Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Backrooms – Euer Horror ist mein Job

Am 12. Mai 2019 lud ein anonymer User ein unscharfes Foto von einem gelblichen Raum – den Internetforschende seitdem als ehemaligen Geschäftsraum eines Oshkosh Ladens in Wisconsin identifiziert haben – auf einen dem Paranormalen zugetanen Thread der Internetplattform 4chan. Aus diesem Post der “Backrooms” – ein Ort, in dem man nach Befürchtung anderer Nutzer*innen, wie in einem Computerspielgrafikfehler verschwinden könnte – wurde eines der dominierenden Internetphänomene der letzten Jahre und nun auch im Jahr 2026 der erfolgreichste Film der Kinogeschichte. 

In diesem vom gerade erst 24-jährigen Kane Parsons gedrehten Horrorfilm entdeckt der therapiebedürftige Besitzer eines Möbeldiscounters, dass er im Keller seines Geschäfts durch eine weiss Wand gehen kann und auf der anderen Seite in einem (schier) endlosen Labyrinth aus gelblichen Büroräumen ankommt. Nach anfänglichem Unglauben entwickelt diese sonst eher überforderte Hauptfigur einen immensen Forchungsdrang und erkundet die Backrooms-Räume einen nach dem anderen. Immer wieder gibt es eigenartige architektonische Verzerrungen in den Räumen. Ausserdem gibt es dort Objekte. Im ersten Raum – also dem direkt “hinter” dem Portal zum Keller des Möbelgeschäfts – liegt ein Haufen Stühle. Kurz darauf begegnet man einem Stop-Schild, auf dem die Schrift jedoch spiegelverkehrt ist. Es folgen Fragmente von Werbebannern, halb im Boden versunkene Möbel, Haufen von Kleidern und immer wieder Stühle. 

All dies, so sagte mir meine in einem Büro für medizinische Testverfahren arbeitende Begleitperson an diesem Kinoabend, sei so unheimlich. Man merke sofort, dass da etwas nicht stimme. Es sei richtig gruselig, wie diese Räume so end- und sinnlos in sich selbst verlaufen. Die erkennbaren, aber ihrer eigentlichen Funktion beraubten Objekte lösten eine Unruhe aus. Da sei etwas nicht richtig. Da wäre etwas verrutscht in der echten Welt, das hier zur ganz unheimlichen Parallelwelt der Backrooms führe. 

Während der knapp zwei Stunden Backrooms-Odysse im Kino habe ich keine schlechte Zeit, aber eines fühle ich nicht: Beklemmung. Da ist keine Angst, kein Grusel. 

Denn: Ich kenne diesen Ort. Das ist genau, wo ich arbeite. Ich bin hier zu Hause. 

Dieser “Horror” ist mein Atelier. In diesem “Albtraum” möchte ich ausstellen.

Tatsächlich ist mein Atelier ausserhalb Basels in einem ehemaligen Bürogebäude mit eigenartig verschachtelter Architektur. Unser ekliger Teppich ist nicht gelb, sondern grün, aber das sind Details. Auch hier stehen überall Sachen rum. Das Licht flimmert und flackert. Übel lauert scheinbar überall. Vor allem im nicht mehr funktionstüchtigen Lastenaufzug, mit dem ich trotzdem fahre. 

Viel mehr noch muss ich aber beim Betrachten der Backrooms an den diesjährigen Basel Social Club denken, der unter dem Titel “Büro” in ehemaligen UBS Räumen (und deren Kellern) veranstaltet wurde. Auch hier folgte in einem endlosen Labyrinth Raum auf Raum mit bizarren und eigenartig entfremdeten Objekten. Und ähnlich wie in den Backrooms im Kino geisterten im BSC unheimliche Gestalten in Form von performenden Kunstschaffenden oder betrunkenen Teenagern durch die sich immer weiter ausdehnenden Gänge voller Absurditäten. 

Die Backrooms im Film von Parsons sind für mich komplett als Kunstausstellung zu lesen. Ich habe fast das Gefühl, dass ich jeder der dort herumstehenden Eigenartigkeiten – die ja anscheinend Unbehagen auslösen sollen und können – eine Künstler*in zuordnen könnte, der/die eben jene geschaffen hätte. Ein Stapel Stühle? Ai Weiwei. Fragmentierte Banner? Katja Novitskova. Zerschnittene Möbel? Sung Tieu. Verzerrte Strassenarchitektur? Elmgreen und Dragset. 

Und dazu natürlich noch all die Künstler*innen, die selbst unheimliche und endlose Architekturen bauen, wie etwa Gregor Schneider. Oder solche Orte malen, wie vielleicht Giorgio de Chirico. 

Die erste Frage, die sich mir stellt, ist: Bin ich gegen Horror immun, weil die Kunst mich abgehärtet hat? Bin ich so gewöhnt daran, dass meine Sehgewohnheiten und Paradigmen herausgefordert werden, dass mich solche Monstrositäten und Instabilitäten nicht mehr erschrecken können, wenn sie mir filmisch begegnen? 

Oder noch viel spannender: Ist die Kunstwelt wie ein Horror-Film für Menschen, die nicht gewohnt sind, mit Kunst zu interagieren. Immer wieder merkt man, dass eine breitere Bevölkerung nicht nur Skepsis, sondern beinahe Abscheu entwickelt, wenn es um Kunst geht. Kunst wird dann klein geredet, als verrückt verschrien, oder sonst wie abgewertet. Ist das vielleicht gar nicht (nur) Ignoranz, sondern ist dies einem Unbehagen geschuldet, weil Kunst ähnliche Strategien und Ästhetiken verwendet wie Horror? 

Im Horror werden häufig gesellschaftliche Definitionen in Frage gestellt, um das Publikum zu verunsichern. Es gibt diverse Theoretiker*innen und Journalist*innen, die reflektiert haben, dass möglicherweise ein Grund, warum viele queere Menschen Horrorfilme mögen, ist, dass es hier eine Art Repräsentation von Queerness (wenngleich auch zum Erschrecken) gibt. Uneindeutigkeit von Geschlechterrollen ist ein klassisches Horrormotiv. Norman Bates aus Hitchcocks “Psycho” ist ein Archetyp des Horror-Bösen. 

Lässt sich diese Horror-Queerness-Schnittmenge auch auf Kunst übertragen? Kunst will hinterfragen und verblüffen. Sie will gängige Denkweise aufbrechen und neue Möglichkeitsfelder erschliessen. Das kann – und soll – befreiend wirken, aber für jemanden, der/die sich im begrenzten Möglichkeitsfeld bequem eingerichtet hat, ist dieses Befragen von Hegemonien vielleicht eher ein Schrecken denn ein Hoffen. 

Sind Künstler*innen also Monster für Herrn und Frau Otto–Normalwurst? Sind unsere Ausstellungen in verrotteten Hotels, verlassenen Farmen, geschlossenen Büros, verrammelten Garagen, einsturzgefährdeten Banken und kalten Fabrikhallen Orte des Grauens, in denen sich das bürgerliche Publikum nach dem ZDF Fernsehgarten sehnt? Ich fürchte, ich weiss die Antwort. Aber gleichzeitig will ich mich in Selbstexotisierung auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen mit Unterstellungen gegen das Bürgertum am Jägerzaun. 

Die Backrooms und ihr vermeintlicher Horror lassen mich dennoch viel sinnieren. Was ist uns unheimlich? Wo ist uns wohl? Wie viel (Un-)Bestimmtheit braucht die Welt, um sich richtig anzufühlen?