Für wen ist Theater? Wer geht überhaupt ins Theater? In der Theatersaison 2023/24 zählte das Theater Basel laut statistica.com rund 209.830 Zuschauer*innen. Wer sind diese Menschen? Und wie stark richtet sich das Programm der Kulturinstitution danach, wen sie als ihr Publikum erachtet?
Das Theater Basel mit seinen verschiedenen Häusern und Bühnen, die sowohl dem Theater, dem Schauspiel und dem Ballett verpflichtet sind, ist eine komplexe Institution, die sich auf den in den letzten Jahren angehäuften Loorbeeren nicht ausruht, sondern immer wieder neue Formate ausprobiert, um ein breiteres Publikum ansprechen. Wie die meisten Kulturkoriphen macht es dies vermutlich mal mehr und mal weniger erfolgreich. Einen interessanten Schnitt durch das, was das Theater sein kann und will und wie weit sein Publikum auf diesem Weg mit ihm gehen möchte, war der vergangene Neujahrsabend.
Jedes Jahr richtet das Theater Basel eine Silvesterparty aus, die von jeweils einer Sparte des Theaterensembles betreut wird. Für den Jahreswechsel ins 2025 war das Schauspiel dran mit der Abendgestaltung. So führten dann auch Schauspielende aus dem Ensemble singend und moderierend durch den Abend. Am Ende spielte ausserdem ein wohl auch am Haus arbeitender DJ ein Potpourri aus 2010ern Partyhits für alle, die immer noch bereitwillig ‘whohooo’ schreien, wenn Will.I.Am sagt: “I got a feeling.”
Das Publikum, das nach den abendeinleitenden Vorstellungen mit dem komplimentierten Prosecco ins grosse Foyer ströme, war im Schnitt deutlich jenseits der 45 anzusiedeln, aber hatte es sich dennoch vielmals nicht nehmen lassen silvestergemäss in Paillette und/oder Leder aufzuschlagen. Während es auf die 12 zuging sang eine Coverband Hits quer durch die jüngere Musikgeschichte, und auf der improvisierten Tanzfläche flog das gut geföhnte Haar nur so von links nach rechts während es mit Klängen von Amy Whinehouse und Gloria Gaynor besungen wurde.
Wir fühlten uns zu diesem Zeitpunkt in unserer kleinen Runde doch ein wenig als Fremdkörper. Die Stimmung oszillieren zwischen Maturball und den Hochzeiten von Schulfreunden auf dem Dorf, bei denen man sich fragte, warum man dort eingeladen worden war. Allerdings wussten wir, dass direkt nach dem Beginn des neuen Jahres, eine vom Schauspiel organisierte Drag Show starten sollte und so liessen wir uns auch während “Sweet Child of Mine” nicht entmutigen, dass der Abend sich noch vielversprechend entfalten würde.
Es wurde 12, das Konfetti flog, die grossflächige Beamerprojektion simulierte ein Feuerwerk und das neue Jahr war da. Gute Vorsätze hatte keine*r geäussert. Die generelle Stimmung – die sich auch in der letzten Woche in den gängigen Memes ablesen liess – war tendenziell: “Ich bin schon gut genug, es wird Zeit, dass die anderen/die Welt sich mal ein wenig Mühe geben.” Und dann war es auch schon soweit. Klamydia von Karma und Fiorelle Lores stürmten von der Empore herab, um ihre Show zu starten. Ganz in Rot und mit auch vom letzten Rang sichtbaren Make-up Konturen bemalt kämpften sich die Diven durch zur Bühne.
Es begann ein etwa dreissigminütiges Programm, in denen neben kurzen Redeteilen hauptsächlich zu Musik gelipsyncht wurde. Soweit, so klassisch für eine Drag Show.
Wir standen in der ersten Reihe, umringt von anderen queeren Menschen und schrieen und pfiffen und jubelten. Und dann drehte ich mich kurz um. Hinter uns standen – als wären wir plötzlich in einem Pink Floyd Video gelandet – etwa 500 weisse Herrschaften, die mit starrem Blick und verschränkten Armen auf die Bühne schauten und so wirklich gar nicht wussten, wohin mit sich selbst. ‘Erstarrt’ ist nicht nur im übertragenen Sinne gemeint. Das Publikum war zu 95% wirklich wie eingefroren, möglicher Weise in der Angst, etwas Falsches zu tun oder zu sagen. Denn, wie wir alle wissen, darf man heute gar nichts mehr sagen. Der woke Mop, der offensichtlich diese Drag Queens geschickt hatte, kommt sonst auf einen zugestürmt und gendert einen zu Tode. Lieber starr stehen und warten, bis es vorbei ist.
Wie abstrus diese Mischung aus Unverständnis und Verweigerung wirklich war, zeigte sich, als Klamydia zu “I am what I am” von Gloria Gaynor lipsynchte. Die etwa eine Stunde früher von der Coverband gesungene Version wurde vom Publikum wild betanzt, jetzt aber, konnte das beinahe gleiche Lied sie nicht aus ihrer Starre reissen. Kontext ist halt eben doch alles. Und irgendwie waren wir dann fast zwischen den Fronten dort vorne in der ersten Reihe und tanzten und schrieen. Vor uns langsam im Männerschweiss auseinanderbröckelnder Drag-Glamour und hinter uns das von Bücherregalen eingemauerte Bildungsbürgertum, dem am Ende dann doch wahrscheinlich die Deutungshoheit über das Theater (und sein Programm) gehört.
Fiorelle und Klymdia performten als ersten Song eine Opernversion von Cardi Bs und Megan the Stallions “WAP”, in dem berühmter Weise wiederholt gesagt wird: “There’s some hos in this house”. Rückblickend und auf die Publikumsdemographie hinweisend muss man wohl sagen: There are some very few hos in this house and their wet ass pussies are not very much appreciated by the patrons.
