“The Future belongs to those who believe in their dreams – Eleanor Roosevelt” steht auf dem Spiegel, vor dem ich mich gerade für ein Selfie positioniert habe, in einem Zimmer des NOMAD Hotels in Basel. Tut sie das? Wem gehört die Zukunft? Und hat Eleanor Roosevelt das überhaupt gesagt? Roosevelt ist wieder mal eine der vermutlich beeindruckenden weiblichen Figuren der Geschichte, von denen ich quasi nichts weiss, ausser mit wem sie verheiratet waren. Eleanor eben mit einem dieser handvoll ikonischen amerikanischen Präsidenten, über den ich aber eigentlich auch nichts weiss. Was hat Teddy Roosevelt so gemacht? Ich glaube, er wurde nicht erschossen. Ist er einer der vier auf Mount Rushmore? Musste seine First Lady – eben jene Eleanor – auch schon den Garten des White House betreuen und die Weihnachtsdekoration auswählen?
Ich will mehr über den Kontext des Zitats erfahren und google “Eleanore Roosevelt future dream” und als Erstes erscheint ein Profil auf LinkedIn. Soweit, so voraussichtlich unhilfreich. Das Profil ist von Kaela H. und die ist Dental Operations Manager. Kaela schmückt ihr Professional Profile mit: “The future belongs to those who believe in the beauty of their dreams.” – Eleanor Roosevelt. Das ist ja schon mal sehr anders als Aussage. Ich muss also nicht nur träumen und glauben, das Ganze muss auch noch schön sein. Was ist aber, wenn meine Träume nicht so schön sind? Ich kann mich eigentlich sowieso selten an meine Träume erinnern. Und wenn ich mich erinnere, dann sind es häufig Träume, in denen ich meinen Zug verpasse.
Ich verstehe aber auch, dass gar nicht diese Träume der Nacht gemeint sind. Es geht vielmehr um die grossen Träume, die Träume über mich und die Welt und über mich in der Welt. Andererseits muss man dann wieder sagen, dass, wenn dieser Satz in Bezug auf Träume aber in einem Hotelzimmer neben dem Bett geschrieben steht, der Begriff “Träume” so eigenartig ambivalent wird. Das Medium massiert die Träume hier dann doch ins Schlummerland. Bedeutungen werden so fluid, dass man sich fragt, ob es überhaupt relevant ist, von wo und wie die Worte von Frau Roosevelt auf uns zugeschwappt kommen. Ich will es aber dennoch wissen.
Mir ist noch nicht wirklich klar, was Frau Roosevelt eigentlich sagen wollte. In welchem Kontext hat sie von schönen Träumen gesprochen? Ich klicke weiter zum nächsten Google-Eintrag. Es handelt sich um die Website brainyquotes.com. Hier wird natürlich gar nichts kontextualisiert. Aber man kann sich aussuchen, ob man diesen Spruch von Roosevelt über einer Klippe, einer Blume oder einem Sternenmeer geschrieben haben möchte, bevor man diese generierte Grafik dann wahrscheinlich irgendwo im Internet weiterverbreitet. Bei dem so neu erstellten Bild wird dann unten am Bildrand brainyquotes.com als Referenz angegeben. Ist das dann quasi wie eine Fussnote? Oder einfach Werbung? Sind Fussnoten generell einfach Werbung? So wie Logos auf Sweatshirts? Du bist cool, weil ich dich trage/referiere und ich bin cool, weil ich dich trage/referiere?
Aber diese Werbe-Fussnote verläuft ja am Ende auch ins Nichts. Ich weiss immer noch nichts über den Kontext dieser Aussagen der First Lady. Was war denn die Schönheit ihrer Träume? Erfahren wir mehr davon auf reddit? Reddit ist sicher nicht einer der schöneren Orte des Internets, aber Link Nummer drei meiner Google-Suche. Jemand hat hier dieses beauty-dream-future-Zitat einfach unter r/quotes reingeklatscht. Erläutert wird nichts. Allerdings kommentierte User Robru3142: “She’s describing obsession. Selection bias lends support to the view that is ‘good’.” Well, I don’t know Robru, tut sie das? Ich appreciate hier schon deinen Versuch, mal wenigstens ein bisschen Kontext zu generieren, aber mir deucht, dass es in deinem Kommentar mehr um deine eigenen Themen geht. Wie ja eigentlich immer alle nur Kommentare ins Internet rotzen, die gerade in Ihrem Kopf rumschwirren, recht unabhängig von dem, worum es eigentlich gerade geht. Danke Reddit, Danke Robru, ich muss dann mal weiter.
Bei Google-Suchen-Link vier wird es endlich interessant. Ich lande auf quoteinvestigator.com. Jetzt kochen wir mit Gas, es kribbelt in den Fingerspitzen. Ich klicke auf den Link und trotz des miesen Page-Layouts sehe ich es sofort: “Prominent researchers such as Ralph Keyes, Fred R. Shapiro, and Barry Popik have been unable to find a substantive link to Eleanor Roosevelt who died in 1962.”
Hat sie also nie gesagt. Ich dachte mir sowas schon. Aber behauptet wird das überall und zwar laut quoteinvestigaor.com schon seit Mitte der 1980er-Jahre. Sie hat wohl ähnliches gesagt oder geschrieben. Liberty und Dreams tauchen immer wieder bei ihr auf. Aber das sind ja Begriffe, die in der Dreschmaschine des amerikanischen Pathos sowieso breitgeschlagen und ausgehöhlt wurden, bis hier nichts mehr irgendwas bedeutet.
In 1981 schrieb wohl die Kolumnistin Addie Philko: “When you stargaze tonight, remember — the future belongs to those who believe in the beauty of their dreams.” Das ist doch eine schöne Erweiterung der Aussage. Da bin ich plötzlich wieder bei dem Sternenhimmel, den mir brainyquotes vorgeschlagen hatte. Vielleicht sollte man für den Hotelspiegel lieber dieses Zitat verwenden und dem frisch eingecheckten und traumbereiten Gast eine dieser Sternenhimmelsimulationslampen zur Hand reichen. Sternenschauend unter Projektionen auf Betondecken träumt es sich vielleicht in Schönheiten, von denen Eleanore Roosevelt gar nichts hätte ahnen können, während sie der UN-Menschenrechtskommission vorsass, die zu diesem Zeitpunkt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausarbeitete. Das hat sie nämlich gemacht. Habe ich auch noch gegoogelt. Aber das liest sich nicht so schön auf Hotelspiegeln.
