Am Freitag habe ich mit einer sehr guten Freundin über ihr Vorhaben gesprochen, anlässlich der diesjährigen Ausgabe der Basler Kunsttage einen sinnvollen Parcours für ihre Schwiegereltern zusammenzustellen. Dies sei insofern anspruchsvoll, als die beiden Familienmitglieder zwar kulturinteressiert seien, jedoch grundsätzlich etwas skeptisch gegenüber Gegenwarts-, Konzept- oder allgemein schon abstrakter Kunst. Somit gelte es, ein eher konservatives Programm vorzuschlagen, dessen Werke sich in ihrer Formgebung an den Sehgewohnheiten eines älteren Publikums orientieren. Kurz darauf befand ich mich an der ganz zauberhaften Vernissage “The Mother Position” in der Contemporary Fine Arts Galerie im Totengässlein und war erstaunt, dort beinahe ausschliesslich figurative, wenn auch in ihrer Figuration verzerrte, ästhetisierte Malerei zu sehen. Viele der ausgestellten Gemälde, bei deren Auswahl offenkundig sehr viel Wert auf handwerkliche Exzellenz gelegt wurde, referierten auf Klassiker der Kunstgeschichte wie Tizian, Picasso oder Cézanne, das Titelbild des Katalogheftchens zierte ein Bild von Berthe Morisot von 1880. So konnte ich nicht anders als mich zu fragen, warum sich die angesichts der technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte eigentlich komplett obsolete Kunstform der Gegenstände, Menschen, Tiere darstellenden Malerei immer noch am besten verkauft? Warum wird im Diskurs fernab der Kunsträume, Hochschulen und Universitäten dem Abbilden von Objekten und Lebewesen auf einem flachen Bildträger immer noch so eine alles andere überragende Wertigkeit zugesprochen?
Die Recherche dazu hat mich zu den zwei zweifellos repräsentativsten, in der wissenschaftlichen Forschung relevantesten Informationsquellen geführt: Einerseits Kotz-Emojis und hasserfüllte Kommentare unter Instagram-Videos und andererseits lateinisches und altgriechisches Gekritzel von seit Jahrhunderten toten alten weissen Männern (yay Diversity!). Ersteres findet sich unter beinahe allen viralen Videos von abstrakter Malerei, Performancekunst und sonstigen nicht immediat zugänglichen Kunstformen. Aussagen wie “My three year old could do that”, “that’s the normal braindead Biden voter who has never worked a day in their life” und einer meiner Lieblinge “fickt euch in Woke-istan” werden gerne mal kombiniert mit rhetorischen Fragen wie “when did art stop being good?!”
Diese Frage leitet direkt über zu meiner zweiten Kategorie, und damit den Vorgängern der genervten Kommentarschreibern. Der griechische Schriftsteller Duris von Samos aus dem vierten Jahrhundert vor unserem Jahr 0 gilt als einer der ersten, die sich zu einer vermeintlich objektiven Feststellung des qualitativen Fortschrittes der Kunst geäussert haben. Wenn wir seinen – über spätere Autoren wie Cicero überlieferten – Ausführungen folgen, merken wir, dass er vor allem gelungene Naturnachahmung lobt. Sprich: je mehr eine Statue aussieht, als sei sie ein von Medusa versteinerter ehemals lebendiger Mensch, und je weniger sie aussieht als ein vom Obelisk abgepultes Hieroglyphen-Symbol, umso gelungener findet sie der alte Grieche.
Ähnliche, manche würden sagen 1 zu 1 abgeschriebene, Thesen finden wir fast 2000 Jahre später, im bis zum heutigen Tag für die Kanon-Bildung unverzichtbaren Hauptwerk des Florentiner Künstlers und Kunstbiografen Giorgio Vasari. In den Lebensbeschreibungen der besten Künstler, Bildhauer und Architekten (wenig überraschend ist hier das generische Maskulinum grösstenteils angebracht) von 1550 und 1568 beschreibt Vasari in einer Art Stufenmodell, wie unter Leonardo da Vinci, Raffael und vor allem Michelangelo die Kunst ihren absoluten Höhepunkt erreicht hat. Dies, da die Figuren der drei grössten Künstler voller Grazie und Schönheit seien, jene die Perspektive und Lichtdarstellung perfektioniert hätten, und man die Artefakte lebendiger als die Natur selbst empfinden würde.
Lange wurde dieses Urteil missverstanden als Sehnsucht nach einem fast darwinistischen Wettkampf um mimetische, also die Natur nachahmende, Perfektion um ihrer selbst willen. Die weissen alten Männer (entschuldigen Sie das erneute Klischee) der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts erfreuten sich ob des Hahnenkampfes; Stärke und handwerkliche Leistung zeichneten die besten der besten Männer aus. Es brauchte viele Jahre, bis man davon abkam: Professorin Svetlana Alpers betonte in den 1960ern, dass die von Vasari so geliebte Naturnachahmung auch intellektuell, auch konzeptuell zu verstehen war.
Ganz pragmatisch ging es darum, die Figuren für das Publikum verständlich und vertraut darzustellen. Wenn die häufig beinahe analphabetischen Betrachtenden Maria als eine naturalistische Person vor Augen geführt kriegen, die weint, weil man ihren Sohn umgebracht hat, verstehen sie im Idealfall auch besser, warum man vielleicht nicht andere Söhne umbringen soll. Oder leider auch andersrum: Sie verstehen endlich, warum sie jetzt Krieg führen müssen, das muslimische Konstantinopel wieder einnehmen müssen oder die jüdischen Ghettos räumen müssen und warum es richtig ist, dass man alle abschlachtet, die nicht auch traurig sind, dass man den Jesus umgebracht hat. (Allfällige Parallelen zum Jahr 2024 dürfen gerne selbstständig gezogen werden.)
Was hilft uns das jetzt alles mit der Eingangsfrage, warum fotorealistische Porträts im Internet generell weniger Hass auslösen als abstrakte Farbflächenmalerei? Eine Möglichkeit wäre, dass Menschen anscheinend schon immer bei neuen Phänomenen, neuen Erfahrungen zuerst nach etwas Verständlichem und Vertrautem suchen. Spannenderweise macht das auch der kleine Katalog der oben erwähnten Ausstellung bei Contemporary Fine Arts zu den Bildern von Müttern und Kindern. Die Kuratorin Isabelle Graw bedient sich der Psychoanalyse, um zu erklären, was wir alles empfinden, wenn wir über unsere Mütter nachdenken; seien sie liebend, böse, anwesend, verstorben etc. Wir suchen nach wiedererkennbaren, wenn auch vielleicht nur unterbewusst vertrauten Gefühlen. Diese tief in uns gespeicherten Emotionen, diese Liebe, Angst, Wut und alle dazugehörigen Ambivalenzen, die treten gemäss der Kuratorin nun in den Gemälden von den Müttern zutage. Ihre Evokation und Wirkung werden unterstützt von krassen Farben, Materialien, Formen; indem jene die nicht direkt darstellbaren Erinnerungen zusätzlich abstrahieren, erfahren die Werke ganz im modernistischen Sinne eine Neuerung gegenüber des Kunstverständnisses von Vasari.
Um zu verstehen, warum wir irgendwie immer noch so viel empfinden, wenn wir gemalte Figuren anschauen, müssen wir also einfach nur ganz genau hinschauen; auf die Werke, vor allem aber in uns selbst.
