Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Weniger schwul, mehr nass

Wenn meine Mutter nach Basel kommt – was viel Überwindung braucht, denn es ist (monetär gesehen) riskant, in die Schweiz zu fahren – dann hat sie zwei Ziele, die sie immer besuchen möchte: Die Kult Bäckerei für die berühmten Zimtschnecken und den im Volksmund ‘Tinguely-Brunnen’ genannten ‘Fasnachts-Brunnen’ von Jean Tinguely auf dem Theaterplatz, der in jedem Wetter so wundervoll anders aussieht. Im Winter glitzert die Sonne in den Eishüllen der im Brunnen “arbeitenden” Figuren und im Sommer formen die Fontänen der grossen Radobjekte herrliche Regenbögen. 

Dieser Brunnen wurde 1977 zum fünfzigjährigen Bestehen des Migros Kulturprozents der Stadt Basel geschenkt. Tinguely habe damals die Ausschreibung gewonnen, erzählt mir und anderen Interessierten der Techniker, der seinerzeit mit dem berühmten Künstler zusammen den Brunnen realisiert hat. Jean Tinguely wollte einen ebenerdigen Brunnen, der nicht als Barriere erscheint, weshalb sich bis heute im Bassin des Brunnens viel Abfall sammelt, der mit schweizerischer Effizienz aus dem Becken gefiltert wird. 

Ursprünglich hatte der Brunnen neun Figuren, nach etwa fünf Jahren ergänzte Tinguely eine Figur – von der fälschlicherweise behauptet wird, sie sei aus dem Souffleurkasten des alten Stadttheaters gebaut worden. Diese zehnte Figur heisst offiziell ‘dr Querpfyffer’, sollte aber nach dem eigentlichen Künstlerwunsch ‘dr Querseycher’ genannt werden: Querpinkler. Das war dann wohl zu der Zeit doch zu viel, weshalb der starke Wasserstrahl der Figur nun dem Flöten und nicht dem Pinkeln zugeschrieben wird. 

Wenn man aktuell zum Brunnen geht, findet man allerdings nur neun Skulpturen. ‘Dr Theaterkopf’ fehlt. Dieser Abguss eines im alten Stadttheater beheimateten und nun in Frenkendorf stehenden Musenkopfs wird aktuell restauriert. Dies geschieht in Vorbereitung für das im nächsten Jahr anstehende 50-jährige Jubiläum des Brunnens, von dem wir uns heute nur ausmalen können, wie spektakulär es von der Stadt am Rheinknie gefeiert werden wird. 

Tatsächlich war der ‘Fasnachts-Brunnen’ der erste Brunnen Tinguelys. Auf diese nasse Arbeit folgten viele weitere Brunnen, am berühmtesten ist wohl seine Kollaboration mit Niki de Saint Phalle für den ‘Fontaine Stravinsky’ in Paris, der ebenfalls gerade recht frisch restauriert wurde. Der Basler Techniker, der Tinguely beim ‘Fasnachts-Brunnen’ geholfen hatte, war auch an allen folgenden Brunnenprojekten beteiligt. Während seiner Einführung in die Skulpturen und Mechanismen des Basler Brunnens konnte er nicht nur viele persönliche Anekdoten von Tinguely erzählen, er konnte auch Kopien der vielen Briefe zeigen, die der Künstler ihm geschickt hatte. 

Eine dieser persönlichen Briefe zeigt eine Skizze des ‘Jo Siffert Denkmals’, ein Brunnenobjekt, das Tinguely zu Ehren des Schweizer Rennfahrers in Fribourg installiert hat. Über den mit schwarzer Tusche gezeichneten Rädern und Schläuchen dieses Brunnens sind wilde Fontänen von Aquarellfarben, ganz typisch für Tinguelys Zeichnungen, wie man sie beispielsweise im Museum Tinguely in Basel bestaunen kann. Tinguely malte gerne mit knalligen Farben, die lose verwischt und wild gespritzt wurden. Es ist, als kämen die Objekte, die dargestellt werden, mit einem eigenen Feuerwerk. 

Im kurzen Text unter der bunten Zeichnung schreibt der Künstler nun aber, dass sich der Adressat – sein technischer Kollaborateur – den geplanten Brunnen “weniger schwul und mehr nass” vorstellen solle. 

Wüsste man den Kontext nicht, könnte man meinen, “weniger schwul, mehr nass” sei die Grindr-Bio eines masc for masc-Gays mit Pissplay-Fetisch. Quasi ein Querseycher mit internalisierter Homophobie. Aber stattdessen handelt es sich um Kunst, die einen Rennfahrer ehren soll. 

Was mich an diesen Worten fasziniert, ist, dass Tinguely offenbar sein eigener wilder Einsatz von Farben zum Illustrieren von Energie und Dynamik der beweglichen Brunnenplastik zu flamboyant erschien. Wenn man an all die bunten, chaotischen, schreienden, ächzenden, blinkenden Arbeiten von ihm denkt, könnte man meinen, dass er jemand war, der von keiner Form der Extravaganz zurückschrecken würde. Gerade seine Zeichnungen und Briefe sind bunte Explosionen, voll mit Farben, Kritzeleien und Stickern. Aber vielleicht will man sich als berühmter Frauenheld mit grossem Schnauz trotz all der eigenen plastik-bunten Wildheit unter keinen Umständen in die Homo-Ecke stellen lassen. Die blinzelt einem anscheinend, sobald man mal irgendwas jenseits hart-männlich-aerodynamischen Metall-Flachheit produzieren möchte, schon so anrüchig flirty zu. 

Aber wenn “schwul” hier wirklich in erster Line “bunt und gut gelaunt” heisst (ähnlich wie im Englischen das gute alte Wort “gay”) dann fragt man sich, warum es davon jemals weniger brauchen würde. “Mehr schwul und mehr nass!” würde ich dann lieber machen. Pimmelsuppe mit Regenbogen. Oder so…