Kürzlich sah ich mich mit der misslichen Notwendigkeit konfrontiert, ausgerechnet an einem Samstagnachmittag im Zentrum einer mittelgrossen deutschen Stadt Einkäufe erledigen zu müssen. Während ich nun also durch die Menschenmassen von einem Haufen amerikanisch-chinesischen Billigmumpitz zum nächsten eilte (es lebe die in jüngster Zeit so euphorisch ausgerufene europäische Selbstermächtigung), fiel mir vor allem auf, wie unfassbar uniform mir nicht nur diese Läden, die dazwischengequetschten Kaffeehausketten oder die schwarzen Nordface-Bluejeans-Aufmachungen der jüngeren Generation entgegenkamen, sondern auch, wie sehr sich viele Gesichter und Körper dieser Menschen glichen.
Bereits 2019 hat die Journalistin Jia Tolentino im The New Yorker-Artikel “The age of Instagram face” vorausgesagt, wie sich das endlose Projektieren identischer Physiognomien in die sich noch entwickelnden Hirne der Nutzenden – koinzidierend mit der grösseren Erschwinglichkeit und sozialen Akzeptanz von plastischer Chirurgie – auswirken werden: In der Etablierung einer neuen Schönheitsnorm, die jenseits ihrer Vorgänger von Antike bis zum Supermodelzeitalter der Neunzehnneunziger eben kein reines Ideal mehr sein möchte, sondern im Gegenteil Erreichbarkeit, wortwörtliche Machbarkeit impliziert. In den 6 Jahren seit diesem Artikel ist natürlich einiges geschehen; ich beschränke mich hier auf die wohl nicht exorbitant überraschende Quintessenz verschiedener Veröffentlichungen, dass TikTok und Snapchat die Situation nicht besser gemacht haben. (***TikTok-Tanz-Einschub***)
Die Entfremdung des menschlichen Bewusstseins von seinem Körper, von seiner Umwelt und deren Anforderungen an ihn ist ein in Westeuropa seit Jahrhunderten diskutierter Topos. Hegel verortete das Problem in der Diskrepanz von schöpferischer Geisteskraft und vermeintlich vernunftgeprägter Realität, Marx natürlich im Kapitalismus und der Kommodifizierung der Arbeitskraft. Die Entfremdung heutzutage kommt, so glaube ich zumindest, auch durch die abstrusen konstanten (indirekten) Konsumaufforderungen auf den Kanälen der neuen Techno-Feudalherrscher: Ganz ungeachtet der persönlichen Befindlichkeiten der User, schlimmer noch, persönliche Betreuung sogar vorspielend, entwickeln die Datenkraken einen todlangweiligen, gleichgeschalteten neuen “Achtfachen Pfad”, der ins glückserfüllte Nirvana der viral gegangenen Vorzüglichkeiten führen soll. Ein Aussehen wie Hailey Bieber oder Charli d’Amelio wird ermöglicht durch lustige Entenlippen und Bieberbäckchen (pun intended), aussehen wie Henry Cavill kann man vermittels Kiefermuskeltrainingsgeräte, türkische Klinikkurzferien und Protein-only-meals zum workout, bro. ***Geräte-Einschub***
Wie finden wir nun durch diesen Mahlstrom an Gleichschaltung, aufoktroyierten Zwängen und spätkapitalistischem Meinungsbildungsmonopol zu mehr Selbstzufriedenheit? Wie verhindern wir, dass die Planierung jeglicher kulturellen Vielfalt den Weg zu faschistischen Techno-Oligarchien ebnet? Die österreichische Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger meinte einmal: “Glück, das ist Sonne auf der Hoteltapete”. Welch wundervoller Satz! Glück ist die Möglichkeit, bei sich selbst ruhend in einem Moment der Kontemplation seine Umwelt zu betrachten. Glück ist, Neues kennenzulernen, sei es auf Reisen, oder im Kontakt mit anderen. Glück ist, in einem Klima zu wohnen, in dem Sonnenlicht etwas Erfreuenswertes sein kann. Glück ist jegliche kulturelle Erfahrung des eigenen Körpers.
Was tue ich nun aber, wenn alle Hotelgrossketten und Mittelschichtsfamilien-verdrängende, steuerhinterziehende AirBnB-Konglomerate ihre Innenräume genau gleich gestalten? “Glück, das ist Sonne auf Live, Laugh, Love-Wanddekor”? “Glück, das ist Sonne auf Avocadotoast, fucking Granolabowls und fucking fucked fucked Bogenhanf”? On verra. Ein sehr kluger Philosoph aus Basel (bzw. irgendwo der Galaxie) hat mal konstatiert, dass “The future” unvermeidbar “ boring” werde. Vielleicht aber frisst die Revolution ja bald ihre eigenen Kinder und wir fangen einfach an, unsere Körper und Wahrnehmung durch eigene Algorithmen, unsere eigenen Ästhetiken zu prägen. In diesem Sinne: Glück ist eine Stunde Pilates – Glück ist ein Migros-Klubschule-Töpferkurs!
