Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Liebhaberobjekte

Es ist der erste richtig verregnete Herbsttag. Ich habe soeben einen Blick aus unserem Küchenfenster im Hochparterre in ein Foto eingefroren. Ich sehe unseren wackligen Holztisch im Hinterhof, an dem wir an Sommerabenden lange zusammensitzen und darauf steht ein kleiner, typisch kaufhausrunder Kaktus. Rund um ihn herum sind die Scherben seines Tontopfs verteilt, die wohl jemensch beiläufig im Gespräch geordnet hatte. Die Aussenseite des Topfs war von Kinderhänden vielfarbig und etwas krakelig angemalt worden. Daneben stehen eine gelbe Giesskanne und eine pinke in Pelikanform. Ich fühle mich genau wie dieses Bild aussieht – und denke daran, wie wir gestern zu dritt aus dem Fenster des ersten Stocks vom Rehmann Museum in den Garten geschaut und den zirka 20 Zentimeter hohen lila Sockel betrachtet haben. Dieser steht inmitten eines Kreises aus abstrakten bis realistischen Abbildungen von Frauenkörpern in Bronze. Ich höre noch die angenehm ruhige Stimme in meinen Ohren, die davon erzählt, wie der Sockel als Platzhalter oder imaginäre Teleportationsbasis für die Gottesanbeterin von Olivia Etter dient, die dort stehen und Rehmann ‘attackieren’ sollte. Jetzt steht sie im Museum auf einem gleichfarbigen, ähnlich hohen Sockel, denn das Material, aus welchem die Anbeterin geformt wurde, sei zu fragil, um draussen zu stehen. Auch hätte die Gottesanbeterin dann ja de facto Frauen attackiert. Gottesanbeterinnen fressen ihre Partner nach dem Fortpflanzungsakt auf.

Eine gewaltvolle Geschichte, die irgendwie doch emanzipatorisch klingt und bei der ich einige sagen höre, so sei die Natur halt. Ein guter Freund hatte vor einigen Jahren gesagt, dass er Mühe mit dem Wort ‘natürlich’ hätte, denn es sei eine gesellschaftliche Entscheidung, was wir als ‘natürlich’ bezeichnen und welche Natur-Beispiele herbeigezogen würden. Gerade in den Bereichen der Fortpflanzungs-, Geschlechter- und Sexualitätsfragen lässt sich wohl in der Natur eine Entsprechung für alles uns Bekannte und vieles uns Unbekannte finden. Das biologisch Männliche und Weibliche vereint fast jede Pflanze in sich selbst und im Tierreich ist Hermaphroditismus kein Einzelfall. Da fällt mir die viel erzählte Geschichte von den Regenwürmern ein. Oder von den Clownfischen. Ich erinnere mich noch an einen Typen, der mir eine Geschichte von einer im Regenwald existierenden symbiotischen Beziehung zwischen einer Hasenart und einer Schlagenart erzählt hatte, um seine Polygynie zu rechtfertigen. Diese Symbiose habe ich leider bei meiner kurzen DuckDuckGo Suche nicht wiedergefunden. Oder das Beispiel der Tüpfelhyäne, bei der die Identifikation von Weiblein und Männlein schon einige Zoos in Verlegenheit gebracht hat. Oder die Agave, die in ihrem Leben nur eine einzige Blüte produziert, oft erst nach Jahrzehnten ihrer Existenz. Monogamie ist im Leben um uns herum eigentlich die Ausnahme. Es gibt sie jedoch, die monogamen Biber und Schwäne. So möchte ich die Geschichte der Gottesanbeterin als eine der vielen Möglichen stehen lassen.

