Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Was ist eine Draisine? Wir wissen es nicht: Gedanken zum 9. Basler Draisinen Derby

Von Zauberhand gezogen gleitet auf Schienen
ein Gefährt und vier Wagen hinab in die Minen.
Tiefer und tiefer in eine Nacht aus Kohle
in ein Tal ohne Ende, ein Tal ohne Sohle

Dabei ist es gar nicht Geisterhand, welche die Draisine antreibt. Vielmehr sind es die Muskeln des Arbeiters, der seine Heimat unter trockenen Blättern von alten Bäumen verlassen hat, um nun sich selbst und den Stollen weiter in den Berg hineinzutreiben.

Die Draisine war einst erfunden als eine Art Laufrad für Wohlbetuchte. Erst in zweiter Inkarnation wechselte sie ihr Umfeld von den gut gepflegten, privaten Parkanlagen der Bourgeoisie auf die Schienen, welche sie stotternd unter Tage führen würden.

Glück auf, ruft einer, der gerade auf diesem Gefährt, das ähnlich quietscht und ächzt, wie die Gelenke des Lenkers, sitzt und sich mit ratternden Wagen voller Staub in Bewegung bringt. Der Schweiss aus dem Poren des menschlichen Maschinenmotors mischt sich mit Russ und es entsteht eine Paste, die alles verklebt.

Weil wir diese Arbeit nicht sehen möchten, muss sie unter Tage geschehen. Weil wir das Schlagen der Spitzhacken nicht spüren wollen, geschieht dieser Abbau von erstarrten Erinnerungen im Innern der Erde. Weil wir nicht selbst angstvoll lauschen wollen, ob der Kanarienvogel noch piepst, müssen die Räder der Draisine tief in den Stollen gepumpt werden und mit ihnen all die Arbeit sicher verdeckt werden, ohne die unsere Welt im Licht der Sonne zum Stillstand käme.

All das Nötige, das getan werden muss, all das Erforderliche, das der Erde aus ihrem Busen entrissen werden muss, damit sich die Räder drehen und drehen und drehen und drehen, das soll uns erscheinen wie von Geisterhand bereitgestellt. Die Arbeit ist unerkennbar eingebettet in die Dinge, die wir auf silbernen Podesten liegen sehen und kaufen wollen. Je grauenvoller die Arbeit verrichtet werden muss, damit diese Dinge, die wir zu wollen glauben, existieren, desto besser muss die Arbeit, die in den Dingen ruht, versteckt werden.

Deshalb reicht es nicht mehr, dass die Minen unter der Erde verborgen sind. Sie müssen auch geografisch entrückt werden, damit die Arbeit besser versteckt ist.

Nach Bolivien für Lithium, nach Peru für Kupfer, in den Kongo für all die Wunderstoffen, dank denen unsere kleinen Supercomputer piepsen und vibrieren. Dank denen aber auch Bürgerkriege finanziert werden können. Dank derer auch Kinder bleivergiftetes Wasser trinken. Dank denen aber auch die endlose Schönheit der den Himmel spiegelnden Salzseen in graue Wüsten transformiert werden.

Die Draisine weiss von alldem nichts. Sie lässt sich antreiben von jedem, der auf ihr sitzt. Die Draisine will auch nichts wissen von alldem. Sie gleitet einfach weiter durch eine Nacht, die mit ihrer Dunkelheit vor Fragen schützt.