Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Shine bright like a Leuchtkasten / Out of the dark, into the Leuchtröhrenskulptur

In seiner 1931 verfassten Habilitationsschrift führt der leider sehr früh verstorbene Kunsthistoriker (und Autor eines charmant schwülstig-schwafelnden Bildungsromanes) Ernst Michalski den Begriff der “ästhetischen Grenze” ein. Hinter der sehr komplex formulierten und gelehrt mit anderen Themenfeldern verknüpften Theorie steckt eine eigentlich sehr zugängliche Vorstellung: Für Michalski gibt es einen “Kunstraum”, die dem Werk immanente Welt, und einen “Realraum”, die ausserbildliche Wirklichkeit. Spannend wird es dann, wenn der Kunstraum in den realen Raum übergreift: Erst dann wird das ganze Potenzial von ästhetischem Schaffen offenbart.

Was hätte Michalski wohl zu seiner Habilitation alles hinzugefügt, hätte er die nächsten 70 Jahre Kunstgeschichte noch mitgekriegt? Gestellt habe ich mir diese Frage anlässlich der Besuche der beiden aktuellen Blockbuster-Ausstellungen des institutionellen Duopols Basel, dem Kunstmuseum und der Fondation Beyeler. Sowohl bei der grossartigen, von allen Seiten gelobten, aber eher auf Massengeschmack abzielenden Schau zu Jeff Wall in der Beyeler, als auch bei der eher sublimen und auf Sorgfältigste kuratierten Ausstellung “Dan Flavin: Widmungen aus Licht” im Kunstmuseum blicken die Besuchenden nicht einfach auf ein von ihnen abgetrenntes Kunstwerk, sondern sie werden polydirektional bestrahlt, beleuchtet, verführt, überwältigt. 

Bei Dan Flavins legendären Leuchtröhren wandelt das Publikum durch Räume gefüllt mit farbigem Licht. Nicht alleine die seriell hergestellten Objekte werden betrachtet; nein, mehr noch schaut man sich die Wände drumherum an, die Reflektionen auf dem Boden, auf den Kleidern und Gesichtern der anderen im “Realraum” präsenten Menschen. In der wunderbarst installierten Ausstellung steigert sich die Intensität der visuellen Erfahrung von Raum zu Raum. Wurde man eben noch von beinahe brachial hellen weissen Leuchtstoffringlampen geblendet (untitled (to a man, George McGovern) 2, 1972), wirken dieselben Lichtquellen und ihr Widerschein an den weissen Mauern nebendran nach Gewöhnung an die grüne Lumineszenz des darauffolgenden Abschnittes plötzlich rosa. Man kennt die optischen Täuschen von Kinderbüchern und aus dem Internet; trotzdem ist man angenehm irritiert, wenn man den Eindrücken der eigenen Seherfahrung retrospektiv plötzlich so wenig vertrauen zu scheinen kann. Selten kann man sich im Kunstmuseum Basel an derart gelungenen immersiven Schauspielen laben.

Kein Wunder ist es, dass auch der kanadische Künstler Jeff Wall sich auf Flavin bezieht. In seinem Essay “To the Spectator” von 1979 – bekannt u.a. als Einleitung des grossen Schaulager-Kataloges von 2005 – verweist Wall auf seinen US-amerikanischen Kollegen als Vorbild. Jedoch erweitert der Fotograf und Kunsthistoriker seine eigenen künstlerischen Appropriationen der Lichtindustrie auch auf Phänomene der Werbung oder der TV-Welt. Insbesondere seine leuchtenden Fotokästen sieht Wall in der Tradition der ins Wohnzimmer strahlenden Fernsehkästen. Auch die (wagt man es zu sagen?) beinahe ikonischen Werke fotografischer Montage der Schau in der Fondation Beyeler entsprechen grösstenteils dieser Ästhetik. Krass wirkt hier besonders das Spiel mit der Inszenierung: Die vermeintlichen Schnappschüsse Walls wirken in ihren riesigen Leuchtkästen verführerisch, überwältigend, ja beinahe bedrohlich. Michalskis Realraum wird hier invadiert von den hell strahlenden Dramen arrangierter Zwangsräumungen, theatraler Nachtclubvorplätze oder zusammengesetzter Windstossdurcheinander. Auch hier ändert sich die Befindlichkeit des Publikums von Raum zu Raum: Spätestens ab der fabelhaft unheimlichen Bauchrednerpuppe in Raum 9 flirrt einem so der Kopf, dass man die Räume nicht mehr präzise trennen kann. Ist das Gesehene jetzt real und nichtreal, sind wir in der Beyeler vorne oder in der Mitte des Rundgangs, befindet sich die Bauchrednerin im beleuchteten Keller oder im Tageslicht-Fenster-Erdgeschoss?! Da kann Michael Fried 2008 noch so viel Heideggers Konzept von “Absorption” (die Versunkenheit des Werkes in sich selbst) auf Walls sich nur um ihren eigenen Bildraum kümmernde Figuren anwenden. Diese aus dem Kasten leuchtende Bauchrednerpuppe überschreitet sowas von ihre “ästhetische Grenze” und kommt mich sowas von in meinen Träumen verfolgen. Ist es nicht grossartig, was Kunst alles bewirken kann?