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Ghislaine Leung – Commitments: Kunsthalle Basel

Die Farbkombination der Jubiläumstorte mit der reduzierten, grossräumigen Wandinstallation, die auf der Web-Ausstellungsansicht verfügbar war, hatte es mir angetan. Ich wollte sie sehen, diese Ausstellung, deren Formsprache sowie konzeptueller, feministischer Ansatz versprachen, dass das eine Ausstellung für mich sein wird.

Tatsächlich, die Torte sah dann auch in Wirklichkeit überaus adrett und verführerisch baby-pastellgrün mit lavendelfarbenen Schlaufen aus – wäre mir ein Stück oder eine Handvoll davon angeboten worden, hätte ich sicher nicht abgelehnt. Doch die Stimmung in diesem leeren, lichtdurchfluteten Raum im oberen Stock des Kunsthauses war weder feierlich noch aufgeladen genug für die eine oder andere Geste. Während ich allein durch die Halle wandelte und versuchte, die Werke in irgendeiner Weise auf mich wirken zu lassen, wollte mir Lola Youngs letzte Single Messy nicht aus dem Kopf gehen. Obwohl ich eigentlich kein Fan von Pop-Video-Clips bin, konnte ich bei diesem Clip nicht vom repeat button ablassen. Vielleicht, weil die Bilder allzu offensichtlich darauf setzen, authentisch zu sein und mit ihrer patzigen Attitude im Gegensatz zu viel Glamour, perfekter Beleuchtung, Sexappeal und gekonntem Edit stehen. Im Nachhinein wünsche ich, dem Drang, den ich dank meines grossen Respekts für jegliche Arbeit, die in die Kunstproduktion fliesst unterdrückt hatte, gefolgt zu sein und mit der schicken, dreistöckigen Torte genau das angestellt zu haben, was Lola mit ihrer vierstöckigen, auf einem roten Spannteppich aufgebaute Geburtstagstorte macht: nämlich – ganz dem Klischee entsprechend – eine oder zwei aufgerissene Klauen direkt in dieses schaumige, zuckersüsse, verkitschte Objekt hinein zu versenken, um deren glänzenden Anschein auf schon fast orgiastische Weise zu zerstören und dabei deren Masse schwungvoll trotzig auf den umliegenden Wänden und Boden zu verteilen.

Jetzt könnte ich mich über meine Spiessigkeit auslassen oder zulassen, dass mir die hässige, rauchige Stimme weiterhin mit jedem Refrain “’Cause I’m too messy, and then I’m too fucking clean” entgegen schmettert – oder mich schnell wieder in meinem analytischen Selbst Safe Space verkriechen.

Entgegen der Aussage von Ghislaine Leung in ihrem Tate-Portrait, wonach sie die wie Musiknoten funktionierenden Anweisungen – von ihr scores genannt – nie zeigen, sondern immer nur umsetzen würde, sind hier ihre Anweisungen vollumfänglich im Ausstellungstext abgedruckt. Leung erklärt, sie hätte für sich mit diesen Anweisungen und der so vorausgesetzten wiederholten Realisierung ihre Skulpturen in eine Art performative Form überführt. So will sie die für alle Kunstwerke nötige Ko-Kreation und das Vertrauen zwischen den Kunstschaffenden, den Institutionen und den Besitzern des Werks verdeutlichen. Da ich dieses Interesse zur Zeit meines Besuchs noch nicht kannte, konnte ich nicht umhin, die geometrischen Wandbilder und raumfüllenden schwarzen bouncy-castle Zahlen in erster Linie als Illustrationen von Gedanken zu erfahren. Und dabei ertappte ich mich, wie ich hoffte, dass ich von hier noch irgendetwas anderes mitnehmen könnte als Informationen über die prekäre Situation des professionellen Kunstschaffens in England und dessen Intersektion mit der Arbeit als Mutter.

Denn es ist offensichtlich, dass unsere Gesellschaft(en), Institutionen und Politik(en) weit davon entfernt sind, einzugestehen, dass unser Wirtschaftssystem nicht funktionieren würde, wenn tatsächlich alle Arbeit ihrem gesellschaftlichen Wert entsprechend entlöhnt werden müsste. Das heisst, nach wie vor wird nur produktive Arbeit als Arbeit anerkannt und entlöhnt und reproduktive Arbeit nicht. Würden wir die zweite Art Arbeit, also rein ökonomisch gesprochen den Erhalt und die Erneuerung der Arbeiter*innen, ihrem gesellschaftlichen Wert entsprechend entlöhnen wollen, müssten westliche Staaten oder Unternehmen jährliche Beträge in dreistelliger Milliardenhöhe zur Verfügung stellen. Eine ähnliche Logik lässt sich an der Arbeit des Kunstschaffens durchspielen. Was Leung als mögliche Gründe für die von ihr aufgezeigten Missstände sieht, bleibt jedoch ausserhalb des im Ausstellungsraum sicht-, hör- und erfahrbaren – und daher reine Spekulation.

Ich spekuliere, dass bei der Frage der minimalen oder allenfalls sogar korrekten Entlöhnung von Kunstschaffen sowie von Fürsorge-Person-Sein ein eigentlich offensichtlicher blinder Fleck unserer neoliberalen Struktur ins Zentrum gerückt wird. Dieser blinde Fleck ist gesellschaftlich gewachsen, in unserem aktuellen Wirtschaftssystem unabdingbar und daher von neoliberalen Institutionen politisch und diskursiv künstlich aufrechterhalten und verteidigt. Auf die Feststellungen, die die Künstlerin in der Kunsthalle an die Wände malt, würde ich daher gerne antworten: Ja. Lass uns darüber nachdenken, wie wir eine gesellschaftliche Antwort auf diese Missstände finden können. Zugegeben, aktuell versuchen verschiedene Institutionen einen Vorschlag zu machen, wie Künstler*innen bei ihrer Forderung nach einem korrekten Lebensunterhalt unterstützt werden können. Da jedoch das Budget bekanntlich immer beschränkt ist, stellt sich die Frage, auf wessen Kosten diese Unterstützung schlussendlich gehen soll. Genau wie Leung mit ihren Anweisungen die Idee von Ko-Kreation deutlich machen will, ist für mich klar, dass die Kunstwelt nicht nur aus einzelnen (vom Markt?) ausgewählten Stars bestehen kann – am Beispiel der Fürsorge-Person-Welt ist diese Tatsache noch viel offensichtlicher. Diese beiden Welten sind, genau wie alle bisher als produktiv eingestuften Bereiche, in einem globalen Geflecht aus Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten zu sehen. Da dieses Geflecht vom sich aktuell zielstrebig in der Deutschschweiz institutionalisierenden individuellen Unternehmertum im Kunstbereich verleugnet wird – entsprechend seinem Vorbild in bereits als produktiv eingestuften Bereichen – brauchen wir eine andere Struktur.

Könnte ich doch nur meine zwei winzigen Klauen in diese sich aktuell backende, schillernde Torte der in öffentlichen Institutionen verankerten Individualisierung vergraben – deren schaumige Innereien etwas massieren, mir eine Handvoll davon in den Rachen stopfen und die Finger genüsslich lecken. Ich bin überzeugt, mit ein bisschen weniger Spiessigkeit täte ich uns allen einen Gefallen – denn wir brauchen Platz für neue Gebilde. Auch wenn das jetzt meine Abschlusspunchline versaut: Vielleicht sollten wir, wie unsere Westschweizer Mitstreiter*innen, unsere Blicke für Inspiration über den Röstigraben hinaus wenden und schauen, was mit einer Struktur wie der intermittence du spectacle so alles möglich werden könnte.