Die Salami-Taktik beim Personalabbau beschreibt die Vorgehensweise von Arbeitgeber:innen, ihr Personal stückweise und über längere Zeit verteilt zu entlassen. Das Ziel ist, keine öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und den Widerstand (der Arbeitnehmer:innen, der Öffentlichkeit, usw.) so gering wie möglich zu halten. Für die Arbeitnehmer:innen bedeutet das, dass sie weder an den Veränderungen mitwirken können, noch ein Sozialplan – bspw. im Rahmen einer Abgangsentschädigung – für sie greift. Dies lerne ich per SMS von einem Bekannten, der Anwalt und Experte im schweizer Arbeitsrecht ist. Fast zeitlich blicke ich auf das Wallholz in Regenbogenfarben im Rehmann Museum und die Entlassungen in klar abgetrennten Stücken nehmen visuelle Form an. Sauber abgetrennt, es verläuft keine Farbe in die andere. Stillschweigend und ohne grosse Aufmerksamkeit zu generieren wird man vom Arbeitsalltag abgekapselt.
Eine wichtige Lektion der Zugehörigkeit lerne ich als 8-Jährige, die mit ihrer Familie von Nordmazedonien nach Basel migriert ist und noch kein Deutsch kann. Ich bin in der Fremdsprachenklasse einer gewöhnlichen Primarschule. Im Pausenhof wird Fussball gespielt, Znüni gegessen und Diddl Bilder ausgetauscht. Mein noch kaum vorhandenes Hochdeutsch bringt mich grad so durch die Interaktionen mit den Mitschüler:innen. Als ich auch Diddl Bilder tauschen will, sind meine Mitschüler:innen sehr nett, sprechen jedoch langsam und auf Hochdeutsch mit mir. Ich merke, dass sie mit anderen schneller und vor allem auf Baseldeutsch sprechen. Ich lerne an diesem Tag, dass ich Baseldeutsch sprechen muss, um wirklich dazuzugehören. Ich will nicht auffallen, will keine Spezialbehandlung. Ich will so sein wie sie.
Auf Albanisch – meiner Muttersprache – heisst nein jo und ja po. Auf Baseldeutsch heisst ja jo und nein nei. Als Kind brauche ich eine Weile, um diese scheinbar widersprüchlichen Logiken zu verankern und je nach Sprache so zu schalten, dass ich das sage, was ich meine. Das Hin- und Herschalten zwischen kulturellen und sprachlichen Codes wird mein neuer Modus Operandi. Im Vordergrund versuche ich mich so zu verhalten, dass ja keine Unterschiede zwischen mir und meinen Mitschüler:innen auffallen. Hinter dem Vorhang des angepassten kleinen Mädchens laufen mehrere Prozesse: mal gleichzeitig, mal nacheinander oder nebeneinander, mal komplementär zueinander, und immer öfter aufeinanderprallend.
Als frisch stellenlose Person frage ich mich nun, wo ich als Arbeitskraft dazu gehöre, hingehöre, hinein passe. Vor dem Hintergrund der globalen wirtschaftlichen Herausforderungen, der geopolitischen Konflikte und digitalen Transformation stellen sich nicht nur mir schwierige Fragen bzgl. meiner Fähigkeiten, die ich mir jahrelang mühselig erarbeitet habe. Werden diese in der Privatwirtschaft noch Verwendung finden? In welche Richtung soll ich mich entwickeln?
Ich beobachte eine tektonische Verschiebung, ein Auseinanderbrechen und wieder Zueinander-finden in neuen Konstellationen, eine notwendige Verschiebung der Perspektive. Wenn sich alles verschiebt, gibt es einen Moment, in dem man in der Luft schwebt. Die Angst vor diesem Moment ist schlimmer und lähmender, als das Erleben des eigentlichen Schwebens im luftleeren Raum. Das ist, was mich vor dem nächsten Schritt abhält.
“Die Neuwerdung ist wie eine Häutung”, hat mir mal jemand gesagt. Oder vielleicht hab ich das irgendwo auf Instagram gelesen oder geträumt. Die Tatsache ist, dass nichts Neues entstehen kann, wenn man nicht lernt, Altes und Bestehendes loszulassen. Es muss schliesslich Raum da sein. Jedoch sollte ich meine Herangehensweise ändern und anstatt mich zu fragen ‘Passe ich da rein?’ eher zu fragen ‘Wo möchte ich dazu gehören?’. Diese Umdeutung gibt mir Spielraum und ortet die Deutungs- und Lesart bei mir anstatt bei den anderen. Anstatt mich zu fragen ‘Wie lerne ich am schnellsten Baseldeutsch?’, hätte damals vielleicht die Frage sein sollen ‘Bei welchen Schulfreund:innen fühle ich mich am wohlsten, so zu sprechen, wie ich kann – auf Hoch- und Baseldeutsch und vielleicht auch Albanisch?’. Für diese Frage war ich damals schlicht zu jung. Heute bin ich älter und weniger beeinflussbar.
Und doch ist die Realität, dass die dominierenden Deutungs- und Lesarten wenig Spielraum für andere Sichtweisen lassen. Immer wieder ist es ein Ringen um Raum, Rechte, Würde. Immer wieder muss ich mich in den luftleeren Raum begeben und mich trauen, den nächsten Schritt zu machen. Das erschöpft. Gleichzeitig hat es mich viele Strategien und Fähigkeiten gelehrt, die ich wieder anwenden kann, um dorthin zu gehen, wo ich dazugehören will. Vielleicht ist das einer der Vorteile, wenn man als Mensch lebt, der aufgrund der eigenen Identität Mehrfachdiskriminierung erfährt – irgendwann lernt man den Spielraum für sich so zu nutzen, dass es für einen selbst passt. Nicht für die anderen, nicht für euch. Für mich. Und sich nicht zu fragen ‘Passt das alles zusammen?’ sondern zu sagen ‘Ist doch scheissegal. Für mich passt’s.’
