Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Dem Tod nahe gekommen in der Thai Massage

Dieser Text wurde im Rahmen eines Open Calls zum Thema ‘Trauer’ im Juni 2025 verfasst. 

Wenn meine Mutter einen ihrer Schübe aufgrund ihrer Weichteilrheuma-Erkrankung hat, dann berichtet sie darüber immer so: Mein ganzer Körper schmerzt unaushaltbar. Auf Albanisch – meiner Muttersprache – klingt das nochmals gravierender oder vielleicht kommt es mir nur so vor, weil mir meine Muttersprache wie keine andere Sprache nahe geht und mich auf eine sehr intime Weise innerlich berührt. Meine Mutter sagt dann: Esht tum dhimt trupi sukur mem pas rreh dikush. Mein Körper tut mir so weh, so als hätte mich jemand verdroschen. Wenn sie das sagt, tut sie mir unendlich leid und doch kann ich es (glücklicherweise?) nicht ganz nachempfinden. Aber vor Kurzem bin ich diesem Zustand, glaube ich, näher gekommen. In einer spontanen Laune bin ich wieder mal in die Thai Massage.

         Ich habe schon mehrere Thai Massagen gemacht und jedes Mal habe ich mich wohl gefühlt, da sich die Masseurin meines Erachtens gut an meinen Körper und meine Empfindungen anpassen konnte, nachdem ich ihr von meinen jeweiligen manchmal chronischen manchmal eigenartigen, willkürlichen Schmerzen berichtete. Diesmal ist es ganz anders. Diesmal habe ich grosse Schmerzen wegen der Massage.

         Im Massagestudio riecht es nach Räucherstäbchen. Die Masseurin wartet auf mich ganz in rot gekleidet und mit einer gelben Hibiskusblüte im Haar. Eine ältere Frau sitzt auf dem Sofa und schaut sich etwas auf ihrem iPad an. Die Masseurin und die ältere Dame sprechen auf Thailändisch miteinander und mir kommt es enorm laut vor. Auch die Klaviermusik, die zur Entspannung beitragen sollte, dröhnt aus den Lautsprechern, so dass ich die Masseurin bitte, die Musik etwas leiser zu stellen. Sie scheint von meinem Wunsch irritiert, passt jedoch die Lautstärke an und fragt, ob es nun besser sei. Besser, sage ich. Danke. Diese Interaktion macht im Nachhinein klar, dass die Masseurin und ich nicht gut kommunizieren können.

Dann geht es los. Ich liege auf dem Bauch, mein Gesicht in einem kleinen, ovalen Loch, die Masseurin steigt auf die Liege, dann auf mich drauf. Ich werde mich wohl nie recht an diese erste Handlung gewöhnen, in der eine zierlich wirkende Frau mit ihrer vollen Kraft und ihrem ganzen Körper, Ellbogen nach vorne, bereit zum Angriff auf meine Verspannungen auf meinem Rücken kniet. Schon da merke ich, dass ihre Art und Weise von Intensität und Wucht strotzt. Schon da hätte ich sagen sollen, ich möchte eher eine sanfte, entspannende Massage. Aber sie ist voll im Schuss und auch als ich vor Schmerzen aufschreie und sage, es sei zu doll, meint sie, das sei normal. Sie lacht zwar dabei, wenn sie das sagt, aber ich spüre keine Anpassung an den Druck, den sie auf meinem Rücken ausübt. Etwas später drückt sie weniger fest und fragt, ob es ok sei. Ich sage, ja, obwohl ich mir nicht sicher bin. Es ist diese eigenartige Dynamik, die schnell zwischen uns entstanden ist. Sie massiert mit einer Kraft, die ich eher bei einer Kampfsportlerin oder She-Hulk erwartet hätte, ich schreie auf, sie sagt, ich müsse etwas Geduld haben, es werde schon wieder besser, ich sage nichts mehr und hoffe, dass es besser wird. Oftmals flüstert sie entspaaannneeennn, während sie ihren Ellbogen irgendwo in meinen Körper rammt.

Um mich vom Schmerz und dem Nachtrauern der erwarteten Entspannung abzulenken, denke ich darüber nach, wieso wir als Gesellschaft nicht Thai Masseurinnen im Kampf gegen das Patriarchat einsetzen. Denn Thai Masseurinnen wirken harmlos, zierlich, stereotypisch feminin, so dass sie eine fast magische Anziehungskraft auf stereotypische Frauenhasser haben könnten. Sie könnten mit einer Bewegung, einem Griff jemanden zum Zusammenkauern bringen, da bin ich überzeugt. In meiner Fantasie setzen wir Thai Masseurinnen ein, um gegen machthaberische Machos wie Trump oder Elon Musk vorzugehen. Nur eine kleine Massage, ein bisschen hier und da drücken, entspaaannneeennn und zack wären sie gefügig, würden um Reue bitten, bekunden, dass sie sich ändern würden und nicht mehr die Unsicherheit in ihrer Männlichkeit an marginalisierten Gruppen und Frauen in Form von struktureller Gewalt auslassen würden. Diese Männer würden im Schmerzzustand erkennen, dass auch sie wie jeder andere Mensch von einer Person mit Uterus gekommen sind und ihr Hass, den sie schon immer versucht haben zu verdrängen, nach Aussen gekehrter Selbsthass ist.

