Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Dinge, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an Gyms denke

Inhaltshinweis: Depression, Angst, gestörtes Essverhalten, Hass gegenüber Gyms

  1. Ich hasse Gyms 

Den Geruch, die Spiegel überall, die Sports-Drinks-Trinkenden in viel zu engem Sports Gear, die sich eine Trillion Mal in den Spiegeln begutachten. Den Geruch – eine Mischung aus Schweiss, schmutzigen Sportgeräten, Vitamin Water und Testosteron. 

Warum ist es hier so hell? 

Warum nehmen alle ihr Workout so ernst??

Wo sind die Snacks???

  1. Wie muss ein Gym aussehen, damit Sie gerne dorthin gehen?

Meine Therapeutin stellt diese Frage, wohl wissend, dass ich mir lieber Nadeln in die Augen stechen würde, als freiwillig in ein Gym zu gehen. Ich antworte: Ein Ort, an dem sich alle wohlfühlen, an dem wir tanzen und Mimosas trinken können, von denen man kein Sodbrennen bekommt, und an dem Alkohol nicht zu Angstzuständen oder einem Kater am Morgen danach führt, und an dem es statt Sportgeräten Drag Queens gibt, die uns ins Voguing einführen.

  1. Als ich mich für meinen Körper zu schämen lernte

Ich war etwa 8 oder 9 Jahre alt, zwei Jahre zuvor waren wir in die Schweiz migriert. Es war Sommer und ich hatte passend zu den Spätneunzigern eine Bikershorts-ähnliche Shorts und ein Crop Top in lila an. Mein Bauch schaute aus dem Crop Top raus. Einer meiner Onkel, die an diesem Abend beim Familientreffen da waren, schaute auf meinen Bauch und meinte: “Du bist aber dick geworden. Das Essen in der Schweiz muss dir wohl schmecken.” Im ersten Moment wusste ich nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Kurz danach überkam mich aber eine Scham, die ich bis anhin nicht gekannt hatte. Ich fühlte mich durch seinen Blick und seine Aussagen verletzt; sie hatten etwas Unbekanntes in mir berührt, etwas Intimes, etwas, das ich bis heute nicht richtig beschreiben kann. Auf die Scham und die Trauer, die die Blicke und Äusserungen vor allen anderen Familienmitgliedern ausgelöst hatten, konnte ich nur mit Tränen reagieren. Ich versteckte mich im Schlafzimmer meiner Eltern und weinte und fühlte mich elend. Eine meiner Tanten fand mich und versuchte mich zu trösten. Sie meinte, ich sei gar nicht so dick und mein Onkel habe nur einen Witz gemacht. Man nehme zu und dann auch wieder ab, das sei normal. Ich könnte versuchen, mehr Gemüse zu essen. Und ich solle nicht auf andere hören. 

Ich fühlte mich etwas besser. Doch die überwältigenden Gefühle hielten an. Irgendwann kam mein Onkel zu mir und meinte, es täte ihm leid. Er habe das nicht so gemeint. Ich sei gar nicht so dick. Es sei alles gut und ich sei gut, wie ich bin. 

Ich fühlte mich nicht wirklich besser, obwohl mir die Entschuldigung guttat. Ich war verwirrt. Was stimmte nun? War ich gut, so wie ich bin oder musste ich abnehmen? Auf wen sollte ich hören und auf wen nicht? Wovon sollte ich mehr essen und wovon weniger?

All diese Fragen verwirrten mich. Es war diffus und viel zu komplex für ein junges Mädchen. Eines verstand ich jedoch ganz klar: Dick zu sein war schlecht. Man war nicht gut, wenn man dick war. Und wenn es passierte, dass man dick geworden ist, dann musste man etwas unternehmen, um wieder schlank zu werden. Dick zu sein bedeutete, anders zu sein, nicht dazuzugehören. Dick zu sein bedeutete, dass man den Äusserungen der anderen ausgeliefert war, dass sie alles über dich, dein Essverhalten, deinen Selbstwert sagen konnten. 

  1. Hast du Lust, in der Mittagspause an unserer Outdoor-Crossfit-Session teilzunehmen?

Meine Arbeitskollegin meint es absolut ernst, als sie mich das fragt. Und es ist nicht das erste Mal. Jedes Mal, wenn wir uns im Büro über den Weg laufen, hat sie das Bedürfnis, mich zu ihrem wöchentlichen Training einzuladen. Warum?! Siehst du nicht, dass ich damit beschäftigt bin, Kuchenreste zu essen und dir aus dem Weg zu gehen? 

