Das Sprichwort aus dem Titel findet sich auf einem sogenannten Tirggelmodel wieder, das auf den Anfang des 19. Jahrhunderts datiert ist und zur Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte gehört. So dachte ich zumindest. Es stellte sich heraus, dass dort eigentlich «Irren ist menschlich sprach das Huhn und trat die Ente» steht. Aber tomato tomahto – stellen wir uns einfach vor, dort steht Hund statt Huhn, sonst funktioniert meine Einleitung nicht mehr. Mit einem Tirggelmodel jedenfalls prägt man vor dem Backen unter anderem Formen, Sprichwörter und historische Motive auf das Zürcher Honiggebäck Tirggel, die dann nach dem Backen der Kekse deutlich erkennbar sind. Anscheinend ist nicht einmal Süssgebäck sicher vor dem Motiv des Hundes (des Huhns) – wie sich bei einiger Recherche herausstellt, beherbergt die SKKG-Sammlung Objekte aller Art, auf denen Hunde verewigt wurden: Gehstöcke, Gemälde, Skizzen, Puppenhausfiguren, Skulpturen, Schuhlöffel, Hosenträger, Fächer… Doch was hat es damit auf sich? Welche Bedeutungen kommen der Darstellung von Hunden zu?
Dieser Frage möchte ich auf den Grund gehen, denn aus Gründen arbeitete ich für kurze Zeit in der von Bruno Stefanini zusammengetragenen Sammlung der SKKG und machte also einen Exkurs in die wundersame Welt seiner Sammlungsvorlieben. Angestossen wurde meine Neugierde betreffend die Darstellung von Hunden auf Kunst- und Kulturobjekten des 19. und 20. Jahrhunderts durch das Portrait «Gyp», das um 1900 entstanden ist. Der Schweizer Maler Albert Anker portraitierte äusserst detailliert und liebevoll seinen titelgebenden Hund. Nicht dieser Umstand allein liess mich aufhorchen – vielmehr ist es die Art des Portraits, die mich so entzückte. Anker malt seinen Hund in einer Frontalansicht, in klassischen Portraitkategorien könnte man von einem Schulterstück sprechen. Es wirkt fast so, als wäre Gyp Modell gesessen – er bekommt durch die nach links oben schielenden braunen Augen beinahe menschliche Züge. Ich habe ausserdem herausgefunden, dass Anker das Bild bis zu seinem Tod in seinem Besitz behielt. Meiner Interpretation zufolge zeigt der Akt des Portraitierens von Gyp eine grosse Zuneigung von Anker ihm gegenüber.
Seit mindestens 15.000 Jahren gehören Hunde zur Menschheitsgeschichte – darüber sind sich Forschende einig. Die Beziehung zwischen Menschen und Hunden ist ein Resultat der Domestizierung von Wölfen. Ursprünglich dienten die Vierbeiner als Arbeitstiere und wurden beispielsweise zum Herdenschutz, zur Bewachung oder zur Jagd eingesetzt. Ein in der SKKG-Sammlung befindliches und mit extrem langen und gefährlichen Stacheln besetztes Halsband aus dem 17. Jahrhundert deutet darauf hin, dass der es tragende Hund eher nicht zum Kuscheln, sondern zum Arbeiten gedacht war. Im Laufe der Zeit avancierten die Tiere allerdings vom reinen Arbeitszweck zum «besten Freund des Menschen» – der Künstler Johann Eugster zeigt sich und seinen Hund in dem Selbstbildnis aus dem 20. Jahrhundert deutlich kuscheliger, als das Stachelhalsband es zulassen würde.
Das Sammeln von kunst- und kulturhistorischen Objekten dient unter anderem dazu, historische Lebensrealitäten nachzuvollziehen, und anhand von Zeitzeugnissen Schlüsse darüber zu ziehen, wie unsere Vorfahren gelebt haben könnten. Angestossen von Gyp also begab ich mich auf die Suche nach weiteren Darstellungen von Hunden in der SKKG-Sammlung.
