Hoch oben in einer naturgeschützten Berglandschaft streichen wir zu zweit durch einen kühlen Nadelwald. Die umgestürzten, kahlen Baumstämme wurden liegengelassen. Mit der Zeit wurden ihre Stämme überwachsen und sind zugewuchert. Vor kurzem hat es geregnet. Jetzt riecht es nach Nadelwald und kühler Verwesung. K. freut sich über die Moospolster, greift in jedes hinein und geniesst es, die Feuchtigkeit und Weichheit zu spüren. Dann nähert sie sich mit der Nase den Wölbungen und sagt: «Oh, das riecht so gut! Am liebsten hätte ich bei mir zu Hause einen ruhigen Moosraum, wo ich mich nackt hineinlegen kann und wo ich das Moos an meinem ganzen Körper spüre!»
Zuerst zaghaft, denn irgendwo in mir sitzt eine unbegründete Scheu, beginne ich K.s Gesten nachzuahmen. Meine Fingerkuppen streichen leicht über grünbraune, rauweiche, borstig-feuchte Oberflächen. Wie angenehm sich das anfühlt! Dann nähere ich mich den lieblichen Hügeln mit meiner Nase und merke, dass jedes Kissen anders riecht. Ich beginne die verschiedenen Moosarten nach Form, Farbe und Geruch zu unterscheiden. Ich kann riechen, ob sie auf einem toten Holz, auf einem Stein oder einem Erduntergrund wachsen. Beim ersten füllt sich meine Nase mit dem Duft von Pilz, beim zweiten mit dem nach einem dieser alten, kühlen Keller, die noch einen offenen Erdboden haben und beim dritten riecht es erdig-herb nach Vetiver.
Während ich noch den Schlaf aus meinen Augen wegblinzle, spazieren wir unter der etwas schmierigen, warmen Morgensonne durch die naturgeschützte Grosse Allmend im Norden von Frauenfeld die Murg entlang. Während meine Gedanken an unserem Gespräch rund um Lohnarbeit festkleben, erhasche ich aus dem Augenwinkel, wie Soldaten auf der anderen Flussseite trainieren. P., die schnell auf ihren vier Beinen neben uns her trippelt, wird unruhig und flitzt noch schneller auf und ab. Ich teile diese aufkommende Anspannung mit ihr. Meine körperliche Reaktion ist jedoch eine genau gegenteilige: Bei starker Anspannung verfalle ich als Erstes in eine Art Starre und versuche nicht hinzuschauen, bis kurz darauf ein übertriebener Tatendrang – und manchmal auch Tatenzwang – einsetzt.
Ich lehne mich über das Geländer und schaue in die Thur hinunter. Hinter mir donnern die Fahrzeuge über die Rorerbrücke. Ich sehe khakigrüne Algenfinger, wie sie massig im Fluss hin und her streichen und wie sich vor ihnen dicke Fische in einer flachen Wasserschicht wenden. Bachforellen? Schleien? Auch die Webseite des Fischereivereins Frauenfeld hilft meinem ungeübten Auge beim Versuch der Einordnung nicht. Trotzdem erkenne ich, dass ihre Körper fast die ganze Flusstiefe ausfüllen. Etwas weiter flussabwärts wird meine Wahrnehmung von einem laminierten, auf einem Holzpfahl befestigten Papier weiter verstärkt. Das offensichtlich notdürftig handgemachte Schild bittet Passant:innen dieses Gebiet nicht zu betreten – um den Fischen eine Chance zu geben. Wegen der grossen Trockenheit hat der Fluss wenig Wasser und die Fische können sich nur in einigen wenigen Becken erholen.
Dann sehen wir die Kühe, wie sie zusammengequetscht und faul unter der einzigen Eiche auf dem Feld liegen. Und L. erzählt vom Urlaubsbaumhaus, in dem sie mit ihrer Geliebten keine zweisamen Nächte mehr verbringen und entspannt einschlafen konnte, denn die Schafe unter dem Haus hätten wegen der Hitze den Rhythmus umgestellt und würden jetzt in der Nacht grasen und bimmeln.
Die Hitzewellen 2026 haben wieder ein paar Menschen zu unserer Klimabewegung gebracht. Sind es genug? Können wir so etwas erreichen? Was müssen wir genau tun? Ein Unbehagen begleitet mich. Ich empfinde ein starkes Gefühl von Kaputtgehen. Und, dass ich zu langsam, zu erstarrt sei. Ja, dieses Jahr habe ich vermehrt den Weltuntergang gespürt.
Vor kurzem hat mir eine Freundin mein Horoskop vorgelesen. Sie hat es von Google – oder war es eine AI gewesen? – erstellen lassen. Abgesehen davon, dass die jetzt meine persönlichen Daten haben, ist dabei nichts Neues rausgekommen. Und Bestätigung von bereits Bekanntem nehme ich eigentlich immer leichtherzig und mit offenen Armen entgegen. So empfing ich, dass in mir ganz viel Sturheit sei und dass diese möglicherweise meiner neuen, schönen Beziehung zum Verhängnis werden könnte. Und dass da ausserdem auch ganz viel Optimismus in mir sei.
Nun, so klang das gerade eben nicht.
Vor meinem inneren Auge sehe ich noch die Silhouette der Arbeit «Scala» von Z. Diese ortsspezifische Videoinstallation im Kunstmuseum Thurgau befindet sich im ehemaligen Weinkeller des Karthäuser Klosters. Die Figur sitzt auf einer Treppenstufe beim Nebeneingang und wippt mit den Füssen. Sie wartet. Irgendwie unbeweglich und stoisch und irgendwie auch ganz gelassen und friedlich. Als ich die Arbeit entdeckte, testete ich mit meinem Fuss, ob der echte Treppenabsatz ins Bild projiziert sei – und tatsächlich, direkt vor der Person erscheint der Schattenabdruck meines stark behaarten Schienbeins. Irgendwie war ich fasziniert von der Interaktion mit diesem Bild, auch wenn die Person nicht auf meine neue Anwesenheit reagierte. Laut dem Ausstellungstext geht es der Künstlerin «viel ums Alleinsein.» Genau dieses Alleinsein mag ich, wenn ich auf dem Berg bin. Doch hier provozierte die rhythmische Regungslosigkeit der Figur schon fast meine Anwesenheit.
Irgendwann finden wir uns im Weinkeller wieder und sprechen über die imposante Installation von J., die im gleichen Raum ausgestellt ist. Die vom amerikanischen Künstler gewählte Schrift ist so überdimensioniert und die Sprache mir so unverständlich, dass ich den Text weder lesen noch verstehen konnte. Zusammen folgen wir dem Treppenaufgang und treten ans gleissende Tageslicht.
Die Schattenfigur nehme ich zärtlich als ‘geduldige Warter:in’ – oder als ‘geduldige Wärter:in’? – mit mir mit. Ich möchte sie gerne als Gegenpol zu meiner schwer zu bändigenden ‘Melancholia’, die ich als Personifikation aus meinen Klima- und Zukunftsängsten geformt habe, behalten. Ich hoffe, die neu gefundene Begleiter:in hilft mir, wenn zweitere wieder einmal versucht, mich gnadenlos zu Fall zu bringen.
