Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

An Irène, von Irène

Selten fällt es mir so schwer, eine Verbindung zu einer Figur, einem Thema, einer (verstorbenen) Person, die ich nie gekannt habe, von der ich aber viel gelesen und gesehen habe, herzustellen. Normalerweise finde ich in den meisten Ausstellungen mindestens einen Aspekt, über den ich wochenlang sinniere, mit mir selbst im Kopf und auf dem Papier diskutiere und dann schliesslich in Form eines Textes anderen mitteile. Nicht bei dir, Irène. Als ich durch deine Ausstellung ‘Irène Zurkinden – Die Liebe, das Leben’ laufe, klingt fast nichts an. Hier und da finde ich etwas spannend, wie z.B. wie du den Blick der schauenden Person zu lenken versuchst, in dem du aus eher ungewöhnlicher Perspektive malst oder deine sexuell expliziten Zeichnungen, die mich an den Instagram Trend mit den Fingern in Früchten wie Orangen oder Mandarinen erinnern. Aber auch nach langem Überlegen habe ich keine Verbindung zu dir, Irène. 

In einem Artikel über das Führen von internationalen Teams habe ich von einer Studie zu Perspektivenwechsel gelesen. Das Forschungsteam zeigte Studierenden ein Bild eines alten Mannes, der neben einem Zeitungsstand sitzt. Die Studierenden wurden in drei Gruppen eingeteilt: die erste Gruppe sollte den Tagesablauf des Mannes beschreiben, die zweite Gruppe erhielt die Anweisung, keine Stereotypen zu verwenden und die dritte Gruppe sollte in Ich-Form schreiben und sich vorstellen, selbst der Mann neben dem Zeitungsstand zu sein. Das Ergebnis: «Viele Studierende aus der [ersten Gruppe] griffen auf negative Stereotype zurück und beschrieben den Mann als einsam, abhängig von anderen und krank. [Die Studierenden in der zweiten Gruppe], die Stereotype bewusst vermeiden sollten, wählten neutralere Formulierungen […]. Am positivsten fielen die Beschreibungen derjenigen aus, die in der Ich-Form schreiben sollten: Sie hoben die Weisheit des Mannes hervor, beschrieben seinen großen Freundeskreis und die Freude, die er in den einfachen Dingen des Lebens fand.» Also versuche ich das auch mal. Ich nehme eines deiner Bilder und schreibe in Ich-Form – als Irène Zurkinden – darüber.

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Selbstbildnis im Atelier von Max Ernst, 1936: https://www.artnet.com/artists/irene-zurkinden/selbstbildnis-im-atelier-von-max-ernst-aDfIuTOoMuut66wTSaEsSQ2

Heute bin ich bei Max im Atelier und darf netterweise hieraus arbeiten. Darf seinen Raum, seine Farben, seinen eigensinnigen Blick nutzen für meine Kreationen. Darum trage ich auch keine Hose, dafür ein Kopftuch und Ballerina Schuhe. Wenn man bei Max ist, wird es schnell surreal. Diesem Sog kann man sich nicht entziehen. Er schaut dich an und schon stellst du die Wichtigkeit von Beinbekleidung in Frage.

Meine Beine sehen etwas blass aus. Tatsächlich haben sie die gleiche Farbe wie meine Haare. Ich will wohl eine visuelle Verbindung zwischen meinen Beinen, meinen Fransen und des gelblich-blassen Portraits an meiner linken Seite herstellen. Was habe ich da gemalt? Eine Ente? Ein schlüpfendes Dino aus einem Ei?

Trage ich überhaupt gerade eine Unterhose? Ah ja, zum Glück schon! Für einen Moment war ich mir da nicht so sicher. Wie gesagt, der Sog von diesem Max…

Ich will ein Portrait von ihm malen, aber er möchte nicht. Er ziert sich, stellt lieber Fragen als still zu sitzen, möchte lieber über die Avantgarde sprechen. Mich langweilt das. Ich will Menschen in ihrem bekannten Umfeld malen und ihnen mit jedem Pinselstrich näherkommen. Jeder Pinselstrich ist wie das Schälen einer Zwiebelschicht, immer weiter nach innen, bis nichts mehr zu schälen ist. Das möchte ich mit Max heute tun. Aber er will nicht. Also stehe ich hier in seinem Atelier ohne Hose dafür mit Kopftuch und portraitiere irgendetwas vor mich hin.

Später treffe ich Meret auf ein ‘verre du blanc’. Sie weiss mich sicher zu trösten. Jedenfalls hoffe ich das, als ich mich mit meinen Zeichnungen aus Max’ Atelier auf die Boulevard Raspail mache. Meret wartet schon im La Coupole  – mit Hose, ohne Kopftuch.