Eigentlich sollte dies ein Text über die Ausstellung Queere Moderne im K20 der Sammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf werden. Die Ausstellung gibt auch viel her, um darüber zu schreiben. Man könnte die Grafik von spinnennetzartigen Verflechtungen beschreiben, die ‘queere Netzwerke’ veranschaulichen möchte und bei der ich an Begriffe wie ‘homosexuelle Seilschaften’, die laut ‘top officials’ den Vatikan durchziehen, denken muss. I hope someone asks the bottom officials as well. We need to hear both sides.
Man könnte beim Reflektieren über Queere Moderne über die wundervollen Hannah Höch Collagen schreiben oder über die antifaschistischen Handschriften von Claude Cahun. Man könnte sich fragen, was Max Ernst hier macht und man könnte ein wenig sexuell erregt sein von Paul Cadmus Badenenden – oder von Leonor Finis Étrangères.
Zwischen all diesen tollen Kunstwerken von bekannten und – zumindest mir – unbekannten Namen hatte mich die kleine, impressionistische Malerei von Henry Scott Tuke mit dem Titel The Critics von 1927 auf eine eigenwillige Art fasziniert. Der Arbeit zeigt zwei junge Männer – einer von ihnen nackt, der andere nur mit einer hellen Hose bekleidet – am Strand. Der Maler scheint hinter ihnen zu stehen und über sie hinaus auf das Meer zu schauen. Daher sind die Gesichter der beiden nicht zu sehen. Die Männer sitzen entspannt auf dem kiesig wirkenden Sand und schauen auf das ruhige Meer, in dem der Kopf eines dritten Mannes beim Schwimmen zu sehen ist. Die Backen des Schwimmers sind gerötet, er lächelt, die Augen verschwinden im groben Pinselstrich. Die gesamte Szene ist idyllisch. Das Sonnenlicht scheint nicht auf den Strand niederzubrennen, vielmehr streichelt es die drahtigen Körper sanft. Zwei grosse Felsen im Meer begrenzen die Komposition und deuten an, dass dieser kleine Strand vor Blicken geschützt ist.
Kennen die drei Männer sich? Kamen sie zusammen an den Strand? Haben sie sich hier kennengelernt? Warum betrachten die beiden Sitzenden den Schwimmer? Ist der Mann im Wasser gerade noch ein betörender Fremder, den die beiden ‘Freunde’ im Wasser entdeckt haben? In meinem Kopf erscheint sofort das Meme “my husband and I saw you across the bar (beach) and we really dig your vibe…” Was ich damit mutmassen möchte: Wird hier der rotbackige Schwimmer von einem Poly-Pärchen aufgerissen? Und wenn hier dann dementsprechend geflirtet wird – und so scheint es für mich – warum heisst das Bild dann The Critics?
Der begleitende Text zum Werk, den das kuratorische Team des K20 zu Verfügung stellt, erklärt hierzu, dass dieser ‘ironische Titel’ wohl auf die ablehnende Haltung konservativer Kritiker gegenüber der homoerotischen Konnotation des Gemäldes (und anderer homoerotischer Malerin von Tuke) verweise. Das klingt für mich ehrlich gesagt (ohne dass ich irgendeine Recherchegrundlage habe) völlig unlogisch. Müsste es dann nicht irgendwas wie Safe from Critics sein, wenn dort draussen, im spätvikorianischen London die Kritiker sitzen und die jungen Männer lustvoll am Strand entspannen? Warum sollte man sich Nörgelnasen in seinen Badeurlaub holen? Ich glaube vielmehr, dass man aus Taktgefühl seitens der Kurator*innen hier nicht aussprechen möchte, was wir alle wissen: the gays be some judgemental bitches…
Nehmen wir an dieser intime kleine Strand mit den nackten Männern ist ein Ort, an dem Menschen mit homosexuellen Tendenzen cruisen, sprich nach unverbindlichem und möglicher Weise anonymem Sex suchen. Wenn das der Fall sein sollte, dann sind die Kritiker vielleicht alle dort anwesenden Männer und sie sind es gegenüber den jeweils anderen dort anwesenden nackten Männern. Denn an einem Ort, an dem – wenn auch nur flüchtige – sexuelle Begegnungen gesucht werden, wird immer evaluiert, kritisiert, präferiert. Vielleicht diggen die beiden Herren am Strand den Schwimmer gar nicht, sondern schauen (wir sehen ihren Blick ja nicht) ein wenig abfällig auf ihn hinaus im Meer, weil er für ihren Geschmack einen zu flachen Hintern oder zu wenig (oder zu viel) Haare an einer bestimmt präferierten Körperstelle hat. Oder vielleicht wird hier irgendwas anderes an dem glücklich planschenden Mann ohne Augen kritisiert, von dem wir gar nicht ahnen können was es sein möge. Der Körper des Beobachteten ist schliesslich versteckt unter einer weichen Brandung.
Die Kritiker, das sind wir alle. Swipes nach links oder rechts sind sehr kurz und prägnant formulierte Kritiken auf mangelhafter Informationsbasis. Aber nirgends ist das Evaluieren – und damit Kritisieren – von Menschen und Körpern so explizit wie in einem Cruising-Kontext. Der Dark Room mag noch so dark sein, irgendwen will man dann doch nicht anfassen.
Bei all diesen Gedanken an und über homosexuelle Bewertungsfreudigkeit musste ich an Q.U.I.C.H.E. denken. Bevor das Kollektiv diesen Namen fand, dessen Akronym ja weltberühmt ist und das hier nicht weiter erklärt werden muss, war ein Arbeitstitel für das Schreibkollektiv: Gays hate your exhibition.
And indeed, we do. Wir finden das alles nicht so gut. Irgendwie usselig was so rumsteht. Das Licht ist auch schlecht. Feucht durchgewischt hat sowieso wieder niemand. So geht das alles nicht. Genauso denken wir uns das. Und machen wir uns nichts vor: wir wissen es immer besser. Es ist eine Gnade und eine Qual. Einfach immer alles besser. Fast wie Cassandra nur mit besseren Frisuren. Hätte uns mal wer gefragt, hätte all dieser Unsinn verhindert werden können. Das gilt für Katy Perry Perücken genauso wie für Rasierpraktiken von Fremdschamhaar, das nun an einem Körper fehlt, mit dem wir nun wirklich nicht an diesem Nackstrand rummachen möchten. Also – es sei denn, der, den ich will, will mich nicht. Dann re-evaluiere ich das noch mal. Ungern.
Wir wussten es immer schon besser und wissen es mit jedem Tag, der dahin geht, sogar noch ein kleines Stückchen besser. We are the critics. We are judgmental bitches. And you can thank us for it.
