Ich habe in gleichem Ausmass Angst davor, in einer Zukunft zu leben, in der Jugendliche immer noch NOFX Kritzeleien in Ecken und Toiletten schmieren als auch vor einer Zukunft, in der ich keine NOFX Kritzeleien mehr in Ecken und Toiletten sehe. Meine Angst vor Stillstand und Gefangensein in der immerwährenden pubertären Gleichheit kämpft mit meiner Angst vor Veränderung und vor neuartigen musikalischen Teenie-Revoluzzern, die sich von meinen halbherzigen Punkerinnerungen ablösen wie alte Antifa-Sticker vom Zigarettenautomaten.
Die Street Art hat sich, anders als vor 10 Jahren prognostiziert, nicht durchgesetzt. Sie wurde von Wandtattoo-klebenden RTL2-Muddis appropriiert. Schäbig nachgepinselte Banksys laden in dilettantischen Pop-up-“Ausstellungen” für das kunstunaffine Publikum in eigenartige Zwischenräume wie dem Berliner Kleisteck oder dem ehemaligen Esprit-Flagshipstore auf der Frankfurter Zeil eingepfercht. In Basel verschandelten diese Etsy-Ästhetik breittretenden Werke Teile der Messehallen im Frühjahr 2023. Um einen Mann zu zitieren, der eine Künstlerin, die auf dem Züricher Vierläutenplatz performte, anstarrte: “Bleibt uns denn nichts erspart in dieser Stadt?”
Das Gute daran, dass sich die Street Art nicht durchgesetzt hat, ist, dass die bewusst schäbig gehaltenen Schmierereien mit Edding und Weed-Duft weiter in ihrem schmuddeligen Fahrwasser durch Unterführungen und Toiletten segeln dürfen. Ich habe mich schon häufig gefragt, warum von all den endlosen Rebellion-auf-Tonträger-pressenden Bands gerade NOFX so häufig als Graffiti auftaucht. Sind Lieder wie “Don’t Call me White” oder auch “Kill all the White Man” eine Art Sühne-Katharsis für weisse Mittelschichtkinder mit Filzstift? Vielleicht liegt einfach etwas Befriedigendes in der Anordnung dieser vier Buchstaben. Ein Mehrwert, der völlig jenseits einer musikalischen Dimension für die Dauerhaftigkeit dieser Zeichen an allen erdenklichen öffentlichen Orten sorgt.
Als ich als Teenager einen Freund fragte, warum die Band NOFX hiess sagte er mir, dass es daran liege, dass sie so “roh” spiele, eben ohne Effekte, so no-effects. Das ist völliger Unsinn. Ein Blick auf Wikipedia verrät: “Der Name NOFX ist eine Anlehnung an die Bostoner Hardcore-Band Negative FX.” Aber so war es eben vor dem Internet, beziehungsweise in den Anfängen des Internets. Man wusste etwas nicht, fragte, bekam eine falsche Antwort und behielt das einfach als Wahrheit im Herzen.
Aus solchen Zeiten stammen sie nämlich eben noch, die NOFX-Zeichnungen. Wenn man heute durch Basel geht, kann man sie aber immer noch finden. Und das sicher nicht nur als Überbleibsel, sondern auch noch frisch geschrieben, beziehungsweise zeitgemäss getaggt. Anders als die Ramones, die von H&M T-Shirts einverleibt wurden, hat es NOFX geschafft, bei Verwirrung und Edding zu verharren. Und irgendwie hat das doch etwas Schönes.
