Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Caravaggio und seine Zeit: Halle 5, Messe Basel

Seit geraumer Zeit schon kämpft die Kunst des romanisch-europäischen Barocks mit einem eklatanten Mangel an Publikumsinteresse. Während die vermeintlich nüchternen, enigmatischen Genreszenen eines Johannes Vermeers oder die güldene Licht-Schatten-Malerei eines Rembrandts die Menschen zu Tausenden in die grossen Museen Nordeuropas locken, beschränkt sich die Resonanz in den Sammlungsräumen der italienischen, spanischen und französischen Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts meist auf den Widerhall einsam piepsender Feuermelder. Die oftmals durch vergilbten Firnis, Alterung oder schlechten Erhaltungszustand stark ihrer Farbigkeit und Helligkeit beraubten Andachtsbilder, Historiengemälde und Herrscherporträts des Absolutismus und der Gegenreformation verlieren offensichtlich den Kampf gegen die zeitlos faszinierenden Stillleben fotorealistischer Brillanz der Niederlande oder sogar Deutschlands. Nicht mal mehr Poussins putzige Allegorien antikischer Motivik locken den Hund hinterm Ofenrohr hervor.

Eine bemerkenswerte Ausnahme davon findet sich mit dem seit nunmehr einigen Jahrzehnten aus keinem mittelständischen Kunstkalender wegzudenkenden Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio. Gerade in Italien dienen die – der unwissenschaftliche Begriff sei verziehen – ikonischen Gemälde wie Die Enthauptung des Holofernes, der sich im Spiegelbild bewundernde Narziss oder Die Berufung des hlg. Matthäus als zuverlässige Attraktionen für die Tourismusströme. Die Faszination des Chiaroscuro, der einfachen Menschen, die in die Rolle biblischer Gestalten schlüpfen, die einzigartig schaurig-schön-brutale Bildstimmung, sie funktioniert in den römischen, neapolitanischen oder sizilianischen Institutionen und Kirchen bis heute.

Vom Nimbus dieser Werke zu profitieren, das schickt sich nun die – natürlich – italienische Wanderausstellung “Caravaggio e il suo tempo” an. Wie schon von der Formulierung des Titels angedeutet (Ausstellungen und Kataloge wie “Donatello e il suo tempo”, “Botticelli e il suo tempo”, selbst “Matisse e il suo tempo” gibt es in der unendlichen Kreativität italienischer Kunstmuseen ad infinitum), möchte die Schau einen Überblick über die ganze Epoche des späten 16./frühen 17 Jahrhunderts und die Malerei in Rom und Süditalien geben. Hauptsächlicher Aufhänger für die anspruchsvollen Inhalte zwischen Gegenreformation, Stillleben-Theorie, Antikenrezeption und christlicher Mythenlehre sind dabei mehrere Gemälde, die tatsächlich als originale Arbeiten des legendenumwobenen Genies, Lebemannes und Mörders Caravaggio vorgestellt werden. Dass es sich dabei stets um angebliche Zweit- oder Drittversionen bereits bekannter Gemälde wie etwa dem Jüngling, von einer Eidechse gebissen (London, National Gallery, und Florenz, Fondazione Roberto Longhi) handeln soll, stört dank der szenografisch aufwändigen Präsentation der Werke im warmen Scheinwerferlicht vor schwarzen Wänden nur wenig. Viel wäre hier nachzudenken über Walter Benjamins Theorien zum Original in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit: Die offensichtlichen Caravaggio-Kopien und die weniger bekannten Originale seiner Lehrer, Freunde (wenige), Feinde (viele) werden hier dermassen auratisch ausgestellt, dass die qualitativen Unterschiede der handwerklichen Umsetzung, der konzeptuellen oder intellektuellen Dispositionen der Werke sich beinahe auflösen. Ziel der Ausstellung ist offensichtlich, das barocke Gesamtkunstwerk (avant la lettre) ins 21. Jahrhundert zu verfrachten und in ganz gegenreformatischem Gestus wieder zu überwältigen, zu blenden, zu verführen.

Nichtsdestotrotz bleibt ein seltsam verwirrendes Grundgefühl. Für wen ist diese Ausstellung gemacht? An den Wänden prangen in ganz italienisch geprägtem Traditionsbewusstsein Zitate der weissen längst verstorbenen männlichen Kunstgeschichtekoryphäen Roberto Longhi und Ernst Gombrich, im Hintergrund ertönt anspruchsvolle klassische Musik, eklektisch ausgewählt aus den letzten Jahrhunderten. Die erotische Komponente der Gemälde voller androgyner und unbekleideter Jünglinge, spätestens seit dem Film von Derek Jarman (1986) untrennbar mit dem Leben des Caravaggio verbunden, wird in Achtung der Sittlichkeit nur angedeutet. Die hochgelehrten Ausstellungstexte erwähnen Künstler, Philosophen und politische Geschehnisse jener Zeit derart beiläufig, dass man sich wohl auch als ausgebildeter Historiker so mancher Wissenslücken schämen müsste. Gleichzeitig sind manche der hängenden Werke so augenscheinlich minderwertig, dass keinerlei Erklärung jenseits einer Steigerung der Bekanntheit des Werkes zwecks wiederum Steigerung späterer Verkaufschancen in Frage kommt. Nachdem man zu Beginn von einer grossartigen Bekehrung des Paulus von Ludovico Carracci (zugeschrieben?) begrüsst wird, seinen Weg durch zahlreiche Räume mit “Caravaggios” und Kontexten bahnt, wird der ausladende Rundgang abgeschlossen von einem Raum mit Darstellungen von Kirchenvätern, Propheten und sonstigen Weisen. Alleine diese paar Werke sind den Besuch wert: Solcherart schlecht gefälschte Bilder hat man lange nicht öffentlich ausgestellt gesehen – man hofft, die jüngere Generation vermöge es, die inhärente Meme-Haftigkeit der weisshaarigen Harley-Fahrer mit Heiligenscheinen, Dumbledores bei Bibel-Lektüre oder ex machina-Trompeten aus dem Nichts zu fruchtbaren Internetphänomenen umzumünzen.