Unser Blick auf und Verständnis von Natur schwingt ebenfalls im kolorierten Kupferstich von Maria Sibylla Merian Salix Viminalis (Korbweide) mit Falter, Raupe und Puppe des Pappelkarmins Catocala Elocata aus: Histoire générale des Insectes de Surinam et de tout l’Europe, Paris 1771 mit. Diese und ähnliche naturalistische Darstellungen – bei welchen ich bis jetzt nicht sicher bin, was ihr wissenschaftlicher und was ihr künstlerischer Anspruch war und mich wohl damit zufrieden geben muss, dass sich die Beiden nicht ausschliessen – erlaubte es der Künstlerin als eine der ersten Frauen von ihrer Kunst leben zu können. Denn die schönen und objektiv richtig erscheinenden Zeichnungen wurden zu Drucken weiterverarbeitet und in Sammelbänden vervielfältigt. Diese Bücher liessen sich als Liebhaberobjekte gut verkaufen. So hat Maria Sibylla Merian, deren Familienname in Basel mit grossem Reichtum und ausgesuchter Philanthropie assoziiert wird, unsere europäische Sichtweise auf die Welt und unser Verständnis von Natur wohl mitgeprägt. Toll, dass es einer Frau möglich war, an wissenschaftlichen Exkursionen des 18. Jahrhunderts teilzunehmen und ihre Perspektiven und Beobachtungen zu verbreiten. Toll, dass sie damit Geld verdient hat und – ich nehme es einmal an – dadurch unabhängig(er) sein konnte. Trotzdem erscheint mir das ganze Projekt auch ein gewaltvolles zu sein, bei welchem westlich geprägte Bilder und Wissensproduktion als allgemein wahr erscheinen – unter anderem dadurch, dass sich ihre Faszination für das Schöne der Natur in einen westlichen ästhetischen Kanon einordnen lässt.

Ich muss gestehen, dass ich von einem solchen Gedanken bereits auf dem Weg zur Ausstellung begleitet wurde. In den vergangenen drei Wochen habe ich mich als Teil einer Gruppe Kunstschaffender aus verschiedenen Sprachregionen der Schweiz mit der Idee eines Wachsenden Inventars kollektiver Kunstpraxis auseinandergesetzt. Dabei wurde mein Verständnis und meine Herangehensweise komplett umgekrempelt. Ich hatte mir vorgestellt,  verschiedene Kollektive zu kontaktieren, mit ihnen zu reden und einen Inventar-Eintrag ‘für’, ‘mit’ oder ‘über’ sie zu erstellen. Cass hatte zu Recht bemerkt, dass das aber auch eine extraktive Beziehung sei. Denn wir als Plattform hätten dann die Macht des Diskurses über verschiedene, möglicherweise marginalisierte Gruppen. Die einzige Möglichkeit, diese Beziehungen in eine nicht ausbeuterische umzuwandeln, sei, dass die Kollektive selbst entscheiden, Teil vom Inventar werden zu wollen und dass es ihnen überlassen sei, was sie dort teilen möchten. Diese Gedanken haben meinen (Ein-)Ordnungswahn und meine Logik, die gerne Hashtags und bestimmte Ordnungsfilter eingeführt hätte, um Verbindungen zu finden und Tools für funktionierende Praxis zu entwickeln, komplett auf den Kopf gestellt. Mit dieser Erfahrung im Bauch habe ich mir die Ausstellung Disobedient Constellations angeschaut und zu erfassen versucht, was es bedeutet, dass jedes Kunstwerk nur hier ist, weil eine Sammlung es zuerst gekauft, erhalten oder sonst irgendwie in seinen Besitz gebracht hat und danach diese Sammlung das Werk als passend für diese Ausstellung empfunden hatte.

Die Situation hat sich für mich dann irgendwie entspannt, als ich erkannte, mit welcher Sorgfalt auch hier die Vieldeutigkeit angegangen wurde. So steht die Geschichte der erzwungenen Sammlungsversteigerung von Suzanne Baumann, welche Werke von wichtigen Künstlerinnen der Avantgarde enthielt, nur durch platzhaltende Abbildungen fassbar im «Tresor». Gleichzeitig kommt das Werk, welches aus der Mega-Macht-Maschine des Schaulagers Basel stammt, auch auf dem Boden in der «Umkleide» stehend gut zur Geltung. Weil ich gerade grau- und regenbedingt zu müde bin, um lange über das Museum-Markt-Macht-Geld-Sammlung-Konstrukt nachzudenken und zu schreiben, möchte ich nur noch anfügen: Ich glaube es ist an der Zeit, die Eindeutigkeit und westliche Objektivität hinter uns zu lassen und die Vieldeutigkeit (nicht jedoch Wahllosigkeit oder anything goes!) in den Arm zu nehmen. Einen sanften, kritischen und rücksichtsvollen Umgang mit dieser zu trainieren. So wie diese Ausstellung das unter anderem vorzeigt. Ich setze meine kleine Kaktus-Fotografie von heute Mittag darauf, dass wir uns so in Richtung eines lebenswerten Zusammenseins für alle bewegen.