Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Why the fuck do I love the gym [as a white, thin, bisexual, feminist woman] – ein Erklärungsversuch

Wir starten mit dem Warm-Up: Schliesst die Augen, schüttelt euch. Schüttelt das rechte, dann das linke Bein. Die Füsse. Schüttelt die Arme, die Hände, die Finger. Atmet tief ein durch die Nase und aus durch den Mund. Schüttelt den Kopf, das Gesicht, die Lippen. Macht «brrrrrrr». Öffnet die Augen. Schüttelt einem Gegenüber die Hand. Willkommen im Gym.

A wie Abs. Also Bauchmuskeln. Die schrägen, Musculus obliquus externus abdominis, und die geraden, rectus abdominis. Letztere sind als Sixpack-Muskeln bekannt. Dass Abs nicht identisch sind mit dem Core, wir beide aber durch eine Plank trainieren und dass alles auf Englisch ist in der Fitnesswelt lerne ich gerade in meiner Ausbildung zur Gruppenfitnessinstruktorin. Yes, you heard me right. «Nicht jeder Körper ist für einen Sixpack bestimmt», sagt Jürg, der meine Ausbildung leitet und seit 1993 in der Fitnesswelt zuhause ist. Er fährt fort: «Vielleicht seid ihr auch einfach Mama. Und euer Bauch ist dafür da, kuschelig weich zu sein.»

B wie Burpees. Oder Bodypump. Damit hat alles angefangen. Wobei, das stimmt nicht ganz: Es gibt dieses eine Foto von mir, ich bin etwa 7 Jahre alt und stehe auf einem Podest. Ich lächle etwas gequält. Der Anlass ist ein Sporttag und ich bin Dritte geworden – meiner gesamten Primarschule. Danach sollte es etwa 20 Jahre dauern, bis ich erneut sportliche Ambitionen entwickle. Ausgerechnet im Bodypump, einem Langhanteltraining. Das allererste Mal im Stücki-Center in einem Fitnessstudio ganz ohne Tageslicht, ich begleitete meine Mitbewohnerin und hievte auf ihre Empfehlung hin komplett untrainiert 14 KG auf die Langhantel. Ich konnte tagelang nicht mehr laufen. 

C wie Cross Fit. Oder Curl and Press. Dabei werden zwei Gewichtsscheiben erst auf Brusthöhe gebracht und anschliessend über den Kopf gestreckt. Beim Bodypump passiert das furchtbar getaktet in furchtbaren Räumen zu furchtbarer Musik – vor furchtbar grossen Spiegeln. Es ist zum Wegrennen, eigentlich, aber ich war hooked. Warum, versuche ich herauszufinden.

D wie Deadlift. Oder Dirty Dog. Oder: Don’t skip your lunch. Gruppenfitnesskurse finden oft über Mittag statt. Es ist Usus unter den Kursleitenden, die Teilnehmer*innen dazu zu beglückwünschen, ihr Mittagessen für den Kurs zu skippen. Ich sage euch: Don’t skip your lunch. Esst vor dem Kurs, esst nach dem Kurs. Esst.

E wie Elite. Natürlich gibt es Klassen in der Welt des Gym. Einerseits studiointern, andererseits Gym-übergreifend. Am unteren Ende befindet sich mein erstes, fensterloses Gym im Stücki, am oberen thront das Indigo Fitness. Zuoberst in einem Hochhaus am Aeschenplatz gelegen, wirbt es mit seiner Aussicht, einer «Panoramasauna» und kostenlosen Saunatüchern bei jedem Besuch, letzteres sei «schweizweit einzigartig». Die Warteliste für eine Mitgliedschaft beträgt laut der Auskunft des Club Managers um die sechs Monate. 

F wie “Fit is a Feminist Issue”. So heisst ein Blog, auf den ich stosse, statt für meine Fitnessinstruktor*innenprüfung zu lernen. Der Blog gehört zwei 50-jährigen Feministinnen, die beschliessen, fit zu werden. Fit für feministische Kämpfe. Fit nach ihren eigenen Massstäben.

G wie Glutes. Oder Genderstereotype. Nicht wegzudenken aus der Gym-Culture. Keine Bodypump-Stunde vergeht, ohne dass ich mir anhören muss, wie viel Gewicht Männer und wie viel weniger Gewicht Frauen auf ihre Langhanteln hieven sollten. Ein Abgleich mit der Wirklichkeit geschieht nicht. Auch wenn die Wirklichkeit mit ihrer gesamten Diversität an Körpern buchstäblich vor den Kursleiter*innen steht. 

H wie Hip Thrust. «Frauen wollen schmale Hüften, Männer wollen breite Schultern», sagt Jürg. Wenn er die Frauen anleite, sie sollen sich hüftbreit hinstellen, sieht das so aus [steht mit den Füssen ganz eng aneinander] und wenn er den Männern sage «schulterbreit», platzierten sie sich so [ganz weit auseinander]. 

