Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Vor mir ligt e Zeichnig vo dir (ich hoff, s Du isch okay?). D Zeichnig isch igrahmt im ene billige Wägselrähmli, so e durchsichtigs ohni Rand. Es isch kei Zeichnig vom ene blutte Frauekörper, kei Zeichnig vo ere Katz und au keini vom ene umhärspringende Penis. Hoffentlich au nid, will du hesch die Zeichnig für e siebejöhrigs Kind gmolt. Genauer: Für mini Muetter, im Dezämber 1963.

Unde stoht «mit eme Schmitzli vom Irène», drüber isch e härzförmigs Bluemeväsli mit e paar Bliemli dinne. Stachligi Bliemli, villicht Meidliauge.

Obe uf dr Zeichnig sin drei kleini Baguette-förmigi Wölkli und drei v-förmigi Strich, wohl e Adütig vo Vögel. Ich will dr nid nöcher trätte, als ichs sowieso scho mach, aber s erinneret mi ehrlich gseid e bitz an e Kinderzeichnig. Drzue muess me sage, du hesch sie jo au für e Kind zeichnet. Das isch alles, wo druf z gseh isch. Dr meisti Ruum uf däm Blatt isch leer, blibt wiss.

Uf dr Ruggsite vom Rähmli stoht, vo minere Grossmuetter em Dorli gschriebe, «Eine Zeichnung v. Zurkinden fürs Fränzi».

Ich finds riehrend, dass mini Arbeiter*inne-Grosseltere, wo keinerlei Bezug gha hän zu Kunst, die Zeichnig igrahmt hän. Und ich finds riehrend, dass sie bis hüt existiert. Ich stell mir vor, wie sie dänkt hän: «S Irène Zurkinden, das isch e beriehmti Künstlere, das mien mr ufbewahre.» Wahrschienlich hän sie bis dört ane no nie e Bild vo dir gseh. 

Ich ehrlich gseid au nid – bis gester. Vorgester sin mini Muetter und ich zämme go Znacht ässe, im Ackermannshof. Mir hän öppis zum fiire gha. Bim zweite Glas Franciacorta sin mir irgendwie uf d Usstellig über di z spräche ko, in dr KBHG. Irène Zurkinden: d Liebi, s Läbe (1) heisst sie, ich frog mi, ob dir das z pathetisch gsi wär. Villicht hättsch drzue au s gliche gseid wie 1986, wo du de Basler Kunstpriis beko hesch: «Jä, i freu mi schregglig drüber, abr i find, s isch eigentligg no e gli z frieh für mi» (2). Das isch notabene ei Johr vor dim Tod gsi. Aber das hesch du jo nid könne wüsse.

Jedefalls het mini Muetter denn biläufig gseid: «Ah jä, d Irène Zurkinden, vo ihre hani e Zeichnig deheim.» Und denn hani natürlich nochegfrogt. Du bisch e Kundin gsi vo mim Grossvater, ha ich erfahre, vom Haute Coiffeur Bracher in dr Freie Stross 10 im erste Stock. Unde isch d Buchhandlig Georg dinne gsi vo de Huusbsitzer, em Herr und Frau Georg. Im zweite Stock dr Cueni Architekt. Im dritte het d Tochter gwohnt, s Fräulein Georg. E Lesbe, het me gseid. Sie heig immer Hose treit und kurzi Hoor. Im vierte d Huusbsitzer sälber und zoberst mini Muetter mit mine Grosseltere: em Max und em Dorli. 

Mini Muetter seit, dr Haute Coiffeur Bracher sig damals e Star-Coiffeur gsi. Er heig d Dame usm Theater frisiert und no so einigi Stadtbekanntheite – näbe dir. Mini Muetter, s Fränzi, isch scho als kleins Kind uf eme Scheemeli gstande und het de Dame d Wickeli us de Hoor gnoh. Ich weiss nid, ob du mit dine lange, blonde Hoor und em rundgföhnte Pony au mol e Duurwälle gha hesch, allwä scho. Guet möglich, dass du em Fränzi die Zeichnig gschängt hesch, nachdäm sie dir d Wickeli usegrugelet het.

