Ich muss ein Profil anlegen. Zuerst trage ich Name und Geschlecht ein, dann weitere Angaben, die überraschend persönlich sind. Schliesslich bittet mich der tief hängende Kasten, der am Eingang von Neïl Beloufas Ausstellung ‘Humanities’ an der Wand ist und an dem ich meine Daten erfassen muss, dass ich mein Gesicht von verschiedenen Winkeln einscanne. Tief gebückt vor dem entsprechenden Sensor schaue ich nach oben, schaue ich nach unten, starre ich tief in die mechanischen Augen des Erfassers und wähle dann aus der Serie von unvorteilhaften, halbbelichteten Fotos eines aus, von dem ich mich in dieser Welt von Beloufa am besten repräsentiert fühle. Soweit so dystopisch.
Mein Handy vibriert und ich erhalte einen QR Code, mit dem ich nun in den verschiedenen Installationen der Ausstellung aktiv werden kann. Pseudoaktiv zumindest, denn ich werde letztlich nur immer wieder gefragt etwas aus einem Set an Optionen auszuwählen.
Der erste Raum ist beeindruckend hässlich. Banale Objekte aus bemaltem Leichtschaum stehen lieblos und unästhetisch gefertigt in Metallgerüsten. Bitte auswählen. Und nochmal auswählen. Was aber, wenn ich einfach alle scheisse finde? Trotzdem auswählen. Das kleinere Übel wählen. Das ist ja schliesslich etwas, mit dem man im Jahr 2024 recht viel Übung hat. Alles, das einem da angerichtet wird, sind seelenlose Proxies einer sich immer mehr verkomplizierenden und jeder Sensibilität entziehenden Welt. Bitte trotzdem auswählen.
Während ich wähle, tanzen Scheinwerfer um mich über die Wände und Objekte (ich weigere mich vehement, diese Dinger ‘Skulpturen’ zu nennen). Die Ausstellung ist nicht nur Gamifizierung, es ist beinahe schon Gameshowifizierung. Vielleicht gewinne ich etwas, wenn ich nur an genug Ständen meinen personalisierten QR Code scanne und in einem hierarchienbildenden System partizipiere, das mich eigentlich abstösst. Vielleicht…
Ist Gamifizierung auch immer zwangsläufig eine Normalisierung von Überwachung? Warum muss ich immer und überall Profile erstellen, um auch nur die rudimentärsten Dinge zu tun? So sehr mich Beloufas Show und Objekte nerven, so sehr werfen sie doch auch Fragen darüber auf, wie wir uns eigentlich durch Raum und Zeit bewegen, während sogar die Bewegungen unserer Augen getrackt werden, um daraus Daten für Marketingzwecke zu generieren?
Nach Scan-Modul Nummer fünf habe ich keine Lust mehr und beschliesse mich der Gameshow zu verweigern. Ich laufe durch die Räume und versuche andere Zugänge zu den weiterhin hässlich bleibenden Objekten zu finden. Es gelingt nicht. Die Oberflächen sind billig, alles ist irgendwie industriell und banal. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass Beloufa sich bewusst entschieden hat solch geballte Hässlichkeit nach Basel zu bringen und dass das nicht “einfach so” passiert ist, weil es ihm eigentlich nur um das Konzept ging.
Gleichzeitig bin ich auch immer wieder an die Pandemie erinnert, in der auch alles auf einmal so hässlich wurde und die Welt mit billigem Plastik verhängt war, während ich versuchte, mir mit QR Codes Zugang zu Anlässen zu verschaffen. Vielleicht war Covid wirklich ein Marketing-Scam der QR Code Industrie? Möchte Beloufa darauf hinaus? Sind wir in einer subtilen Lockdown Kritik? Oder eben doch einfach nur in einer Welt, in der ich permanent Profile und Passwörter anlegen muss? All diese Passwörter! Kein Hirn kann Kapazitäten haben für so viele Passwörter. (Hier ein kurzer Tipp zum Passwort erstellen: Nehmen Sie eine Zeile aus einem Ihrer Lieblingslieder und reihen Sie die Anfangsbuchstaben aneinander. Am Ende ergänzen sie die Buchstaben mit dem Erscheinunsjahr des Liedes. Beispiel: “Oops, I did it again, I played with your heart” ergibt das Passwort: O,Idia,Ipwyh2000)
Ok, wieder zurück zur Ausstellung, oder vielleicht doch noch mal kurz zurück zu Covid, dem goldenen Zeitalter von digitalisierten Gatekeeping-Strategien. Ich hatte das erste Mal im Herbst 2020 Covid. Das war noch bevor es die Impfung gab. Ich war beinahe beeindruckt davon, wie dumm mich Covid macht. Alles war in tiefen brainfog getaucht. Manchmal frage ich mich, ob der brainfog geblieben ist. Ob ich manche Sachen seitdem einfach nicht mehr verstehe? Wie diese Ausstellung zum Beispiel. Ich verstehe das hier alles nicht. Warum passiert das? Warum muss ich das machen? Und wieder: Warum ist das alles so hässlich? Ja, nicht nur hässlich, eher banal. Etwas Hässliches kann ja sogar noch interessant sein, aber das hier, das ist abstossend in seiner seelenlosen Piktogrammhaftigkeit. Kein Objekt kann es schaffen, auch nur einen Hauch von Bedeutung zu behalten, wenn es so gestaltet ist. Neben den schrecklichen Schaumschnitzobjekten hängen auch noch zu allem Überfluss CNC gefräste MDF Platten an den Wänden. MDF ist wohl das absolute Ende jedweder Poesie und auf diese Platten sind dann auch noch (in Raum 3) AI-artige Glitschanimationen projiziert, in denen sich Stimmen über Pronomen und Yogalehrer*innen lustig machen. Wo bin ich hier gelandet? Warum hört das nicht auf? Warum muss ich immer noch mein Handy irgendwo einscannen, nur damit dann nichts passiert. Ich hasse diese Ausstellung mit jeder Faser meines Körpers und will hier nicht mehr sein. Aber wie schon beim Erstellen meines Profils am Eingang: Hat man einmal angefangen, will man es irgendwie auch zu Ende bringen.
Beloufa nutzt den letzten – den eigentlich schönsten – Raum des Erdgeschosses der Basler Kunsthalle dann für riesige Projektionen eines Video-Sammelsuriums. Ich habe innerlich wirklich aufgegeben an diesem Punkt. Aber dort ist eine letzte Scan-Maschine. Also, einmal noch! Ich scanne den QR Code auf meinem Handy – der Saaltext verspricht, dass nun ein speziell für und mit mir erstelltes Video hier live gerendert und projiziert wird – und die Maschine sage: “Please choose your objects on terminal D first”. Das System weigert sich. Ich habe nicht brav genug mitgemacht.
Es kann im letzten Raum – im Grande Finale – gar nichts von und mit mir erstellt werden, wenn ich vorher nicht all die endlosen und absurden Schritte durchlaufen habe. Wer nicht hörig partizipiert in den sinnentleerten Pseudoindividualisierung darf halt eben am Ende nicht mehr mitmachen. Das ist wirklich irgendwie eine guter Beschrieb unserer Zeit. Und ich hasse es so sehr…
