Q.U.I.C.H.E. ist ein queeres Schreibkollektiv aus Basel

Wo sich die Welten küssen: Tzatziki und das Yachtdilemma

Als kulturschaffende Person lebt man zumeist unter der Armutsgrenze. Gleichzeitig ist man aber immer wieder mal mit den obersten Riegen der Gesellschaft konfrontiert. Manchmal, weil man sich ihnen anbiedern muss, um sich ihre Unterstützung zu sichern. Manchmal aber auch einfach, weil man durch die gleichen Räume wandelt. 

Die Elite aus Wirtschaft und Politik zeigt sich gerne auf Vernissagen. Besonders gerne natürlich, wenn sie den Glamourertrag der Kultur für sich sinnvoll verbuchen können. Zeigt ein Museum geschmackvolle, impressionistische Heuballengemälde aus der Sammlung des Herrn Prof. Von und Zu, dann ist praktischer Weise das Bild danach gleich auch noch mehr wert, wenn man es bei Sotheby’s verkaufen möchte, um die Kautionskosten seiner missratenen Kinder zu zahlen. Vielleicht möchte man aber auch mit dem neuen Status der vom hungernden Künstler gepinselten Landschaft den Preis des Werks künstlich hoch bewerten lassen, um es dann der ausstellenden Institution zu stiften, da man dann die aufgebauschten Millionen aus seiner steuerbaren Einkommen abziehen kann. 

Reist eine kunstschaffende Person für eine Ausstellung ins Ausland, so ist sie gerne mal von Botschafter*innen und anderen politisch Umtriebigen in dezenten Anzügen aus feiner Wolle umgeben. Die Kunstwerke, die für die Künstler*in eine Methode waren, sich dem Wahnsinn der Welt zu stellen, werden dann auf einmal Exporte im Dienste einer nationalen Identität. Dieses Spiel zwischen nationalem Patriotismus und Kunst findet seinen Höhepunkt alle zwei Jahre im Länderpavillionwettbewerb der Venedig-Biennale. Die Künstler*in ist nun nicht nur sie selbst, sie ist auch die Repräsentantin einer möglicherweise überlegenen kulturellen Landschaft und Geschichte eines Landes.

Grundsätzlich sind Kulturschaffende recht gut im Ausblenden solcher Widersprüche. Anders wäre es wohl kaum auszuhalten, dass auf einer Museumsvernissage der im Jahr 2022 bestverdienende CEO der Schweiz vom Podium herab zu ihnen spricht. Anders wäre es nicht zu ertragen, dass durch die zum Museum umgebauten Brauereiräume im Engadin eine milliardenschwere Minenwitwe schwebt. 

Aber manchmal durchbricht die Abstrusität dieser surreal-sloppy Zungenküsse zwischen den sozialen Schichten die Schutzschilder der künstlerischen Ignoranz. Wenn man beispielsweise in einer proseccoschlürfenden Runde steht und dort die besten Yachtanlegestellen besprochen werden. Es bleibt dann der kunstschaffenden Person nichts anderes übrig ausser still und demütig zu nicken, als stimme man mit den geäusserten Vorschlägen überein. So eine Yacht ist eben nicht nur ein Vergnügen, das müssen auch Menschen mit wenig Einkommen einsehen. Ein solch schwimmendes Schmuckstück kommt mit Verantwortung. Und dazu kommt dann noch das soziale Dilemma. Auf der einen Seite will man ja mit der Yacht auch im Hafen von Nizza oder Split gesehen werden. Auf der anderen Seite möchte man gleichzeitig auch ein wenig Privatsphäre. Ein yachtbasiertes Dilemma dem sich glücklicherweise nur Wenige stellen müssen.

Richtig schwierig wird es für die gerne mal marxistische Theorie in YouTube-Essays schauende Künstlerin aber erst, wenn die reichen, mächtigen Gesichter, denen man an solchen Kulturanlässen begegnet, berühmte Gesichter sind, mit denen man gewisse politische oder kulturelle Bilder verbindet. Was macht man beispielsweise, wenn man am Vernissagenbuffet steht, mit stumpfem Schmiermesser in der Hand, und Roger Köppel läuft an einem vorbei? Nichts, natürlich. 

Kürzlich war ich in Deutschland auf einer Vernissage in EZB-Nähe. Ganze Schwärme von wohlfrisierten Damen und Herren aus dem Taunus-Millionär*innenkreis waren angereist. Sicher waren sie auf ihrem Weg von Bad Homburg an dem Basaltgedenkstein vorbeigefahren, welcher an das RAF Attentat auf den Deutsche Bank-Direktor Alfred Herrhausen erinnerte. Nun standen sie aber im Museumsgarten und warteten in langen Schlangen auf Limoncello Spritz. 

An eben dieser Vernissage liess sich auch, sicher gepanzert in einem klassischen Chanel-Kostüm, Christine Lagarde die akademischem Aktmalereien der Ausstellung zeigen. Ihre Bodyguards traten währenddessen dezent in den Hintergrund. Die Museumsräume gelten wohl in Sicherheitspersonalkreisen als Terrain mit überschaubarem Risiko. Aber mein Bedürfnis, die Lage für Senora Austerity ein wenig unsicherer zu machen, liess sich selbst von dem duselig schimmernden Deckenlicht kaum unterdrücken. Wie gerne hätte ich im Gedenken an die griechischen Rentner, deren Armut sie mit auf dem Gewissen hat, eine grosse Schüssel Tzatziki auf Frau Lagarde geworfen. Aber – wie so oft – war ich leider ohne Tzatziki unterwegs. Ein grober Fehler, der einem eigentlich nicht passieren sollte. Und so verschwand die EZB Direktorin unbeschmiert wieder, nachdem sie alle ausgestellten Bilder wohlwollend abgenickt hatte, um im Panzerwagen zurück in ihre mit Designermöbeln verstellte Fledermaushöhle zu verschwinden, in welcher sie in meiner Vorstellung haust.