Immer häufiger wird einem im beginnenden Post-Cinema-Zeitalter die Wichtigkeit kuratierter Filmangebote bewusst. Gerade angesichts der völlig überbordenden Angebote auf den einschlägigen Streaming-Plattformen, deren Algorithmen trotz konstanter Dauerüberwachung immer wieder aufs Neue überraschend massiv versagen, freut man sich über kineastische Programme, deren Zusammenstellung auf menschlicher Sorgfalt und genuiner Begeisterung beruht.
So hatte ich vor Kurzem Gelegenheit, im Basler Stadtkino in der Reihe «Imagination illimitée» den wundervollen frühen Animationsfilm «La planète sauvage» (1973) sehen. In der beinahe psychedelischen, mit wunderschönen Farben und fantastischen Fabelwesen verzaubernden Fantasiewelt trifft das Volk der winzig kleinen, humanoiden Oms auf die hundertfach grösseren, klassisch nach Aliens aussehenden Draags. Schnell entstehen aufgrund der Hierarchien und Ausnutzungsverhältnisse Konflikte: Die Oms dürfen als Haustiere dienen, werden aber bei zu starker Vermehrung wie Ungeziefer (welch ein lebensverachtendes Unwort!) exterminiert. Nach mehreren Kollisionen, gescheiterten Fluchtaktionen der Oms und viel Leid auf beiden Seiten findet sich nach gleichberechtigter Kommunikation eine Lösung für den Konflikt, welche in einer strikten Trennung der Lebensräume besteht. Angetönt wird die Möglichkeit auf Versöhnung in unbestimmter Zukunft, da einzelne Exponenten der nun separierten Konfliktparteien freundschaftlich per Telepathie weiter verbunden sind.
Drastischer, da für uns lebensnaher sind die Geschehnisse in Martin Scorseses neustem Film «Killers of the Flower Moon». Auch dieser Konflikt entsteht aufgrund unterschiedlicher Machtpositionen: Anders als die fiktiven Geschehnisse in der französischen-tschechischen Fantasiewelt beruht die Handlung im Spielfilm von 2023 jedoch auf den nachgewiesenen und mittlerweile gut dokumentierten Massenmorden an den Osage-Indigenen durch die weissen Zugezogenen. Angelockt durch die in den 1910er bis 1930er neuentdeckten, gigantischen Erdölfelder, zogen Tausende weisser Migranten in das Grenzgebiet von Oklahoma und Kansas und infiltrierten unter eifriger Mithilfe der Regierung und Administration der Vereinigten Staaten die Kultur und Infrastruktur der vorher schon einmal vertriebenen Indigenen der Osage. Nicht zu viel sei verraten: Aber die tiefe Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Endes jenseits punktueller Sündenbock-Prozesse wird jedem Menschen, der sich mit der Geschichte der USA auseinandergesetzt hat, einleuchten. Der Film glorifiziert in gut amerikanischer Manier das zu Ende der Handlung lang ersehnte knallharte Durchgreifen des Polizeistaates, hier einzig und allein unterwegs im Dienste der Gerechtigkeit. Systemische Probleme der Unterdrückung, der Ausgrenzung, werden angesprochen – eine mögliche Behebung derselben durch eine egalitäre, sozialdemokratisch strukturierte Gemeinschaft aber wenig ausgeführt. Angesichts der aktuellen Vorkommnisse auf unserem Globus, die von Osteuropa und dem Kaukasus über Zentralafrika und den Nahen Osten bis nach Südamerika spannen, scheint einem solche eine Utopie zugegebenermassen noch weniger plausibel als telepathisch friedenschliessende Ausserirdische.
Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein – es wäre schade um die tollen Filme, die tolle Kunst, die tolle Literatur. Gerade dort zeigt sich, dass die Lebensform Mensch eigentlich fähig wäre, sinnvolle Arrangements aller ihrer diversen Bedürfnisse und Anliegen zu imaginieren. Maybe one day life will actually imitate art…
