Für drei Tage im Mai war die Stadt ungewöhnlich bunt. Beim Überqueren der Johanniterbrücke radelte Sailor Moon an mir vorbei, der Witcher wartete an einer Strassenecke auf seine Freund:innen und Hogwarts-Uniformen hüpften auf dem Gehweg auf und ab. Diese Charaktere spannten sich über die Stadt wie ein Netz, das sich in der Nähe der Messe Basel-Gebäude verdichtete und im Inneren seinen Höhepunkt erreichte. Die Fantasy Basel war angekommen und ich war mittendrin. Verstohlene Blicke, erotische Spannung und an jeder Ecke eine neuer Ein-Minuten-Crush. My gosh, wenn die Art Basel nur so queer wäre wie eine Fan-Convention.
Dieses Jahr habe ich es zum ersten Mal an die Schweizer Comic-Con geschafft. Zuvor bin ich ihr ferngeblieben, da die Messe eine absolute Hölle der Reizüberflutung ist. Doch hier war ich nun, mit Ohrstöpseln in meiner Tasche und in einem halbherzigen Aragorn-Cosplay gekleidet. Ich stand in der endlosen Schlange und wartete darauf, mit meinem 3-Tagespass hereinzukommen, denn wenn ich schon ging, dann wollte ich alles mitbekommen.
Ich hatte weder die Zeit noch das Budget, um in ein richtiges Cosplay zu investieren, doch in normaler Kleidung auftauchen, das fühlte sich für mich wie Blasphemie an. Also zog ich meine mittelalterliche Kleidung an und goss schockierende Mengen Babyöl in mein Haar, um diesen fettigen „Ich-war-Orks-jagen-und-lebe-seit-Monaten-im-Wald“-Look zu bekommen.
Als meine Freundschaftsperson und ich den Eingang erreichten, wurde uns gesagt, dass wir uns trennen mussten, da they einen Ein-Tagespass hatte und wir nicht durch dieselbe Halle eintreten durften. Sich in diesem mehrstöckigen Labyrinth wiederzufinden, war keine leichte Aufgabe, aber nach einigen geteilten Standorten und Telefonaten gelang es uns schließlich. Wir machten uns auf den Weg in das oberste Stockwerk zum Panel Room, da wir uns auf den Vortrag „Cosplay Make-up: Blurring Gender Lines with Simple Techniques“ von Nao Cosplay freuten. Als wir dort waren, stellten wir jedoch fest, dass wir vielleicht schon zu lange Gender-bending betrieben, um dies als lehrreich zu empfinden, und machten uns auf in den Dschungel aus Ständen von Autor:innen und Künstler:innen, durch Cosplay-Dörfer, Schwertkampfvorführungen und Klimmzug-Wettbewerben. Irgendwo am Ende fanden wir vegane Churros.
Was in diesen Tagen jedoch hauptsächlich herausstach, waren die Besucher:innen. Auf der Fantasy Basel zu sein, war ein anhaltender Zustand von Gay Panic. Als mein Blick auf das erste queere Pärchen-Cosplay von Aziraphale und Crowley aus der TV-Serie „Good Omens“ fiel, fühlte ich mich versichert am richten Ort zu sein und dachte heimlich: „when is it going to be me?“. Diese beiden Charaktere begleiten mich seit dem letzten halben Jahr, ich habe die Show gut dreimal durchgeschaut und meine TikTok-For-You-Seite ist voller Cosplays und Neuinterpretationen der beiden, oft von queeren oder lesbischen Paaren inszeniert. David Tennants Darstellung von Crowley löst bei mir übelste Gender-Envy aus und ich würde nur zu gerne in die Haut dieses Charakters schlüpfen. Aber obwohl meine Verbindung zu dieser Show intim ist, gibt es niemanden in meinem engen Kreis mit der gleichen brennenden Besessenheit. Wenn jedoch du, liebe:r Leser:in, diese Fixierung teilst und nächstes Jahr den Aziraphale zu meinem Crowley sein möchtest: Ich habe inzwischen meine Haare rot gefärbt. Just saying.
Aber vielleicht war meine Zeit einfach schon dadurch gekommen, in dem ich auf dieser Convention war. Wenn ich während dieser Tage Menschen in die Augen sah – Menschen, die an mir vorbeigingen, Menschen, die ihre Stände betreuten, Menschen, die auf den Treppen sitzend ihr Essen assen – sah ich Neugier in diesen Augen: Was hat dich hierhergebracht? Was ist dein Cosplay? Was ist die Show, zu der du immer wieder zurückkehrst? Wer ist dein Comfort-Charakter? Womit bist du rückhaltlos besessen? Es gab keinen Bedarf, die eigene Coolness zu beweisen und zu zeigen, wie es zu anderen Zeiten im Jahr in diesen Räumlichkeiten der Fall ist. Immer wenn ich jemanden sah, der als Charakter aus einer Show gekleidet war, die ich mochte, breitete sich dieses warme Gefühl in meiner Brust aus: Oh, jemand liebt das Gleiche, was ich liebe! Und ich konnte nicht anders, als ein Lächeln auszutauschen.