I wie «interessiert statt interessant». So müssten wir sein als Kursleiterpersönlichkeiten. Ein zweiter Grundsatz: «Wir sprechen während der Arbeitszeit nur über Fitness».

J wie Jumping Jacks. Oder Judgement. Es klingt ironisch, aber: Im Gym bin ich anonym, hier muss ich nichts leisten, ausser 45 bis 60 Minuten an oder über meine körperlichen Grenzen zu gehen. Hier bin ich bloss ein Körper von vielen, der schwitzt, ächzt, irgendwann aufgibt. Niemand, absolut niemand, beurteilt mich anhand meines sozialen Status oder der Kreativität meiner Projekte. Niemand, absolut niemand, interessiert sich wirklich für mich. Es ist, wenn, dann mein Körper, der beäugt und beurteilt wird. Mein weisser, dünner, genderkonformer Körper. Da dieser nicht weiter auffällt, bin ich beinahe unsichtbar. Ein Privileg, natürlich. 

K wie Kugelhantel. Oder Kettlebell Swing. Wir gehen leicht in die Knie, der Rücken ist gerade, wir stossen die Kugel nach vorn.

L wie Ladies! Mit «Ladies!» werden wir begrüsst am ersten Tag der Gruppenfitness-Ausbildung. «Ladies!», brüllen die Instruktor*innen in beinahe jedem Gruppenkurs. «Good Morning Ladies!», sagt die Lehrerin im Pilates Social Collective mit etwas zu hoher Stimmlage. Was ich mir in Gruppenfitnesskursen sonst noch für Anreden anhören muss: «Hey Team, hey Tuesday, hey Frontrow, hey Newbies, hey Beautifuls!»

M wie Mountain Climbers. Oder Musiktheorie. Auch diese ist Bestandteil meiner Ausbildung. Ich lerne etwas über die positive Auswirkung von Musik auf unser Durchhaltevermögen von denselben Menschen, die zum entspannenden Cool-Down Eminem abspielen. ¾-Takte und Musikbögen. Counts und Beats per Minute. Gülsha sagt, im Spinning laufe unterdessen bessere Musik als im Club.

N wie No Pain No Gain. Wesentlich verbreitet durch Jane Fonda und ihre Aerobic-Videos. Diese und ähnliche Fitnessweisheiten haben mich dazu gebracht, die Ausbildung als Instruktorin zu machen. Weil ich mir sicher bin, dass es auch anders geht. Muskelkater etwa ist komplett überbewertet. Es handelt sich dabei um Mikroverletzungen im Muskelgewebe, sogenannte Mikrotraumata, auf die der Körper mit Entzündungsprozessen reagiert. Das ist zwar nicht dramatisch, solange wir uns ausreichend erholen, aber: Muskelkater ist KEIN Marker eines effektiven Trainings.

O wie Open Ride. Mein Spinning-Studio am Bahnhof SBB. Spinning oder Indoor Cycling bezeichnet Fahrradfahren an Ort und Stelle im Takt zu lauter Musik. Oft in abgedunkelten Räumen oder Kellern. Oft mit Discolicht. Manchmal mit Choreo. Spinning ist neben Bodypump meine zweite Leidenschaft. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, überall wo ich bin, ins Spinning zu gehen. Berlin, Amsterdam, Wien, Zürich, Biarritz – und sogar auf einem Hausdach auf Fuerteventura. Ich studiere, wie sich die Orte unterscheiden. In Berlin noch mehr Disco-Feeling, in Wien ein diverseres Klientel.

P wie Push-Up. Oder Proteinshake. Oder Pilates. Genauer: Joseph Pilates. Ein deutscher Körpertrainer. Dieser entwickelte seine Körperlehre als Insasse eines britischen Gefangenenlagers während des ersten Weltkriegs. Später brachte er Pilates nach New York, wo seine Frau Clara nach seinem Tod übernahm.

Q wie Queer Muscle. So heisst das erste FLINTA-Fitnessstudio in Wien. Gegründet von Flo Grabher. They hat die Personal Training Ausbildung gemacht und dann aus dem Wunsch nach einem Safer Space Queer Muscle gegründet. Flo achtet auf Traumasensibilität und Bodyneutrality: «Körper dürfen genauso sein, wie sie sind, und trotzdem Sport machen». Ausserdem bietet Flo einen Top Surgery Guide für vor, während und nach einer Mastektomie an. Them ist wichtig, dass im Queer Muscle Konsens gelebt wird. Das beginnt damit, dass Flo Personen, die dort trainieren, nicht berührt. 

R wie Ripped. Oder Row. Oder Robert. Der einzige Mann unter den zukünftigen Fitness-Instruktor*innen meiner Klasse. Er ist es, der sich auflehnt, am zweiten Tag der Vor-Ort-Phase: «Jürg, bei aller Liebe, kannst du das sein lassen mit den Geschlechterstereotypen?!». Jürg kann es nicht.

