Wenn das Natel schon gefährlich hochfrequentiert mit dem Deutschen Handynetz flirtete, dann war man wohl für eine Ausstellung im Mayday. Der am Ostquasi gelegene Offspace – der für die letzten eineinhalb Jahre durch den Nebenraum Signal komplementiert wurde – schloss im März mit einer rauschenden Sause seine Pforten. Bei einem Besuch im Mayday war es für jede Ausstellung aufs Neue wieder aufregend zu sehen, wie die eingeladenen kunstschaffenden Personen auf den dominanten rostigroten Kachelboden der ehemaligen Arbeiterumkleide reagieren würden. Diese spannungsvolle Erwartung war dem Mayday irgendwie zu eigen. Immer wieder fragte man sich, was dort im Äther der Dreiländerluft so geschehen würde. Als das Mayday-Team beispielsweise als Event zur Ausstellung von Toni Schmale die Künstler Nils Amadeus Lange und Mario Espinoza einlud, um eine Performance zum Titel “watersports” zu zeigen, konnte man es vor Spannung kaum aushalten, weil man wissen wollte, ob die beiden dies wohl als Anlass nehmen würden, um sich oder den Raum kunstvoll anzupinkeln.
Ähnlich spannend war das Abschlussfestprogramm, das Eva-Maria Knüsel und Camillo Paravicini zusammen mit Jasper Mehler und Ruben Stauffer zusammengestellt hatten. Die Namensliste war mit Sophie Jung, Sabrina Röthlisberger Belkacem & Vani Adjoubei und Floris Maniscalco schon beeindruckend. Aber besonders spannend war es doch zu sehen, was aktuelle*r Wahl-Basler*in Mykki Blanco dem in Scharen herbeigeeilten Publikum wohl bieten würde. Mykki erschien mit grüngeschminktem Gesicht und grauer Perücke als der Charakter “Christoph Merian Strasse”. Im Laufe einer knappe Stunde verfeuerte der Rapper* und Künstler* ein Feuerwerk an eklektischen Momenten. Es gab französische Omelettes, Klagen über die Qualität der Gesundheitsversorgung von queeren Personen, Viva Palestina Rufe, musikalische Einlagen und dann schliesslich sogar eine Publikumstattooierung mit einem “Fist my Hole” Tattoo (temporär).
Nachdem Blanko einen riesigen Schokoosterhasen verlost und private Textnachrichten vorgelesen hatte, öffnete Blanko für das grosse Finale seine mitgeschleppte Aktentasche und warf enthusiastisch 90er-Jahre-Schwulenporno-Postkarten in das schon recht benebelte Publikum. Ich möchte an dieser Stelle nicht gestehen, wie viele dieser wundervollen kulturellen Artefakte ich vom klebrigen Ostquai Boden aufgelesen habe. Vielleicht zeichne ich den unfreiwillig komisch arrangierten Muskelhaufen auf diesen Postkarten im Laufe des Jahres Nikolausbärte und verschicke sie Ende Jahr als Weihnachtskarten. Damit können diese Bilder zyklisch im Umlauf bleiben. Ich hoffe nur, dass dann im Fall der Fälle meine Tanten und Onkel die gleiche Überforderung in der geschmacklichen und moralischen Grauzone erleben können, die ich bei der Performance von Mykki erlebt habe.