Mini Muetter ka sich nüme guet an di erinnere. Ich ha ihre im Lauf vom Znacht s Verspräche abgrunge, dass sie mir dini Zeichnig am negste Tag vorbibringt. Ich dörfi si sogar bhalte, het sie gseit. Am negste Morge in mim Atelier bin i mit mine Gedanke immer wieder abgschweift: zu dir, zu mine Grosseltere, in de Coiffeursalon und in e Ziit, wo ich nur vom Verzelle kenn. S Abschweife isch mir gläge ko, ich bi mied gsi vo de ganze Schuumwii vom Obe vorhär. Zum Zmittag het mini Muetter mir denn tatsächlich dini Zeichnig brocht und mit däre im Rucksagg bini statt zrugg ins Büro ind KBHG – in dini Usstellig. Zwei Stunde lang.

Ich ha ewig im erste Ruum verwiilt, zwüsche all dine Skizze und Zeichnige. Ich gib zue, du hesch mi überrascht. Vorignoh vom Usstelligsplakat han ich gmeint, es handli sich vor allem um Molerei. Die Kunstform, wo mi am wenigste beriehrt. Aber das! Das wo ich stattdesse vorfind isch explizit und nohbar, körperlich und intim. Ich seh Mensche, wo sich noch sin, ich seh Körper, wo begehre und begehrt wärde. Ich seh viel blutti Huut. Abr au Schueh und Katze und Wiifläsche. Ich seh Gnuss und Liideschaft, und ich seh Verletzlichkeit. 

Im zweite Ruum lies ich alles über di, was ich finde ka. Also die ganzi Begleitpublikation. Ich bi beruscht vo dir und dine Zeichnige, vo dinere Ufmerksamkeit und dim Blick. «Mit de Auge erläbe, mit de Händ vrzelle» (3), hesch du sälber dini Arbetswiis beschriebe. Ich bi beruscht vo dinere Diräktheit und dim Humor. Wobi – das stimmt nid ganz. Ich bi beruscht vo däm, wo ich in dir gseh. Wo ich uf di projizier. 

Ich lueg das Schwarz-Wiss-Foti a vo dir, wo du jung bisch, e Sigarette zwüsche de Lippe hesch und lächlisch. D Händ hesch hinter em Kopf verschränkt. Du treisch di rundgföhnte Pony mit zämmebundene Hoor, e hochgschnittene Rock und es licht durchsichtigs, dunkles Pullöverli. Ich weiss nid, ob s numme dodra ligt, dass Mode immer wiederkehrt – abr ich seh däm Bild sis Alter nid a. Oder: Ich will däm Bild sis Alter nid aseh.

Ich lueg mit mim Blick, mim hütige Blick uf damals. Ich lueg mit mim hütige Blick uf di. Das mag unter Historiker*inne verpönt si. Abr ich bi kei Historikerin. Und scho gar kei Kunsthistorikerin. Ich bi Literaturwüsseschaftlerin. Was ich suech, sin Gschichte. Sin Narrativ. 

Was suech ich also in dir? Und was sins für Gschichte, wo ich find? Ich suech Muet in dir und Troscht, Widersprüch und Inkonsequänz. Ich suech mi sälber villicht. Oder e besseri Version vo mir. Ich will mi mit dir identifiziere.

Ich blieb in dr Begleitpublikation hänge an de Stelle, wos um dini Sexualität goht. Es sin fast immer Adütige. Ich spür e gwüssi Vorsicht. Und doch wird dini Art, (sexuelli) Beziehige z läbe, als «progressiv», «modärn» und «radikal» beschriebe. Es stoht, du heigsch e «Faszination für dr wiblichi Körper» gha und e Offeheit gläbt «gegeüber jegliche sexuelle Orientierige». An anderer Stell stoht, «du windisch di in gläbter Bisexualität vor Lust und dini Strich winde sich mit». Und au im Film Le Matou Magnifique vo dr Ariane Koch und em Garrick Lauterbach heissts über di «Sie het mit Fraue, mit Männer gschloofe». Ich suech und find die Stelle, wo s um dini Sexualität goht, wil ich sie finde will. 

Und glichzitig fühlts sich irgendwie falsch a. Was wüsse mir scho über di, was glaube mir, über di z wüsse. Was weiss ich scho drüber, wie s gsi isch, im Basel vo de 30er und 40er Johr mit Fraue und Männer z schlofe. In ere Ziit, wo «homosexuelli Handlige» strofbar gsi sin – zumindest bis 1938. Wo s Wort «Lesbe» e Schimpfwort gsi isch und d Lüt jedes mol s Gsicht verzoge hän, wenn sie über Fraue wie s Fräulein Georg gredet hän. Was weiss ich scho drüber, ob s Fräulein Georg wirklich lesbisch gsi isch, oder ob sie eifach gärn Hose agha het in ere Ziit, wo no kuum e Frau Hose agha het, zumindest nid in Basel. 