S wie Squat. Hüftbreiter Stand. Fussspitzen und Knie zeigen leicht gegen aussen. Wir setzen uns nach hinten, wie auf einen Stuhl.

T wie Trizeps. Zusammen mit seinem Antagonisten, dem Bizeps, wohl einer der bekanntesten Muskeln. Das «Tri» bezieht sich darauf, dass er dreiköpfig ist, er besteht aus drei Muskelköpfen. Ich mag es, über Muskeln zu lernen. Und ich mag es, Muskeln zu haben. Ich mag es, mich stark zu fühlen. Stark zu sein. Ich mag das Fitnessstudio trotz all seiner Widersprüche, weil es ein Ort ist, der nur mir gehört. Ich kann hier anders sein, jemand anderes sein. Ich kenne mich aus in diesen Räumen, ich verstehe unterdessen die Codes. Ich schäme mich nicht mehr, darin Raum einzunehmen. Wenn es sein muss, stelle ich mich neben die schwitzenden, ächzenden Dudes in den Freihantelbereich. Ich ignoriere sie, sie ignorieren mich. 

U wie unsportlich. Ich dachte über sehr lange Zeit hinweg, ich sei unsportlich. Ich dachte, Unsportlichkeit sei eine Disposition, eine Körper- und Charaktereigenschaft. Ich schämte mich dafür, unsportlich zu sein. Ich schämte mich für meine breiten Schultern und die grossen Füsse. Wohler fühlte ich mich in meinem Kopf. In meinem Alltag, bei meiner Arbeit bin ich die allermeiste Zeit in meinem Kopf. Verkopft. Ich fühle mich manchmal abgeschnitten vom Rest meines Körpers. Mache ich Sport, bin ich in meinem Körper. Bin ich mein Körper. Ich denke an nichts. Heute mag ich meine breiten Schultern und meine grossen Füsse. Einmal fragt mich jemand, ob ich Schwimmerin sei. Ich freue mich darüber.

V wie V-Up. Oder Vergrösserung der Muskulatur. Auch Muskelhypertrophie. Vergrössert wird der Muskelquerschnitt, und zwar durch Eiweisseinlagerungen. Das ist aber nur eine – wenn auch die sichtbarste – der Auswirkungen des Krafttrainings. Andere sind die inner- und intermuskuläre Koordination sowie ein verbesserter Muskelstoffwechsel. Stärkere Knochen, weniger Rückenschmerzen, gesündere Gelenke. «Kennt ihr die häufigste Ursache dafür, dass Frauen ins Altersheim müssen?», fragt Jürg. Weil sie im Alter, wenn sie einmal sässen, nicht mehr alleine hochkommen. Ihnen fehlten dazu die Muskeln.

W wie White Spaces. Also Fitness-Studios. Ich google mein aktuelles Fitness-Studio, das Let’sgo-Fitness, und sehe ausschliesslich weisse Körper. Ich besuche es ein paar Mal die Woche und sehe fast ausschliesslich weisse Körper. Ich besuche meine Fitness-Ausbildung und sehe: weisse Körper. Die Autorin Sarah El Gharib beschäftigt sich mit den Verflechtungen von Fitness und Rassismus. Sie schreibt: “The fitness world has always favoured one body type over another — that is, the slim, white body — and people whose bodies do not match this norm are constantly left out of dominant representations.” 

X wie TRX. Also: Total Body Resistance Exercise. Auch hier ist der Erfinder ein Mann, auch hier gibt es eine Verbindung zum Militär: TRX geht auf einen Elitesoldaten einer Spezialeinheit der U.S.-Navy zurück. Aufgrund mangelnder Trainingsmöglichkeiten band er Gurte um Panzerrohre. Wenig überraschend könnte das inoffizielle Motto seiner Spezialeinheit auch der Slogan eines Gyms sein: «The Only Easy Day Was Yesterday».

Y wie Yoga. Ich hasse Yoga. Aber zu meiner Ausbildung gehört auch der sogenannte Praxistransfer. Heisst: Wir müssen eine gewisse Anzahl unterschiedlicher Gruppenfitnesskurse besuchen. Weil ich Sauna mag, versuche ich es mit Hot Yoga. Dabei werden 26 Yoga-Übungen in einem 40-Grad heissen Raum praktiziert. Die Teilnehmenden tragen eine Mischung aus Bade- und Sportkleidung, der Lehrer eine Unterhose. Ich schwitze und ich staune. Vor allem über die Absurdität des Settings. Lebensverändernd ist es nicht.

Z wie Zottman-Curl. Oder Zu guter Letzt. Oder das Gym der Zukunft: 

Verhängen wir die Spiegel! Vermeiden wir das Wort «Ladies»! Verlernen wir Genderstereotype! Verbessern wir Jürg! Achten wir aufeinander! Auf unsere Aussagen! Auf Repräsentation! Auf Diversität! Auf Konsens! Auf mögliche Traumata! Auf unsere Grenzen! Und entgegen dem Status-Quo – auf mehr Softness im Gym!