicht mag. Sie lässt mich den starren Kodex von (Nacht)Kulturräumen überdenken, ja offenbart ihn vielleicht sogar erst.
Meine gesamte Jugend über empfand ich es als normal, im Club angefasst oder angetanzt zu werden. So wurde eben «geflirtet». Heute gibt es mehr Bewusstsein, an vielen Orten Awareness-Konzepte und Code-Namen, die ich an der Bar nennen kann, wenn ich mich unwohl fühle. Trotzdem: Ungewollte, ungefragte Berührungen gehören für viele Menschen zum Nachtleben dazu wie Shots mit schlecht gealterten Namen und endlose WC-Schlangen. Müssen wir erst nackt sein, um Grenzen einzuhalten? Es ist paradox, aber weil ich nackt bin, fühle ich mich weniger sexualisiert, weniger beurteilt. Dein Outfit spielt plötzlich keine Rolle mehr, sagt eine Freundin. Endlich seh ich all deine Tattoos, sagt eine andere.
Geknutscht habe ich am Naked Rave schlussendlich trotzdem. Was solls, dachte ich, i bi scho blutt.
Nachtrag: Einige Wochen nach dem Rave bin ich am Eröffnungsapéro der Kunsttage im Acqua. Würde es Nacktheit auch hier vermögen, die starren Codes der Basler Kunstszene aufzurütteln? Statt zu netzwerken, stehe ich allein an einem Tischchen und esse einen Haufen Rohschinken. Meine Begleitung ist irgendwo, macht alles richtig. Ich hingegen verweigere mich. Das einzige Gespräch, das ich an diesem Abend führe, endet damit, dass ich eine neue Redewendung lerne: «Ans Bläch schutte». Das heisst wohl so etwas wie sich die Kante geben. Ich beobachte also die sorgfältig angekleideten Menschen, währenddem ich vorsichtig ans Bläch schutte. Ich beschliesse, es den Kunsttagen für das nächste Jahr vorzuschlagen: Ein Naked Apéro zur Schärfung des allgemeinen Bewusstseins für unsichtbare Codes und Grenzen. Vielleicht sogar FINTA only. I’ll keep you updated.