Das Schnarchen der älteren Dame reisst mich aus meiner Fantasie. Sie muss wohl auf dem Sofa eingeschlafen sein. Die Massageliege und den Rest des Raumes teilt nur ein Vorhang, darum höre ich auch ihr Gespräch, das sie später mit jemandem am Telefon führt. Die Thai Masseurin und sie sprechen wieder laut auf Thailändisch miteinander. Nach wenigen Minuten entschuldigt sich die Thai Masseurin und meint, es ginge darum, dass ihre Mitarbeiterin im Spital sei, und das mache sie sehr traurig. Ihre Mitarbeiterin habe etwas am Herzen. Mein eigenes Leid ignorierend, sage ich, dass es mir leid tut. Das sei sicherlich schwer für sie. Und dann werde ich wieder ins Hier und Jetzt geholt, als die Thai Masseurin mit festem Griff sich an meinem Nacken macht. Am Ende der Massage meint sie, ich solle wiederkommen, denn beim zweiten oder dritten Mal sei es entspannter. Man müsse sich an den Druck und den Schmerz gewöhnen. Ich sage nichts und mache in Gedanken eine Liste mit Personen – vorwiegend Frauen hassenden Machos – denen ich diese Thai Masseurin wärmstens empfehlen werde.

Auf dem Nachhauseweg spüre ich meinen Körper anders, schmerzend. Das Aromaöl, das die Thai Masseurin zuerst warm eingerieben und dann mit einem Tuch abgewischt hat, hat einen seltsamen Geruch hinterlassen, das mich an den Babyöl-besessenen amerikanischen Rapper denken lässt, der momentan vor Gericht steht. Die Anklagen wegen u.a. Menschenhandel zu sexuellen Zwecken sind noch zu beweisen, doch was feststeht und der Rapper selbst nicht leugnet, ist, dass er jahrelang häusliche und sexualisierte Gewalt gegenüber seiner damaligen Partnerin ausgeübt hat. Über 10 Jahre lang soll er seine Partnerin regelmässig misshandelt und missbraucht haben.

Meine körperlichen Schmerzen führen zu einer innerlichen Anspannung. Ich fühle die Trauer und Wut über die Realität, in der so viele Frauen und marginalisierte Personen auf der Welt tagtäglich leben. Geschlechtsspezifische Gewalt ist so üblich, dass sie oftmals nicht mehr auffällt. Und wenn sie auffällt, dann wird meist den Opfern nicht geglaubt, das Ganze relativiert oder eben relativ wenig zur Änderung der prekären Umstände unternommen.

Wenn einen die Trauer zerreisst, sagt man auf Albanisch: Pom dhem zemra. Mein Herz schmerzt. Und das tut es meist, nicht nur, wenn ich an geschlechtsspezifische Gewalt denke und mit all den Menschen mitfühle, die Grausames erlebt haben und erleben. Mein Herz schmerzt vor allem, weil sich dieses Monstrum namens Patriarchat immer weiterdreht und neue Auswüchse zu bilden scheint. Weil ich mir zu klein vorkomme, als wirklich etwas tun zu können. Weil es auch für mich oft ums Überleben geht.

Vielleicht würde ich mich handlungsfähiger fühlen, wenn ich die gleichen Superkräfte wie die Thai Masseurin hätte. Nur schon zu wissen, dass ich eine enorme Kraft kanalisieren kann, mit der ich mich jederzeit nicht nur wehren, sondern auch meinen Willen durchsetzen könnte. Zusätzlich würde ich andere darin schulen, eine ganze Schar an Thai Masseurinnen bilden, die für das Gerechte und Gute einstehen, die sich ums Gemeinwohl kümmern, um Frieden und ein freudvolles Miteinander. Vielleicht liegt die Lösung darin, diese Utopie immer wieder anzustreben und nicht aufzugeben. Als ersten Schritt will ich eine Thai Masseurinnen-Crew bilden, um sich der Trauer, der Wut, der Ohnmacht aktiv zu stellen. 

Meine Mutter wird sehr wahrscheinlich nicht Teil der Crew werden wollen. Zu sehr leidet sie an ihren körperlichen und seelischen Schmerzen, die von patriarchaler Macht und Frauenhassern verursacht wurden. Jahrzehntelanger Kampf ums Überleben macht einen nicht stärker, egal was Instagram-Inspo-Quotes behaupten. Er macht dich krank. So krank, dass du manchmal nicht weitermachen, in eine andere Realität fliehen, dein Herz austauschen möchtest gegen eines, das das Privileg hat, nie gelitten zu haben. 

Und doch gibt es auch hier Nuancen. Auch in diesen Leben gibt es das ‘both and’, also scheinbar widersprüchliche Gleichzeitigkeiten. Ja, die patriarchale Macht hat uns geschwächt und schwächt uns immer noch und macht uns krank UND wir finden immer wieder Möglichkeiten, andere Lebensformen und -entwürfe zu kreieren, resilienter zu werden und so zu leben, wie wir es möchten. Die Wut, Trauer und das Leid sind allgegenwärtig UND wir verspüren immer wieder auch Hoffnung, Freude, kollektives Vorankommen. Meine Mutter wird keine Thai Masseurin / aktive Kämpferin gegen das Patriarchat (mehr) UND sie hat es wegen oder trotz ihres Leidens geschafft, mich zu sensibilisieren, so dass ich mich umso mehr für Gleichstellung jeder Art einsetzen möchte. 

Generationenübergreifende Trauer wird nicht an einem Tag verarbeitet, der Kreislauf nicht wegen einer Person durchbrochen. Ähnlich wie in der Thai Massage braucht es eine Praxis des Durchbrechens, mal mehr mal weniger Druck, mal mehr mal weniger Entspannung, bis irgendwann mal einer von vielen Knoten gelöst wird. Auch dann gibt es ganz viele andere Knoten. Und glücklicherweise gibt es genauso viele Menschen, die die Knoten (gemeinsam) lösen möchten.