Mit mim hütige Blick isch es ufregend, mir dis Läbe und dini Liebi vorzstelle. Und: Es isch absolut romantisiert. Aber es isch nid nur das. Es isch au tröstlich und es macht mir Muet. Du hesch bestimmt ganz anderi Sorge gha wie ich. Dini Sorg isch ganz sicher nid gsi, ob du in dr queere Szene akzeptiert wirsch als bisexuelli Frau mit spotem Outing (so wie ich). Du hesch di bestimmt nie gfrogt, wenn du ändlich lesbisch gnueg bisch und wie genau du defür miesstisch usgseh (so wie ich). Und au nid, ob dir d Bisexualität wieder abgsproche wird, sit du mit zwei Männer zämme bisch (so wie ich). Du hesch bestimmt nid s Bullshit-Bingo: Bi+ Sexualität (4) googlet und mit eim Aug miesse lache und mit eim Hüle (so wie ich). Ich ha kei Ahnig, ob du s Privileg mängmol gnutzt hesch, als heterosexuell gläse z wärde (so wie ich). Und wenn jä, ob du di drfür gschämmt hesch (so wie ich). Aber ich weiss, dass dus damals irgendwie gschafft hesch, jensits gwüsser Norme z liebe und z läbe, so wie du s hesch welle.  Das git mir Hoffnig. Au im Hiblick uf all unseri hütige Errungeschafte und d Angst, sie wieder z verliere. Au im Hiblick uf alli Backlashes dere Wält. Und au, wenn dini Liebes- und Läbenswiis vermuetlich ohni Kategorie und Begriff gsi sin (ganz sicher ohni die hütige) und ohni dr Aspruch (oder sogar mit dr usdrückliche Vrneinig), politisch z si. 

Was du für Sorge gha hesch, weiss ich nid. Ich würd di gärn froge. Ich wär gärn mit dir ins Gspröch ko. Am liebste im Cliquekäller. Bi eme Waggis villicht, wobi, du schiinsch mir eher de Typ für Wisswii z si. Ich bi nid sicher, ob mir uns guet verstande hätte. Abr ich hätt versuecht, mi an de Gmeinsamkeite z heebe. Do wär schomol die (in mim Fall Hass-)Liebi zur Fasnacht. Als allerersts hätt ich dir aber gseid, wie schön dis Baseldytsch isch. Und ob dus mir kasch bibringe. Ich stell mir vor, mir hätte über d Liebi zu Mode gredet, über hochi Schueh und extravaganti Kleider. Ich ha au gläse, dass du gärn guet gässe hesch, villicht wäre mr no uf e paar Läberli in d Haaseburg. Dört hätt ich am Schluss versuecht, ganz subtil uf dini Liebi, dis Läbe z spräche z ko. Und wohrschienlich hättsch du mi spötischtens denn ermahnt zu «ere ruggsicht uf jedem si eigeläbe» (5). Und ich hätts drbi beloh. Stattdesse hätte mr vorusse no e Sigarette graucht und ich hätt dir vrzellt, dass ich die Zeichnig vo dir deheim ha, unterdesse hängt sie über mim Bett. Die Zeichnig, wo e bitzli isch wie du für mi: e schöni Gschicht, e Projektion, abr grössteteils e wisses blatt Papier.

(1) Dr Usstelligstitel und alli Zitat us dr Begleitpublikation und em Film het d Autorin nach bestem Wüsse und Gwüsse ins Schwizerdütsche übersetzt.

(2) Im Regionaljournal Basel Baselland vom 3.12.1986: https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-basel-baselland/irene-zurkinden-erhaelt-basler-kunstpreis?partId=53b91e96-6665-4705-b6c1-a44c4ed399a7

(3) Im Regionaljournal Basel Baselland vom 3.12.1986: https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-basel-baselland/irene-zurkinden-erhaelt-basler-kunstpreis?partId=53b91e96-6665-4705-b6c1-a44c4ed399a7

(4) Im Queer-Lexikon: https://queer-lexikon.net/2018/11/17/bullshit-bingo-bisexualitaet/

(5)  Im Regionaljournal Basel Baselland vom 3.12.1986: https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-basel-baselland/irene-zurkinden-erhaelt-basler-kunstpreis?partId=53b91e96-6665-4705-b6c1-a44c4ed399a7