Es sei zu Beginn festgehalten, dass der Begriff “girl” im Titel des Texts geschlechtsneutral gebraucht wird. Die Frage, ob die Geschlecht(szuschreibungen)er der drei Tanzenden in Fabrice Mazliahs neuem Tanzstück für die Kaserne Basel für das Betrachten der Produktion relevant sind, soll hier auch ansonsten ausgeklammert werden – auch wenn es eine Grundlage für spannende Überlegungen sein könnte. Wie anders wirkt es doch schnell, wenn eine weiblich gelesene Person an der Karosserie eines Autos leckt und schnuppert, als wie wenn die männlich gelesenen Tanzenden dasselbe Gefährt mit ihrem Hintern über die ansonsten völlig leere Bühne schieben. Aber darum soll es bei den hier notierten Gedanken über “Carnoid” – so der Titel des Stücks, in dem Worte für Auto und Fleisch ineinander verschlungen werden – nicht gehen. Eigentlich sind mir die Menschen aus carne erst mal recht egal. Mich interessiert das Auto. Und ja, das hat mich selbst überrascht.
Wenn man in Deutschland aufwächst, dann lernt man von Kindertagen an, dass das AUTO ein heiliges Objekt ist. Das AUTO ist ein Wunder der Technik, geschaffen vom ehrlichen und unermüdlichen Ingenieurserfindergeist aus Ingolstadt oder Stuttgart oder Wolfsburg oder Rüsselsheim. Das AUTO ist der Beweis, dass die deutsche Technikgenialität auch ganz friedlich in die Welt rollen kann anstatt nur V2 Raketen zu produzieren – auch wenn man dann aus Ehrerbietung gegenüber dem AUTO ihm ebenfalls raketenartige Geschwindigkeit auf den Autobahnen zugesteht. Das AUTO ist das Rückgrat dieses Landes, dieses Exportweltmeisters, der hauptsächlich natürlich AUTOs exportiert.
Das AUTO muss regelmässig gewaschen werden und das Öl, womit man es befüllt, sollte teurer sein, als das Pflanzenöl, dass man sich auf den Salat kippt, denn das AUTO hat das verdient. Das AUTO fordert nämlich auch viel vom stolzen Besitzer oder der stolzen Besitzerin. Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – all der Raffinesse, die es ins Leben gerufen hat, muss es gepflegt werden: Denn es ist anfällig. Für Schäden und Mängel. Besonders anfällig ist die (hoffentlich regelmässig) polierte Oberfläche des AUTOs. Dort sind Kratzer möglich. Ein Kratzer im AUTO, das ist wie eine Verstümmelung. Ein grosser Kratzer ist wie eine offene Wunde, vielleicht sogar eine Wunde an empfindlichen Körperstellen. Das zerkratzte AUTO verliert schnell seine magische Erscheinung auf den speziell für AUTOs ausgelegten öffentlichen Infrastrukturen, hinter denen sich alle anderen Verkehrsteilnehmenden bitte hinten anstellen müssen. Oder gar eine Delle. Die Delle in der Karosserie des AUTOs ist wie eine erzwungene Impotenz des Phallusplatzhalters AUTO. Deshalb ist das AUTO zu pflegen und vor allem ist das AUTO deshalb unter keinen Umständen anzufassen!!!!!
In “Carnoid” steht nun ein Auto auf der grossen, leeren, schwarzen Bühne der Kaserne. Es ist mit Decken, Folien und Tüchern verhüllt, wird aber von den Tanzenden schnell entblösst und steht dann in matt-silberner Mattheit vor dem Publikum. Das Auto ist alt, es hat Kratzer und Dellen, es sieht müde aus. Von selbst will es gar nicht mehr fahren, deshalb bewegt es sich nur, wenn die Tanzenden es ziehen oder stossen oder rhythmisch an ihm wackeln. Man merkt an dieser Beschreibung sofort: Sie fassen das Auto an! Und: Sie fassen es überall an. Sie fassen es vorne und hinten an, sie fassen unten an – wo ja auch das bestgepflegteste Auto eigentlich dreckig ist, igitt – und sie fassen es an, wenn sie sich auf das Auto stellen. Sie fassen es an, während sie aus Fenstern und Türen in das Auto hinein- und hinaus klettern. Das Auto wehrt sich gegen dieses Fehlverhalten nicht. Aus seinem Innern dröhnen nur stumpfe Naturklänge. Und dann liegen die Tanzenden unter dem Auto und heben es (leicht) parallel zu ihrer Atmung hoch. Diese Autoentwurzelung lässt die alten profilfreien Räder des Autos den letzten sicheren Halt verlieren. Es ist dem Menschen – dessen androidartige Verbindung mit der Technik im einleitenden Text des Stückes mit einem Achille Mbembe Zitat belegt wird – völlig ausgeliefert.
Diese Passivität des Autos stresst. Genauso stresst es dabei zuzusehen, wie die Tanzenden in Slow Motion vom passiven Auto überrollt werden. Zu sehen, wie Körper und Köpfe unter der Kühlerhaube verschwinden, stresst. Es ist wie ein Unfall, der nie aufhört, und der niemanden verletzt. Und in diesem endlosen Unfall passiert etwas Spannendes: das Auto verwandelt sich in etwas anderes. Es wird vom AUTO zum Auto zum Spielball auf Rädern. Das technische Wunderwerk wird zum Requisit, an dem man ziehen, reiben, lecken kann. Das Auto verliert seine Autohaftigkeit. Irgendwas an diesem Prozess ist befreiend. Metall bleibt nur Metall und verdichtet sich nicht zu etwas, das grösser ist als die Summe seiner Teile. Beinahe klamaukig und respektlos wird mit diesem Requisit umgegangen. Man kann es anfassen, drauf blasen, sich drunter legen, Stoffe ins und aus dem Inneren ziehen. Das Auto ist ein Gefäss, an dem man sich in wirren Verrenkungen reiben kann. Es ist als wüssten die Tanzenden gar nicht, was da für ein Objekt steht und rollt. Sie fehl-verwenden es in ihren körpergetriebenen Untersuchungen. Tanz ist hier ein körperliches Ausloten von Nichtverständnis. Das wirkt manchmal albern, manchmal anstrengend und manchmal hilflos. Diese Art des um-etwas-herum-taumelnden Tanzes lässt die (menschlichen) Körper manchmal genauso fremd erscheinen wie das entmystifizierte Auto und hinterlässt bei mir einen finalen Gedanken: Wenn das ungeschickte Verwenden von Alltagsgegenständen Tanz ist, dann bin ich vielleicht doch eine Prima Ballerina.