In der Schweiz ist besonders die Agrarwirtschaft von unseren Fellfreunden geprägt – die Arbeit auf der Alp ohne Hüte- oder Herdenschutzhunde ist kaum denkbar. Damit diese Zusammenarbeit reibungslos vonstatten geht, müssen Mensch und Hund eine vertraute und innige Beziehung haben. Das ist Grund genug, um die Vierbeiner mit Darstellungen zu würdigen. Im traditionellen Appenzeller Lederhandwerk sind typische Motive Sennenszenen inklusive Hirte, Hund und Kuh, wie beispielsweise auf dem Appenzeller Hosenträger von ca. 1870. Die SKKG-Sammlung beherbergt ausserdem einige sogenannte Bauernmalereien aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die verschiedene Szenen aus der Alparbeit zeigen. Immer dabei: Hirte, Hund und Kuh. Meine Aufmerksamkeit zog darüber hinaus eine Kanne mit Deckel auf sich, die um 1800 datiert wurde. Sie ist mit einem spielenden Hundepaar verziert. Die Figuren vermitteln ein Gefühl von Häuslichkeit und Unbeschwertheit – vor meinem romantisierenden inneren Auge sehe ich direkt eine Bauernfamilie beim Kaffee, neben dem Tisch spielen die Kinder mit den Hunden. Vielleicht waren sie nicht nur Arbeitstiere, sondern auch treue Begleiter der Familie und Spielkumpanen für die Kinder. Tatsächlich bewahrheitet sich die Szene vor meinem inneren Auge im Gemälde «Mädchenbildnis mit einem Hund» (1849) von Johann Friedrich Dietler. Die Darstellung spielerischer Szenen mit Kindern und Hunden sollen ein gutes Elternhaus sowie eine unbeschwerte und idealisierte Kindheit symbolisieren.
Um beim Thema «Spiel» zu bleiben: In der Sammlung lassen sich einige Puppen- und Spielfiguren finden, die die essenziellen Komponenten von Sennenszenen beinhalten: Hirte, Hund und Kuh. Apropos kulturhistorische Objekte als Zeitzeugnis – anhand historischer Puppenfiguren aus dem 19. und 20. Jahrhundert lässt sich nachvollziehen, wie auf das schweizerische ländliche Leben geblickt wurde. Andererseits lässt sich daran wahrscheinlich auch ablesen, welchen gesellschaftlichen Schichten das Spielen mit «echtem» Spielzeug vorbehalten war – ebenso bedienten Hunde verschiedene Funktionen je nach gesellschaftlicher Schicht. Sie sind zum Beispiel auch als Begleiter bei der Jagd bekannt. Das Jagen als Freizeitbeschäftigung war dem Adel vorbehalten und somit diente die Darstellung von Jagdszenen mit Hunden kunsthistorisch betrachtet unter anderem zur Heroisierung und Repräsentation des Standes – siehe das Gemälde «Amazone» (1904) von Henry-Claudius Forestier, oder die Figur «Jäger zu Pferd mit 2 Jagdhunden» (nach 1920) aus der Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Neben der gesellschaftlichen Repräsentation demonstrierte ihre Darstellung Macht, Disziplin und Gehorsam. Besonders deutlich lässt sich diese Bedeutungszuschreibung in einem späteren historischen Kontext visualisieren, etwa in der Bildsprache des Nationalsozialismus. Vor allem deutsche Schäferhunde als in hohem Masse abrichtbare Tiere gehören untrennbar zur NS-Ikonographie. Die Tierfigur «Liegender Schäferhund», die um 1900 datiert und somit vor diesem Kontext anzusiedeln ist, verdeutlicht bereits, inwiefern die wachsame und steife Körperhaltung als Ausdruck von Autorität und Macht gelesen werden kann.
Etwas netter trägt es sich zu, wenn der Hund als modisches Accessoire von Frauen gezeigt wird. Er ist allerdings nicht nur ein Reichtum implizierendes Accessoire, wie beispielsweise in Karl Edmund Walsers Werk «Dame mit Hund» (ca. 1907), sondern symbolisiert als Staffagefigur unter anderem eheliche Treue, Frömmigkeit, Loyalität und Hingabe – zutreffend bei einem anonymen Scherenschnitt aus dem 19. Jahrhundert, der ein häusliches Interieur mit zwei Frauen, einem Mann und einem Hund darstellt. Die Bedeutungen der Darstellungen von Hunden scheinen unerschöpflich, die SKKG-Sammlung beinhaltet sogar noch ein Model (um 1800) für die Verzierung des traditionellen Appenzeller Biber-Gebäcks – mit einem Hund! Aber meine Neugierde ist fürs Erste gestillt und abschliessend bleibt zu sagen: «Auch Hunde freuen sich» (Zeichnung von Hans Krüsi, 1983).
