Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Diego Marcon – Have You Checked the Children: Kunsthalle Basel

Ich muss es unumwunden zugeben: Auch ich gehöre zu dem Teil des Museumspublikums, der gerne durch die Ausstellungsräume rast, jeweils die seit der “Monopol”-Studie berühmten 4 Sekunden auf ein Werk blick und dann weitereilt. Ich geniesse die Atmosphäre von Ausstellungsräumen immer mal wieder mehr als die eigentliche Ausstellung; das auf-mich-Einprasseln von Farben, Lichtern, Schriften, die Hülle und Fülle kultureller Artefakte in einem geschützten Umfeld und vor interessanter architektonischer Kulisse.

Gelegentlich treffe ich aber auf Arbeiten, die mich dermassen faszinieren, dass sie von mir die Aufmerksamkeit erhalten, die gute Kunstwerke eigentlich immer verdienen würden. So geschehen mit dem Video “Dolle” von Diego Marcon, installiert im hintersten und mitunter grössten Raum des Erdgeschosses in der Kunsthalle Basel. Darin zu sehen sind zwei Roboter der allerputzigsten Art, nämlich in Gestalt flauschiger Maulwürfe (kommt daher der Werktitel? Ist es eine mehrsprachige Verballhornung des Wortes “Doll”, also engl. Puppe, mit einem italienischen Plural-Suffix? Ich habe es trotz Recherche nicht herausfinden können. Welch bezaubernde Magie des Ungewissen!). 

Die beiden Kreaturen sitzen in einem Raum, den man schnell als ihren unterirdischen Bau erkennt, und lesen sich gegenseitig auf Italienisch verschiedene Serien zu addierender Zahlen vor. Dabei sitzen sie auf gemütlichen Möbeln, gewickelt in Decken, bei schummrigem Licht. Die heimelige Stimmung wird ergänzt durch zwei im Bettchen schlafende Mini-Maulwürfchen, die wohl die Kinder des arithmetikliebenden Paars sind. Im ersten Moment ist man als Zuschauer*in vor allem amüsiert ob der Absurdität der Szene: Die ewigen quietschigen “PIÙ” nach jeder einzelnen Zahl, die anscheinend nicht übereinstimmenden Summen und die daraus resultierende Frustration der Tierchen; der Fakt, dass diese eigentlich nahezu blinden Lebewesen von einer ewig langen Papierrolle Ziffern ablesen können.

Je länger man den fast 30-minütigen(!) Film jedoch schaut, desto mehr wird er zu einer fast schon transzendentalen Erfahrung. Man beginnt, über die Motivation der rechnenden Maulwürfe nachzudenken. Man fragt sich, ob ihnen das nicht auch absurd vorkommt, oder ob sie sich nerven, für ein Kunstwerk solch eine dadaistische Sisyphos-Arbeit leisten zu müssen. Dann wird einem plötzlich klar, dass dies reine Projektion ist und die Figuren, mögen sie auch noch so echt aussehen und dank ihrer Manierismen nahezu menschlich wirken, nicht wirklich etwas denken oder fühlen können. Sie führen nur aus, wofür sie programmiert wurden. Täten sie etwas Abwechslungsreiches, dass etwa wie in einem Disney-Animationsfilm einem Narrativ folgt, käme einem der Gedanke der Absurdität nicht einmal. Dies, obschon das Verständnis der Protagonisten (muss man Maulwurfroboterchen gendern? Fragen über Fragen!) bei beidem, sowohl einem zu bestehenden Abenteuer als auch bei endlosen Zahlenreihungen, genau dasselbe ist; nämlich ein inexistentes.

Alle diese Gedanken rennen einem durch den Kopf, während man wie in Trance auf einer völlig unpraktischen und aus dem Kontext gerissenen Metalltribüne, die mitten in den Raum gestellt wurde, sitzt, und weiter zuschaut. “SEDICI” “sedici” “PIÙ” “più” “NOVE” “nove”. Natürlich ist nach der Frage “Warum tun die Maulwürfe das?” die grundlegende selbstreflexive Kontigenzfrage nicht weit: Warum tue ICH mir das an? Warum tut die Kunsthalle das? WARUM TUN WIR ÜBERHAUPT IRGENDETWAS IM LEBEN?

Kurz verliert man die Fassung. Bis man beim vierten Einblenden der schlafenden Kinder im Bett erst entdeckt, dass im Bettchen ein kleiner Stoffhase liegt. Die Maulwürfchen haben von ihren Eltern ein Stofftierchen zum Schlafen gekriegt! Das Herz füllt sich mit Liebe, die Blutbahnen füllen sich mit Glückshormonen und das Hirn denkt sich: Ach deswegen. Deswegen tun wir das alles.