Danke, Karen, heute nicht. Ich muss erst noch einen Tag finden, an dem ich eure kollektive Art, euch zu quälen, attraktiv genug finde, um es auszuprobieren. Bis dahin versperre mir bitte nicht den Weg zum Snack-Tisch. 

  1. Wann hört es auf?

Bei der Lektüre von Roxane Gays “Hunger” kann ich meine Tränen nicht zurückhalten. Ihre Schilderung, wie sie als Kind missbraucht wurde, was dazu führte, dass sie ass und ass und ass, klingt zu bekannt, und ich bin nicht bereit, mich dieser Wunde gerade jetzt zu widmen. Wie kann Essen uns so viel Trost spenden, wenn wir ihn brauchen, und uns trotzdem langfristig so sehr schaden? Wann hören wir auf, nur zu überleben? Wie wird Gewalt von Aussen zu Gewalt von Innen, mischt sich mit Gewalt von Aussen und stachelt wieder die Gewalt von Innen an – in endloser Wechselwirkung zueinander? 

  1. Unsichtbar und zu gut sichtbar zugleich 

Ich verspüre den Drang, mich zu verstecken, mich klein zu machen und nicht zu viel Platz einzunehmen. Gleichzeitig möchte ich gesehen und gehört werden, ich möchte gross und laut sein, ich möchte den Raum einnehmen, der mir zusteht.

  1. Wie ist es, sich im eigenen Körper geborgen zu fühlen?

Wie fühlt es sich an, wenn man mit seinem Aussehen zufrieden ist, wenn man das Gefühl hat, dass man so, wie man ist, gut ist, wenn man sich selbst mag? 

Ich betrachte mich im Spiegel und stelle mir eine Version von mir vor, die mit sich selbst im Reinen ist – zufrieden, ruhig, glücklich. Was wäre, wenn ich einen Tag lang sie wäre? Was würde ich tun, wie würde ich mich verhalten, wie würde ich meinen Tag verbringen? Wie würde ich sprechen, küssen, streiten? Wie würde ich gehen, mich bewegen, atmen?

  1. Essen beruhigt mich…

…und deshalb stecke ich in diesem Teufelskreis fest aus Angst, essen, um mich zu beruhigen, zunehmen, Angst vor dem Zunehmen, sich unwürdig fühlen, sich beschissen fühlen, sich ängstlich fühlen, essen, um mich zu beruhigen, und so weiter. 

  1. Dada Tule 

Dada Tule bedeutet auf albanisch Tante Specki. So nennen wir meine Nichte, die zweijährige, lustige Maus, die unbekümmert in der Badewanne zu den Liedern aus ihrer Toni Box tanzt. 

Dade lässt sich am besten zu Auntie auf Englisch übersetzen – also eine etwas ältere Tante, die nicht zwingend deine Blutsverwandte sein muss, sondern eher eine gemütliche, ältere, wohlwollende Bezugsperson sein kann. Und Tul bedeutet weiches Fett; das Fett, das man schön zwischen Zeigefinger und Daumen kneifen kann, z.B. am Oberschenkel. 

In meiner Familie nennen wir meine Nichte Dada Tule, weil sie viel weiches Fett hat, das wir zu kneifen lieben. Und ihre grossen Wangen lassen sie eben wie eine Auntie aussehen. 

Es ist ein zärtlicher und liebenswerter Ausdruck unserer Wertschätzung für sie. Wir feiern Tante Specki regelrecht. Wir lieben ihr Lachen, ihre Art zu tanzen und eben ihr weiches Fett.

  1. Ich hasse Gyms so sehr

Die Menschen, den Geruch, die Spiegel, ich in enger Sportbekleidung, Fred again in Dauerschleife hörend. Ich versuche, an einem Ort, den ich verabscheue, zurechtzukommen, und versuche, ehrlich zu mir zu sein. Denn eigentlich mag ich das Gefühl nach einem Workout. Ich mag es, wie erschöpft sich mein Körper danach anfühlt, ich liebe es, mit Endorphinen überflutet zu werden, ich liebe es, am selben Abend ein- und durchzuschlafen. 

Es ist nur das Gym als Ort, den ich hasse. Dort gibt es nie Snacks und keine Drag Queens. Wie soll ich mich an so einem Ort wohlfühlen?