Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Schreibworkshop «Unfinished Texts»

Am Donnerstag, 30. Juli 2026 fand in der Zwischenutzen des Unterwerk Bottmingens und auf Einladung des Kollektivs Ansichtssache der vom Q.U.I.C.H.E. Kollektiv geleitete Schreibworkshop «Unfinished Texts» statt. Gemeinsam erkundeten wir an diesem Nachmittag das Thema Unvollständigkeit – inspiriert vom Unterwerk, vom Sommer und von den Geschichten, die zwischen Orten, Erinnerungen und Menschen entstehen. Der Workshop lud dazu ein, spielerisch zu schreiben, ohne Leistungsdruck und ohne Anspruch auf «fertige» Texte.
Einige der an diesem Nachmittag entstandenen Fragmente von Teilnehmenden und auch von Kollektivmitgliedern sind hier nun erstmals veröffentlicht. Zusammen ergeben diese Texte ein Kaleidoskop voller Momentaufnahmen dieses besonderen Ortes und unseres wundervollen Spätsommernachmittages. Viel Spass beim Lesen. 


Ein zugemauertes Fenster und eine unterbrochene Treppe sind zwei unvollständige Dinge?

In einer funktionalen Welt zwei Sachen, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Sind incomplete. Diese sind Sinnbilder des Unvollständigen. Sie verweisen auf etwas, das einst möglich war oder vollendet werden könnte: die Mauer zwischen Imagination, Vision und das w


Inspiration

Ich gehe denkend in den Raum nachdem ich meine Schreibgruppe verlassen habe. Der Klang der Glocken aus dem zweiten Stock bewegt etwas in mir. Ich nehme wahr, wie ich ein leises Kitzeln in den Ohren spüre. Es stellen sich Härchen in mir auf. Die vielen Reize im Raum sind mir erst später bewusst. Besonders das Bild «first dance, then think» regt mich zum Nachdenken an. Weshalb sind wir in der Schweiz / an der Uni / so verkopft? Mir wurde das erst anfang dreissig bewusst, dass ich meine Sinne nicht mehr stark benutzt hatte. Tanzen, singen, mit den Händen fühlen. Doch das Bedürfnis nach Schmecken, fühlen, hören, ja hören, ist riesig. Aber nun denke ich über fühlen nach. Ich fühle nicht.

Fühlen, hören, wahrnehmen. Um diese Sinne einzusetzen, beende ich diesen Text, schliesse die Augen und lasse mich komplett auf den Raum ein.


Walle walle Trafo-Halle, Kolla-

boration, ein Tor für Kunst und Aktion.

Auf der ganzen Spannwerkstrecke

soll zum Zwecke

der Erleuchtung

mit vollem Schwalle

Power durch Kabel und Adern fliessen

Unheimlicher dunkler Gang

durch den unheimeligen, langen Gang

und am Boden Lichtschienen

die der Orientierung dienen,

ziehen mich hinein ins Dunkel

– ohne Umwege

im Hintergrund subtiles Gemunkel

skurrile Videobrocken in der Luft

im Raum installiert,

dann wurde ich über die Treppe hochgeführt

vorbei an ungeplanten Plänen.

Es rührt mich zu Tränen

wenn der Abbruch kommt.

Kunst in Räumen

zwischengenutzt

und an Wänden unverputzt

zwei Torwächterinnen säumen den Eingang zur Kathedrale

der Verunvollständigung.

-Annette Brüschweiler-Fabritius


Das Gehege hält die Discokugeln beisammen. Das Gehege ist ein stählerner Zirkus Maximus und bis auf weniges, das glitzert, ist es leer. Wer seine kleinen Bahnen laufen will im Gehege, muss immer wieder anhalten. Verschnaufen und müde umkehren. Das Gehege verneint den Kreis. Das Gehege kommt mit seiner Illusion von Weite hinter den Stäben. Tausend Stäbe und dahinter keine Welt, weiss der Tiger, schreibt der Dichter. Aber hier pirscht niemand auf und ab.

Das Gehege war nicht immer so. Es war nicht immer im Weg. Früher – vor dem Sturm – war es ein Bogen, der uns begrüssen wollte. Dann legte er sich hin und sagte: nein.


Wie hast du’s mit Sex in Hostelzimmern?

Ja

Nein

Vielleicht

Nur wenn niemand da ist

So viel wie ich das Gefühl habe, dass niemand es merkt

Müssen die anderen Hostelgäste nach ihrem Consent gefragt?

Was sagst du, wenn plötzlich die Türe aufgeht und wer reinkommt?

…incomplete…

Zwei dunkelgrüne Plastikblachen, durch deren Mittelspalt ich zu einer Videoinstallation vordringen kann. Ich habe sie nicht verstanden, war überfordert davon, es ist alles zu viel. 

Zu viel Geruch nach alter Fabrikhalle – dieser ganz spezifische Geruch von Maschinenöl und Holz – und ich glaube auch Metall.

Zu viele visuelle Eindrücke, zu viel Dinge die überall rumstehen, liegen, da deponiert, da vergessen, da platziert, da ausgestellt, da umgestellt wurden. Ich komme schwer klar mit dem Überfluss und suche mir Elemente, die sich mir in ihrer Ordnung erschliessen lassen. Ein wunderbar regelmässiger Sockel aus drei mal drei trapezoieden, doppelflächigen Beinen. Daneben ein Tischchen mit ebenfalls drei gleichen trapezoiden, doppelflächigen Beinen. Ich habe mich auf ein graues Sofa in einem hellen Raum gesetzt. Als wir für die Besichtigung des Unterwerks hergekommen waren, habe ich mich auch schon am längsten in diesem Raum aufgehalten. Vielleicht weil hier ein schöner, hoher Blumentopf steht, der aussieht, als wäre er ein Designobjekt? Oder die Zimmerpflanze, die in Bananenblättern aus dem Topf wächst und von Fäden getragen wird?

Incomplete fühlt sich für mich anstrengend an. Das hat sicher mit meinem Hang zu Perfektionismus zu tun – der mir auch immer mal wieder zum Verhängnis wird. Ist also ein gutes Training, würden einige sagen. Aber unfertig ist einfach deshalb anstrengend, weil ein Elan – eine Energie – eine Vorstellung gefasst wurde, ein Projekt angerissen und dann………..

irgendwo liegen gelassen. Was bleibt, ist ein Gefühl von verschwendeter Möglichkeit.

Und dann gibts noch die Ästhetik des Unvollständigen, des Trashigen, des…

…und dann noch dieser Raum, in dem bereits jetzt der Apéro für in zwei Tagen bereit steht.