Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Me, myself and the dog: Kunsttage Basel

Sonntagmorgen, 9.27 Uhr. Die Spiele neigen sich dem Ende zu, der Social Media Äther ist befüllt und ich entleert. Eines der favorisierten Gesprächsthemen: mein Hund. Nun getauft als „der Kunst-Hund“. Aus den letzten Tagen sind mir vor allem eine Zeile aus Cassidy Toners Text zur Ausstellung „Yolo & Bolo“ bei Bolo Publishing im Kopf geblieben sowie eine Art Mantra aus Ivo Dimchevs Song „Sucker“, den er beim „Selfie Concert“ im Kunstmuseum zum Besten gab: Erstens „Then it hit me. Pretty much no one reads the press text during the opening. I’m usually standing around, throwing back as many free drinks and snacks as humanly possible. You should be doing the same.” und zweitens “I don’t wanna be around hot guys anymore, no no no no. It breaks my heart, breaks my soul, makes me wanna cry, go on the floor and start begging for a cock. But I don’t wanna die like this sucking a cock, cock, cock.”

Ich im Bett, neben mir ein Zettelfriedhof aus ungelesenen Pressetexten, die ich vielleicht noch lesen werde. In meinem Kopf der subtile Kater der letzten drei Tage – selbsterklärend bedingt durch „as many free drinks as humanly possible“. Zugegebenermaßen weniger bedingt durch die Kunsttage, als durch meine Affinität mich ca. 3 x am Tag neu zu verlieben: I don’t wanna be around hot girls anymore, no no no no. Eigentlich wollte ich ein Recap à la „How to Kunsttage mit Hund“ verfassen. Das Thema erschöpfte sich allerdings relativ schnell: Kunstinstitutionen nein, Off-Spaces und Galerien ja. Mit dem Hinweis, ich möge aufpassen, dass der Hund doch bitte nicht Cecily Browns Ölgemälde „Focus Object“ abschleckt. Dankbar für den Hinweis, hätte ich ihr sonst erlaubt. Ein guter Smalltalk Puffer ist der Hund sowieso – nach dem Abhaken, was heute alles gesehen wurde, kann dann auch darüber geplaudert werden, wie alt und wie süß sie ist. Some have coke, I have dog. Gut für mich – ich glaube, sie ist sich ihrer Verantwortung als mein Guide in sozialen Situationen gar nicht so bewusst. Very demure.

Where it all began: Performancekunst

Nachdem ich – ohne Hund – Davide-Christelle Sanvees Performance „salle noir“ gesehen habe, die mich mit Gänsehaut und sprachlos zurückgelassen hat, ging ich zu „The Selfie Concert“ von Ivo Dimchev. Meinen Input über Sanvees durch Mark und Bein gehende Performance behalte ich für mich. Denn zufällig weiß ich, dass es hierzu vielleicht auch einen Textbeitrag gibt. Zu „The Selfie Concert“ habe ich glücklicherweise auch viele Gedanken. Der erste wäre: Ich sag’s, wie’s ist – wann immer ich mir vornehme, über etwas anderes als Performancekunst zu schreiben, werde ich schlussendlich doch darüber schreiben. Das performative Medium ist mein Fokus, meine Essenz – neben den hot girls, den brat girls und den mindful girls. 

In dieser Sekunde sehe ich ein Reel, dass mir ein lieber Freund schickt: „Me and my bestie bonding over our experiences in art. Lots of drama, very insecure, it killed me.“ Das nenne ich Zeitgeist.

Zurück zu Ivo Dimchev: Das Konzept der Performance ist simpel. Er singt und performt seine Songs. Aber nur, wenn mindestens 3, 5 oder 10 Zuschauer*innen währenddessen Selfie Videos mit ihm im Bild aufnehmen. Sobald sich die Anzahl unter das von ihm vorgegebene Limit reduziert, hört er auf. Das soll natürlich niemand wollen, denn: Die Songs sind toll, sie machen Spaß. Aufnehmen allein reicht nicht, wir sollen uns mit der Musik verbinden, sie spüren und uns beim Video-Drehen bewegen. Na toll, dachte ich mir, Partizipation kann ich jetzt wirklich gar nicht gebrauchen. 10 Minuten später war ich mittendrin. Die Zuschauer*innen kreisten wie Satelliten – oder wie mir jemand sagte, wie Würmer – um Ivo Dimchev herum, mir inklusive. Er versteht es, sich zu inszenieren und ins Rampenlicht zu rücken. Definitiv Main-Character-Vibes. Als Besucher*in habe ich also folgende Möglichkeiten: Entweder ich schaue nur zu und beobachte sowohl den Künstler als auch die Partizipierenden von außen oder ich lasse mich ein und werde Teil einer temporären Gemeinschaft von Filmenden, Kreisenden, Drehenden. Ich rang mit mir selbst – wirklich nur zuschauen? Gleichzeitig nahezu unaushaltbarer Nervenkitzel, Teil der Performance zu werden und ein kurzes Selfie Video mit Ivo Dimchev zu drehen. Stichwort Social Media Äther, der befüllt werden möchte.

Es ist erstaunlich, wie das Handy mich absorbiert hat und ich wage – rein aus eigener Beobachtung heraus – zu behaupten, dass es den anderen ähnlich erging. Sobald ich mich im Selfie Modus gefilmt und dabei versucht habe, Ivo Dimchev mit ins Bild zu bekommen, habe ich gänzlich ausgeblendet, dass ich in diesem Moment selbst Teil der Inszenierung wurde. Gerade erinnert mich das an diesen Moment in Zoom Meetings, wenn einem auffällt, dass man sich ständig selbst in seiner kleinen Kachel anstarrt. Der Narziss des 21. Jahrhunderts. Jetzt denke ich, dass das hoffentlich nicht nur mir so geht. Das Medium Handy wurde in dem Moment ähnlich zum Puffer wie sonst mein Hund. Es gibt zwei Arten von Übersprungshandlungen: Ich greife zu meinem Handy und scrolle, als wäre ich wahnsinnig wichtig oder ich streichle und rede mit meinem Hund. Wo mein Zen geblieben ist und warum ich das brauche, ist ein anderes Thema.

Jedenfalls hat mir diese Einladung zur Partizipation unerwartet gut gefallen und das temporäre Gemeinschaftsgefühl auch. Ich denke in meiner theoretischen Praxis meist über das zeitlich begrenzte Kontinuum der Beziehung zwischen den Performenden und den Zuschauenden während einer Inszenierung nach und wie dieses entsteht. In meiner spezifischen Forschung geht es vor allem um die Analyse von queer codierten Handlungen innerhalb eines heteronormativen Publikumsgefüge. Darauf könnte ich im Kontext von „The Selfie Concert“ auch näher eingehen – mache vielleicht auch irgendwann, aber aus Gründen – Sonntagmorgen, inzwischen 10.18 Uhr – nicht jetzt. Die Beobachtung, was das Handy als Medium bewirkt und wie die von Ivo Dimchev initiierte Einladung zur Partizipation funktioniert hat – makes me wanna do Kunsttage all over again.